Alsdorf - Neujahrsempfang: Rolf Westerheide formuliert Hausaufgaben

Neujahrsempfang: Rolf Westerheide formuliert Hausaufgaben

Von: Karl Stüber
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Eines der „Leuchtturm“-Projekte, die Alsdorf weiter voranbringen sollen: Das im Bau befindliche Kultur- und Bildungszentrum (KuBiz), in welches das Dalton-Gymnasium und die städtische Realschule aus Ofden umsiedeln werden – in der Mitte der alte Wasserturm. Foto: Karl Stüber
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Nahm sich in seinem Beitrag des Themas Alsdorfer Innenstadt an: Prof. Rolf Westerheide (r.) von der RWTH Aachen – hier mit Gastgeber Bürgermeister Alfred Sonders, im Hintergrund der Städtische Chor Alsdorf mit Chordirektor Günther Kerkhoffs. Foto: Karl Stüber

Alsdorf. Was für eine Botschaft beim Neujahrsempfang der Stadt! „Alsdorf wird sich in zehn Jahren zu einem der attraktivsten Wohnorte entwickelt haben!“ Wie bitte? Alsdorf? Sind die da jetzt vollkommen durchgeknallt?, werden sich bestimmt „Nachbarn“ fragen. Ausgerechnet das vermeintlich hässliche Entlein im Nordkreis, das viel länger als andere am Dreck und Staub der Steinkohle klebte? Das hat doch bestimmt wieder Bürgermeister Alfred Sonders (SPD) gesagt, oder? Nein?!

Diese mutige These stellte in der Stadthalle Prof. Rolf Westerheide von der RWTH Aachen auf. Der Diplom-Ingenieur und Bauassessor, Fachmann für Städtebau und Landesplanung, kennt die Stadt seit Jahren, hat den Stadtmarketing-Prozess in Alsdorf begleitet und mitgestaltet und zuletzt mit Studenten seines Fachbereichs beim Ideenwettbewerb zur Gestaltung des Zentralparkplatzes und eines großen Areals am Rathaus teilgenommen.

Unter dem Titel „Auf dem Weg in die Zukunft: Alsdorfs Innenstadt entwickelt sich“ schrieb Westerheide als Gastredner den Alsdorfern Interessantes ins Stammbuch, was als Hausaufgaben zu werten ist. Ohne Zweifel hat Alsdorf als Familienstadt voller Energie mit einer stetig stimmiger werdenden Kombination von historischen Gebäuden und Neubauprojekten, dem Energeticon, dem Kultur- und Bildungszentrum und einer Reihe weiterer Projekte mit Blick gerade auch auf die Freizeitmöglichkeiten (Tierpark, Stadthalle, Cinetower, viel Grün) schon einiges an der Verbesserung des Stadtimage im Wettbewerb mit anderen Kommunen an Boden gut gemacht, lobte Westerheide. So viel zur Außenwirkung.

Aber wie steht es um das Image, das Alsdorf bei den eigenen Bürgern hat? Wie steht es um die Identität der Bürger mit ihrer Heimatstadt und nicht nur ihrem jeweiligen Stadtteil? Ist die Identifikation mit der eigenen Stadt nach dem Ende des Steinkohlenbergbaus weggebrochen? Gerade das Verhältnis der Bürgerschaft zur zentralen Ortslage, also der Alsdorfer Innenstadt, ist ein Zeichen dafür, wie es um die Stadtidentität gestellt ist, führte Westerheide aus. Der Professor lobte, dass der Aufbruch in Alsdorf in die richtige Richtung geht: „Der Boden für ein anderes Miteinander wird bereitet.“ Aber wie steht es um die inneren Werte, den sozialen Zusammenhalt über die Grenzen der Ortslagen hinaus, wie steht es um den Begriff und das Gefühl von Heimat? „Die Bürger sehnen sich nicht nach einer Marke Alsdorf, sondern nach Identität“, sagte Westerheide. „Da geht es um Wohlbefinden – hier kann man leben, hier kann man bleiben.“ Rationale und emotionale Faktoren verschmelzen im Kopf. Das Gesamtbild ist entscheidend. Und es geht dabei um Dauerhaftigkeit. „Das muss in die Kozepte integriert werden“, forderte der Städtebau-Experte. „Vielleicht wirkt der historische Geist des Zusammenhalts heute doch noch fort – aus der Zeit des Bergbaus.“ Daran muss angeknüpft werden. Aus dem Potenzial muss etwas gemacht werden. Aus Schwächen gilt es Stärken zu machen. „Man muss was wagen!“, forderte Westerheide. „Alsdorf verfügt im Umkreis über eine einmalige Siedlungsstruktur im Grünen.“ Das muss miteinander verzahnt werden.

Bleibt die Gestaltung der Innenstadt. Westerheide griff einige Beispiele aus dem studentischen Ideenwertbewerb auf. „Es ist noch nicht alles durchdacht. Aber es geht dabei um das Ausloten von Möglichkeiten, um Ideen.“ Und daran mangelt es nicht. Der Bereich Zentralparkplatz und das große Areal am Rathaus stellen aus Sicht des Aachener Professors eine „riesige Flächenreserve dar“. Damit stehe Alsdorf einmalig da. Und die Wege zu anderen Einrichtungen im Umfeld sind kurz. Reichlich Potenzial, um durch bauliche Maßnahmen eine neue Identität zu schaffen. Westerheide appellierte, mutige Entscheidungen zu treffen, aber gegebenenfalls auch Geduld zu haben, auf den richtigen Moment zu warten. Die Qualität von Neuansiedlungen und Projekten sei entscheidend, nicht die Quantität. Dem Fachmann wurde reichlich Beifall zuteil.

Rückschläge auffangen

Chordirektor ADC Günther Kerkhoffs, der am 1. April glatte 50 Jahre musikalisch in Alsdorf aktiv sein wird, wie Bürgermeister Sonders sagte, sorgte mit seinem Städtischen Chor Alsdorf wie auch der Junge Chor Alsdorf unter Leitung von Josef Voußen, Kantor von St. Castor, für die passende musikalische Unterhaltung und Überleitung im Programm des Neujahrsempfangs.

Aber nicht alles ist eitel Sonnenschein. Sonders erinnerte daran, dass Alsdorf bei der Konsolidierung des kommunalen Finanzen im vergangenen Jahr einen herben Rückschlag erlitten hat. Ohne das Unternehmen Cinram namentlich zu nennen, erklärte er, dass sich die von der Firma vor dem Finanzgericht und gegenüber dem Finanzamt erstrittene Gewerbesteuerrückzahlung insgesamt auf rund 26 Millionen Euro inklusive Zinsen beläuft. Das sei „wie ein Blitz aus heiterem Himmel gekommen“.

Es gibt aber auch einen „Hoffnungsschimmer“. Intensive Gespräche mit NRW-Innenminister Ralf Jäger „haben sich ausgezahlt“, sagte Sonders, „denn das Land NRW hat unserem Antrag auf eine sogenannte ‚Sonderbedarfszuweisung‘ entsprochen. Zwischen dem Jahreswechsel hat man uns 1,4 Millionen Euro überwiesen und damit rund ein Viertel der Zinslasten übernommen, die durch die erste Tranche der Gewerbesteuererstattung bei uns hängen blieb. Zudem wird das Land mit Blick auf die so gesunkene Gesamtsteuerkraft zum Ausgleich „erheblich mehr Schlüsselzuweisungen“ leisten.

Es gibt weitere Probleme. Neben den Kosten für die Unterbringung und die Versorgung vieler Flüchtlinge trifft die Stadt Alsdorf laut Sonders „besonders hart, härter als die Gewerbesteuererstattung die Erhöhung der Städteregionsumlage“. Sie steigt in diesem Jahr um 1,8, in 2016 um 3,5 und in 2017 um 4,6 Millionen Euro – im Schnitt also um 3 Millionen pro Jahr. „Das entspricht dem Gesamtbetrag aller freiwilligen Leistungen, die unser Etat vorsieht, und anders herum gesagt: 3 Millionen Euro sind 290 Prozentpunkte mehr an Grundsteuern, die wir unseren Bürgern aufbürden müssten, weil wir diese freiwilligen Leistungen brauchen und eben nicht streichen können, wenn wir Alsdorf attraktiv halten wollen“, sagte Sonders. Und stellte sogleich die provozierende Gegenfrage: „Oder ist jemand dafür, das Hallenbad, den Tierpark, die Stadthalle, unsere Sportplätze und -heime zu schließen, die Schülerlotsen zu entlassen oder den offenen Ganztag an unseren Grundschulen zu schließen? Das kann doch niemand ernsthaft wollen.“

Sachlich muss seiner Auffassung nach diskutiert werden, welche Aufgaben die Städteregion tatsächlich erfüllen muss. Alsdorf will durch Verhandlungen mit der Bezirksregierung erreichen, die Sanierung der Finanzen möglichst lang zu strecken, um die Belastungen für die Bürger abzufedern. Schon längst hat die Stadt begonnen, alle Ausgaben zu prüfen. Etliche Sparvorschläge sind schon erarbeitet. Trotzdem muss auch an der richtigen Stelle investiert werden, sagt Sonders. So wird eine „lange im Stellenplan freigehaltene Stelle in der Wirtschaftsförderung“ besetzt. Es geht um City-Management, Sanierung und Vermarktung des Altbestands in der Stadt und die Unterstützung der neu formierten Aktionsgemeinschaft Stadtmarketing und anderes mehr. „Die Stelle wird mit Holger Bubel besetzt“, sagte Sonders.

Bubel ist langjähriger Mitarbeiter unserer Zeitung und wird zum 1. Februar seine Arbeit in der Stadtverwaltung aufnehmen. „Wir werden Alsdorf weiter unter Strom setzen“, gab Sonders als Devise aus. Da will der Bürgermeister selber „vorwegrollen“ und sein derzeitiges Dienstfahrzeug abschaffen und „auf ein kleineres Elektrofahrzeug umsteigen“ – angeschafft „mit einer großzügigen Förderung und unterm Strich billiger“, wie er sagte. Wenn Sonders dann durch Alsdorf rollt, so wird es wohl heißen: Da kommt er wieder, der „kleine Stromer“.

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