Neun Erzähler aus neun Ländern werben für Toleranz

Von: Holger Bubel
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Fesselt mit seiner Art zu erzählen Kinder unterschiedlicher Nationen und Religionen: Griot Tormenta Jobarteh aus Gambia berichtet auch von seinem Land und den dortigen Gewohnheiten. Foto: Holger Bubel

Alsdorf. „Was ist das Wichtigste beim Erzählen?”, fragt der große, in weißem Gewand gekleidete Mann ins Klassenrund. „Das Zuhören”, klärt er selbst auf. Der Mann, der diese weise Erkenntnis den rund 40 Schülern mitteilt, ist Tormenta Jobarteh, seine Zuhörer die zweiten Klassen der Gemeinschaftsgrundschule Alsdorf-Schaufenberg.

Der Erzähler aus Gambia ist im Rahmen des Projekts „ImPuls der Kulturen”in der Nachfolge von „Theseus” zu Besuch an der Schule. Der Griot (afrikanische Bezeichnung für Musiker, Historiker, Chronist in einer Person) Tormenta Jobarteh ist einer von insgesamt neun Erzählern aus neun verschiedenen Ländern, die im Laufe des Schuljahres den Kindern von ihrer Heimat erzählen.

Im Projekt kommen zu Wort: Deutschland, Türkei, Iran, Frankreich, Ukraine, Syrien, Gambia, England und Israel. „Sie stellen sich mit dem Puls ihres Landes vor: mit einem Zaubermärchen, mit ihren Narren und mit sich selbst als Vertreter dieses Landes”, erläutert Regina Sommer, selbst Erzählerin und Organisatorin des Projektes, das von Stadt und Kreis Aachen sowie von der Bürgerstiftung für die Region Aachen und dem Ministerpräsidenten NRW unterstützt wird. „Weil das Erzählen eine uralte, volksnahe Kunst ist, gibt es für jede Kultur nicht nur spezifische Geschichten, in denen sich die Werte und geographischen Gegebenheiten, sondern auch der je typische Erzählstil widerspiegeln”, sagt Regina Sommer.

Welchen Wert das Projekt für die sprachliche und soziale Entwicklung hat, haben die beiden Klassenlehrerinnen der Schaufenberger Grundschüler, Kornelia Feilgenhauer und Susanne Byron, bereits feststellen können. „Von dem Erzählprojekt profitieren vor allem unsere ausländischen Schüler. Und die machen in den zweiten Klassen fast die Hälfte aus. Durch das Zuhören und Nacherzählen werden sie sprachlich sicherer”, haben die Pädagoginnen bereits nach der Hälfte der Veranstaltungsreihe erkannt. Und dass die Situation an ihrer Grundschule tendenziell schwieriger würde - „Manche Kinder werden mit nahezu null Deutschkenntnissen eingeschult” - rechtfertige das Bemühen um sprachfördernde Projekte über den „normalen” didaktischen Unterricht hinaus. „Mit dem âTheseusÔ-Projekt, ebenfalls von Regina Sommer geleitet, hatten wir bereits sehr gute Erfahrungen gemacht”, erinnert Kornelia Feilgenhauer. Zudem: „Besonders für die Migrantenkinder ist es eine wertvolle Erfahrung, ihren deutschen und Klassenkameraden anderer Nationalitäten über den Erzähler etwas von ihrer Heimat zu vermitteln. Das stärkt ihr Selbstbewusstsein”, betont Susanne Byron. Und auch dass muslimische Kinder etwas über die jüdische Kultur erfahren, und zwar von Gidon Horowitz aus Israel, einem der bekanntesten Märchenerzähler im deutschen Sprachraum, sei ein wertvoller Sozialisationsbeitrag und mit dem Blick in die Zukunft gerichteter Grundstein für ein friedvolles Miteinander der Religionen und Gesellschaften.

Mit dem Wichtigsten, dem Zuhören, ist es für die Grundschüler aber nicht getan. Nach den Märchen und Geschichten berichten die Erzähler über das Leben in ihrer Heimat und stellen sich den Fragen der Kinder. „Die deutsche Landkarte wird im Anschluss um die Kultur des Erzählers ergänzt. Die Schüler entscheiden dann, wodurch er repräsentiert wird. Das kann ein Tier sein, die Nationalfahne, bestimmte Kleidung oder Essen”, erläutert Regina Sommer. Zum Abschluss erfindet die Klasse eine eigene Geschichte, wobei sie aus den neun Kulturen etwas aufnimmt - eine Figur, einen Namen, eine Idee - wodurch etwas Neues entsteht. Diese Geschichte wird den Erzählern, sozusagen als Dankeschön, überlassen.
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