Naturschutz und Holznutzung sind kein Widerspruch

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Kennen sich auch im Herzogenrather Forst bestens aus: Dr. Gerd Krämer, Leiter des Gemeindeforstamtes Aachen, und sein treuer Mitarbeiter auf vier Pfoten, der Weimaraner Luke. Foto: Beatrix Oprée

Herzogenrath. Das Gemeindeforstamt Aachen hat seit fast 40 Jahren eine öffentlich-rechtliche Vereinbarung zur Bewirtschaftung auch des Herzogenrather Kommunalwaldes. Dr. Gerd Krämer ist Abteilungsleiter des an der Monschauer Straße angesiedelten Forstamtes. Unsere Redakteurin Beatrix Oprée sprach mit ihm über die Bedingungen in Roda als Naturwaldgemeinde.

Gelegentlich ist es zu Verstimmungen zwischen dem Forstamt und Naturschützern, aber mitunter auch anderen „Nutzern“ des Waldes gekommen. Warum?

Dr. Krämer: Der Wald bildet naturgemäß ein Spannungsfeld zwischen Holznutzung, Erholungsnutzung und Naturschutz. In Herzogenrath haben wir einen enormen Erholungsdruck und gleich drei aktive Naturschutzvertreter, den Nabu, den BUND und die AG Wurmtal. Förster arbeiten grundsätzlich nicht gegen den Naturschutz, denn dieser ist Teil der Ausbildung und damit Teil unserer Gesamtphilosophie. Naturschutz und Holznutzung sind keine widerstreitenden Interessen.

Also sind Ihrer Auffassung nach Ökologie und Ökonomie in der Waldwirtschaft gut in Einklang zu bringen?

Dr. Krämer: Ja natürlich. In keinem anderen Wirtschaftszweig lassen sich die beiden Aspekte so gut vereinen wie in der Waldwirtschaft. Naturnah und nachhaltig zu wirtschaften ist unser Grundprinzip. Zudem wurde Herzogenrath 1997 auf unsere Anregung hin NABU-Naturwaldgemeinde.

Nun gibt es aber dennoch eine kritische Haltung der Naturschutzverbände ...

Dr. Krämer: Die oben angesprochenen Verbände hätten gerne, dass man jede einzelne Maßnahme mit ihnen abspricht. Wenn ich das täte, müsste ich das auch mit den anderen Interessenvertretern tun, etwa aus der Holzwirtschaft, die gerne mehr Holz verwerten würde, oder dem Tourismusverband, der gerne mehr Wanderwege bauen würde. Dies geht aber nicht. Damit es nicht zu einer Verzerrung des Gesamtgefüges kommt, fungiert der Förster als Moderator, um ein Optimum aus allen Interessenlagen herauszuholen. Ende 2012 hatten wir den Nabu, den BUND und die AG Wurmtal ins Forstamt eingeladen, um die Philosophie der naturnahen Waldwirtschaft nochmals darzulegen.

Natürlich haben die Naturschützer ein Interesse daran, ihre Bereiche zu optimieren, doch ihre Interessen sind über die Beteiligung bei Erstellung des Landschaftsplans und der Schutzgebietsverordnungen bereits berücksichtigt. Wir als Förster übernehmen die Ergebnisse und wenden sie an. Zudem beachten wir die Kriterien der Nabu-Naturwaldgemeinde: Das ist Naturschutz mit doppeltem Boden. Wir haben meines Erachtens nie gegen die einzelnen Umweltkriterien verstoßen.

Aufgrund einer Beschwerde im Frühjahr und von uns aktiv beim Nabu Deutschland angesprochen, sind diese Kriterien jüngst durch den Nabu-Landesverband überprüft und zu 100 Prozent bestätigt worden. Ein kommunaler bzw. staatlicher Waldbesitzer darf per Gesetz nie so wirtschaften wie ein privater. Ein kommunaler Wald hat dem Gemeinwohl zu dienen. Zudem ist ein Betriebsplan einzuhalten. Grundlage ist die so genannte Forsteinrichtung, die jüngst einstimmig vom Herzogenrather Stadtrat bestätigt wurde.

Was ist eine Forsteinrichtung?

Dr. Krämer: Alle zehn Jahre findet im Wald eine Art Betriebsinventur statt. Baumarten, Zuwächse, die Erholungsnutzung – wo gibt es etwa Wanderwege, wo Aussichtspunkte? Die naturschutzfachlichen Vorgaben in Naturschutzgebietsverordnungen, etwa Verbote von Nadelholzaufforstungen, werden durch einen externen Forsteinrichter festgehalten und ausgewertet, untereinander und gegeneinander abgewogen und in einem Forsteinrichtungswerk dargestellt – um alle Interessen auf einer Plattform zu vereinen. Unser Forsteinrichter ist dabei in besonderem Maße auf die Anregungen der Naturschützer eingegangen: 13 Prozent der Fläche – verteilt über den gesamten Wald – sind stillgelegt, da passiert nichts mehr. Damit liegen wir weit über dem Landesdurchschnitt.

Wie sieht so eine Bestandsaufnahme aus?

Dr. Krämer: Auf Karten werden Baumartenbestände und ihr Alter in unterschiedlichen Farben festgehalten. Zu jedem Feld gibt es ein Bestandsblatt. So kann man auf einen Blick erkennen, dass etwa südlich von Rumpen ein Eichenwald steht, der 141 Jahre alt ist und einen Holzzuwachs von 2,9 Kubikmetern pro Jahr und Hektar und einen Gesamtholzbestand von 241 Kubikmetern pro Hektar hat. Alles wird hier genau betrachtet, unter anderem auch der Hiebsatz, das heißt die nachhaltig nutzbare Holzmenge. Dabei fließen Naturschutzbelange mit ein, beispielsweise die Tatsache, dass Herzogenrath nur wenig Wald und daher nur wenig altes Holz hat, das für bestimmte Arten sehr wichtig ist; dort wird die Nutzung reduziert, teilweise sogar ganz ausgesetzt.

Und wenn man das Holz generell einfach stehen ließe?

Dr. Krämer: Gar kein Holz zu nutzen kann nicht im Interesse der Gesellschaft und des Naturschutzes liegen. Holz ist ein toller Rohstoff, bei dessen Produktion als Abgas Sauerstoff entsteht. Auch bei der Entsorgung gibt es kaum Probleme, es ist in der Regel unbelastet und thermisch verwertbar. Die Alternative zur Nutzung heimischer Bäume wäre der Import von Hölzern, wie er zur Zeit in großem Umfang aus Polen und Tschechien erfolgt. Die sozialen und Umweltkriterien, unter denen dort Holz eingeschlagen wird, sind hierbei meist unbekannt, die sonst so gute CO2-Bilanz des Holzes negativ. Oder aber Holz würde durch andere Rohstoffe ersetzt, etwa Öl zum Heizen oder Kunststoff bzw. Aluminium im Fensterbau, was mit einem hohen Energieeinsatz verbunden ist. Waldbesitzer sind eigentlich verpflichtet, Holz zur Verfügung zu stellen. Wenn man über den Tellerrand hinaus blickt, bedeutet auch die Nutzung heimischen Holzes Umweltschutz.

Wie groß ist Rodas Forst?

Dr. Krämer: Der Herzogenrather Wald erstreckt sich in kleinen Flecken über 233,9 Hektar. Paulinenwäldchen und die Halde Adolf sind mit rund 60 Hektar die größten Stücke.

Wie beurteilen Sie die jüngst bei Noppenberg abgeräumte Mountainbike-Anlage?

Dr. Krämer: Solche Strecken müssen offiziell sein, aus versicherungs- und strafrechtlichen Gründen. Für sie gilt es, einen geeigneten Bestand zu finden. Herzogenrath hat nur wenig Wald, und davon steht außerordentlich viel unter Naturschutz. Alte Bäume sollten aber erhalten bleiben, es braucht rund 150 Jahre, bis dieselbe Qualität nachgewachsen ist. Mir wäre es am liebsten, wenn man für die Mountainbiker eine Offenlandfläche fände.

Ich habe nichts gegen Mountainbiker, im Gegenteil, aber die Rahmenbedingungen müssen stimmen. In Noppenberg ist der Baumbestand mit dem vielen Totholz nicht geeignet für eine offizielle Anlage. Spaziergänger gehen auf eigene Gefahr in den Wald. Aber bei einer offiziellen Strecke haftet die Waldeigentümerin. Durch das Entfernen abgestorbener Äste und Bäume könnte man unter extrem hohem finanziellen Aufwand die Strecke sicher gestalten. Totholz ist aber Lebensraum für viele Arten, etwa Fledermäuse, Spechte, Eulen sowie Käfer und Pilze.

Wir haben lange gebraucht, um diese Strukturen zu schaffen: Ich hielte es aus Naturschutzgründen für unverantwortlich, diese wieder zu beseitigen. Auf der kleinen Fläche Herzogenrather Wald mit hohem Schutzstatus treffen viele Interessen aufeinander – die gilt es im Sinne des Gemeinwohls ständig auszuloten.

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