Naturgewalten mit Farbtupfern

Von: jope
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Einer der kulturellen Höhepun
Einer der kulturellen Höhepunkte im Jahreskalender: Musiker und Tänzer bestachen bei der Aufführung von Haydns vierteiligem Oratorium in der Alsdorfer Stadthalle mit großartigen Leistungen. Foto: Dagmar Meyer-Roeger

Alsdorf. 2011 schlug das Wetter Kapriolen: Schneemassen zur Jahreswende, Hochsommer-Temperaturen zu Ostern und Allerheiligen, kühles Grau und Grau an den sogenannten „Hundstagen” im August.

Wie der Jahreszyklus natürlich verläuft oder verlaufen sollte, boten die durch den Balbinachor Würselen und Mitglieder des Kirchenchores St. Mariä Heimsuchung Schaufenberg sowie der Cappella a cappella Aachen verstärkten Städtischen Chöre Alsdorf in der fast vollbesetzten Alsdorfer Stadthalle. Unter der Leitung von Günther Kerkhoffs, bei der mehrmonatigen Einstudierung von seinem Assistenten Willy Beckers unterstützt, erklang in Alsdorf erstmals seit 2003 wieder das vierteilige Oratorium „Die Jahreszeiten” von Joseph Haydn (1732-1809).

Eine Neuerung gegenüber der Aufführung von damals gab es freilich: Auf der Hauptbühne der Stadthalle - die Chöre und das Kammerorchester Dieter Beißel waren an der Seite beziehungsweise ebenerdig auf Augenhöhe mit dem Publikum platziert - unterstrichen über 30 Tänzerinnen der Alsdorfer Ballettschule Harlekin (Leitung: Heike Schrey und Uschi Vleek) das musikalisch ausgedrückte Geschehen. Ja, „unterstreichen” - wie von einer feinen und doch energisch geführten Feder - ist das richtige Wort.

Anders als bei einem üppigen Opern-Event ging es nicht darum, die Vorgänge im Orchestergraben und im Chor zu doppeln, sondern dezent zu umschreiben. Oder: den Kern des äußeren Natur-Geschehens sowie die dahinter fühlbaren, inneren menschlichen Befindlichkeiten (letzteres vor allem im Winter-Teil) offenzulegen. Die Choreographie inklusive Beleuchtung arbeitete dann auch in weiten Teilen eher symbolisch-andeutend denn direkt-naturalistisch. Die Tänzerinnen vollführten ihre anmutigen Bewegungen wie beim Wiegen der Ähren im Wind in schlichter schwarzer Kleidung. Bänder und Beleuchtung zeigten die jeweilige Jahreszeit an (wie rosa für den Frühling, sonnengelb für den Sommer und schneeweiß für den Winter).

Schön, sanft, schwebend

„Komm holder Lenz” stimmten die über zwei Stunden hochkonzentrierten Sängerinnen und Sänger nach der im Orchester tonmalerisch vorgestellten Morgendämmerung anfangs an. Lockten die schönen sanften Töne schon frühlingshafte Gefühle hervor, so „unterstrichen” (wieder in diesem dezenten Sinne) die lautlos auf die Bühne schwebenden Elevinnen der Ballettschule diese Atmosphäre. Es ging aber auch anders: Zum beherzt angestimmten und herbstlich-sinnenfrohen Weinfest-Lied der Städtischen Chöre rollten die Tänzerinnen nicht nur sich selbst, sondern auch Weinfässer über den Bühnen-Boden.

Günther Kerkhoffs dirigierte das Werk von Joseph Haydn, das diesem keineswegs so leicht von der Hand ging wie die 2009 in Alsdorf aufgeführte „Schöpfung”, bewusst behutsam - langsam im Vergleich zu den gängigen CD-Einspielungen. Eine Entscheidung, die allen zu gute kam: dem artikulationssicheren Chor wie dem Instrumentalensemble, das seinen Zusatz „Kammerorchester” an diesem Abend mit vollem Recht trug. Die tonmalerischen Schilderungen wie Sonnenaufgang, peitschende Gewitter-Stürme und die durch schleppende Pizzicati angedeutete, lastende Hochsommer-Stille zählten ebenso zu den haften bleibenden Stücken des Abends wie etwa der saubere Bläserklang beim kernigen Jagdlied.

Text-Verständlichkeit auf der einen Seite sowie Stimmschönheit und einen wirklich „langen Atem” andererseits bewiesen die bewährten drei Gesangs-Solisten: Bass Martin Krasnenko als Bauer Simon, Sopranistin Susanne Simenec als Simons Tochter Hanne sowie Tenor Christian Dietz als junger Bauer und Hannes Freund Lukas. Bemerkenswert neben den Soli das schöne Terzett „Ewiger, mächtiger Gott”. Einen exzellenten und mitdenkenden Continuo-Part und Rezitativ-Begleiter gab Ewald Schwiers an Cembalo und Orgel der Stadthalle ab.

Mochten die von Baron von Swieten nach einer englischen Vorlage geschmiedeten Verse - vor allem hinsichtlich bäuerlichem Dorf-Idyll, Frauenbild und Tugend-Belehrung - heute vielleicht altertümlich anmuten: Mit dieser bemerkenswerten Aufführung befreite Günther Kerkhoffs den in diesem Jahr mehrfach von ihm vorgestellten Komponisten vom Geruch eines altmodischen und perückentragenden „Papa Haydn”.

Bereits neue Pläne

An manchen Stellen zauberte Kerkhoffs aus dem Werk Klangfarben heraus, die auf einzelne Stellen von Webers „Freischütz” oder an den Oratorienstil eines Mendelssohn-Bartholdy hinweisen. Dessen „Elias”, so war übrigens nach dem Konzert zu hören, stehen auf der Wunschliste der Städtischen Chöre Alsdorf und seines unermüdlichen Leiters ziemlich weit oben - für die nähere Zukunft.
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