Nachzuchtprogramm: Erneut 60 Feldhamster ausgewildert

Von: Beatrix Oprée
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Ein Wildfang aus Zülpich: Wie alt der kleine Kerl ist, weiß man nicht genau. Feldhamster werden aber ohnehin nur rund drei Jahre alt. Foto: Beatrix Oprée
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Nur wenige Gramm schwer: Am Nackenfell hebt Bas Martens, Cheftierpfleger im GaiaZoo, ein Jungtier aus der Box. Foto: Beatrix Oprée
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Hoch hinaus: Feldhamster, hier ein frischer Wurf, können mit ihren kräftigen Pfötchen sogar eine glatte Metallstange emporklettern. Foto: Beatrix Oprée

Kerkrade. „In die Hand nehmen? Auf keinen Fall! Die sind bissig!“ Nur ein Mini-Exemplar aus einem frischen Wurf mag Bas Martens einmal kurz aus seiner Box heben, vorsichtig am Nackenfell packend. Das kleine Kerlchen verfällt prompt in Schockstarre, mit weit aufgerissenen Augen und in alle Richtungen von sich gespreizten Pfötchen.

Ob es sich so anfühlt, wenn der Rotmilan zuschlägt ...? Doch in diesem Fall gibt es nichts zu befürchten: Bas Martens ist Cheftierpfleger im Kerkrader GaiaZoo und damit auch Hüter über ein mittlerweile grenzüberschreitendes Nachzuchtprogramm für Feldhamster. Denn Cricetus cricetus, auch Europäischer Hamster genannt, steht immer noch auf der Roten Liste der vom Aussterben bedrohten Arten.

Als Ernteschädling wurden die wilden Nager, die bei hohem Aufkommen mitunter ganze Getreidefelder plündern konnten, in der Landwirtschaft einst unerbittlich bekämpft. In der früheren DDR sogar bis in die 1980er Jahre hinein, für jedes abgelieferte Fell erhielten Hamsterjäger eine Prämie.

Schließlich waren die Populationen in ganz Westeuropa derart dezimiert, dass ein Überleben der Art auch ohne Verfolgung durch den Menschen in freier Wildbahn nicht mehr möglich gewesen wäre.

Dafür gebe es gleich mehrere Gründe, wie Bas Martens erläutert. Zum einen die Monokulturen der extensiven Landwirtschaft, vor allem die wachsenden Maisanteile: „Feldhamster aber brauchen abwechslungsreiches Futter. Um das zu bekommen, müssen sie dann weite Wege zurücklegen, was das Risiko erhöht, von Feinden – etwa Fuchs oder Greifvögel – erwischt zu werden.“

Zum anderen werden Felder innerhalb kürzester Zeit abgeerntet, was für eine Population das plötzliche Nahrungs-Aus bedeutet. Darüber hinaus machen immer frühere Erntezeiten zu schaffen, ein Feld, das schon Mitte August leer ist, wird zum Präsentierteller für die Wildtiere. „Das ist einfach so: Hamster sind Futtertiere“, sagt Martens. „Sie haben deswegen nur eine kurze Tragezeit von 17/18 Tagen, im Schnitt gibt es fünf bis sechs Junge. Die früh im Jahr Geborenen können im selben Jahr selbst Nachwuchs haben.“

Europaweit unter Schutz

Doch trotz dieser hohen Reproduktionsrate kann Cricetus cricetus heute nur noch mit menschlicher Unterstützung überleben. Seit den 80er Jahren genießt der knopfäugige Vierbeiner europaweiten Schutzstatus. Außerdem ist er in der Fauna-Flora-Habitat-Richtlinie (FFH) der EU verzeichnet – in Deutschland seit 2002 durch die Novellierung des Bundesnaturschutzgesetzes umgesetzt. Was bedeutet, dass Feldhamster Einfluss auf Planungsprozesse haben. Gegebenenfalls müssen Ausgleichsmaßnahmen sicherstellen, dass „die Population der betroffenen Art trotz des Eingriffs in einem guten Erhaltungszustand verbleibt“.

Doch schon vor der Gesetzesnovellierung hatte der bedrohte Nager im deutsch-niederländischen Grenzgebiet mächtig für Aufsehen gesorgt: Weil er den grenzüberschreitenden Wissenschafts- und Geschäftspark Avantis ins Trudeln brachte. Lange wurde damals gestritten, ob der Korenwolf, so sein niederländischer Name, in besagtem Beritt tatsächlich noch ansässig gewesen sei, wie es die Naturschützer damals ins Feld führten. Ein 1997 von der EU-Kommission gegen die Bundesrepublik eröffnetes Verfahren wegen angeblicher Verletzungen der europäischen FFH-Umweltrichtlinie wurde schließlich 2002 eingestellt.

Die Niederländer reagierten mit einem umfangreichen Zuchtprogramm und eingezäunten Hamsterschutzzonen auf die strengen Vorgaben der EU. Inszeniert vom Alterra Institut für Naturschutz in Wageningen. Seit nunmehr zehn Jahren werden die Tiere im GaiaZoo nachgezüchtet.

Zuletzt haben sich insgesamt fünf wilde Exemplare aus der Zülpicher Börde zu ihnen gesellt. Sie sollen die letzten ihrer Art in ganz NRW sein, das NRW-Umweltministerium prüft die Auflage eines eigenen Zuchtprogramms. Damit die Tiere nicht vorher ganz aussterben, sind sie in Kerkrade untergekommen.

Sichtbarer Erfolg

In zwei Hallen jenseits des öffentlichen Zoo-Terrains reihen sich die mit Streu und Stroh gefüllten Boxen aneinander, für jedes erwachsene Tier eine eigene. Nicht das leiseste Geräusch ist zu hören an diesem Morgen, tagsüber haben Hamster Nachtruhe. Doch ab sechs Uhr abends arrangieren die insgesamt fünf zuständigen Tierpfleger „Blind Dates“ für ihre pelzigen Schützlinge. Findet sich ein Pärchen sympathisch, darf es die Nacht gemeinsam verbringen.

Mit sichtbarem Erfolg: 60 Tiere sind im Juni/Juli in Südlimburg ausgewildert worden. Einige von ihnen mit Sendern versehen, deren Signal sich ändert, wenn das Tier erbeutet wird. Mindestens die Hälfte von ihnen muss das erste Jahr in „Freiheit“ überleben, um den Fortbestand sichern zu können.

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