Herzogenrath - Nach der Arbeitslosigkeit „dem Sog der Untätigkeit entkommen“

Nach der Arbeitslosigkeit „dem Sog der Untätigkeit entkommen“

Von: Sabine Kroy
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Beate Boden betreut die Bücherecke: Als „den Himmel auf Erden“ beschreibt sie das Gefühl, einen Berufsalltag im Gebrauchtwarenkaufhaus Patchwork zu haben. Foto: Sabine Kroy

Herzogenrath. Hinter Beate Roden liegen harte Zeiten. Kinder weg, Stalking des Ex-Partners, nicht eingehaltene Jobzusagen, Burnout wegen völliger Überforderung und psychischem Stress, gesundheitliche Probleme... Die 38-Jährige ist durch zahlreiche Schicksalsschläge in die Mühlen von jahrelanger Arbeitslosigkeit geraten.

Nicht komplett, doch überwiegend nicht selbstverschuldet. Jetzt wartet Roden auf einen Arbeitgeber, der ihr eine Chance gibt, ihr Leben noch einmal neu anzufangen. Bis dahin arbeitet die dreifache Mutter im Gebrauchtwarenkaufhaus Patchwork in Merkstein, zuerst als Ein-Euro-Jobberin, nun für einen monatlichen Obolus von 100 Euro. Sie betreut die Bücherecke. Als „den Himmel auf Erden“ beschreibt sie das Gefühl, einen Berufsalltag, einen ordentlichen Schlaf-Wach-Rhythmus zu haben, einen Grund, morgens aufzustehen. Die „Übernahme“ im Patchwork zeugt von Anerkennung und Zufriedenheit der Betreiber mit ihrem Einsatz und ihrer Arbeitsmoral. Mindestens einmal die Woche besucht sie die Tafel in Herzogenrath.

Ihr Leben besteht nun aus Rechnen, Einschränken und Verzicht. „Anfang des Monats machen wir eine Liste, was unbedingt erforderlich ist wie Zahnpasta, Toilettenpapier und so weiter“, aber Ende des Monats werde es trotzdem immer sehr knapp. Die Lebensmittelspenden bei der Tafel seien für sie „unverzichtbar“, allein schon wegen des Gemüses: „Schließlich will ich meinem Sohn auch eine gesunde Ernährung bieten.“ Jeden Freitag geht die 38-Jährige zur Tafel in Herzogenrath und nimmt auch bis zu zweieinhalb Stunden Anstehen in Kauf. Wenn im Sommer die Tafel für drei Wochen geschlossen ist, bedeutet das einen harten Einschnitt in das Budget der kleinen Familie. „Na, ja“, sagt Beate Roden, „Brot mit Butter und Zucker ist auch lecker“.

Eine derbe Enttäuschung

In der ehemaligen DDR aufgewachsen, boten sich Beate Roden auch nach der Wende alle Möglichkeiten, Familie und Ausbildung unter einen Hut zu bekommen. Denn dort gab es, als sie mit 17 Jahren ihr erstes Kind erwartete, nicht nur Ganztagsbetreuungsplätze, sondern sogar Wochenkrippen. „Das war sinnvoll und gut, wenn man Schichtdienst hatte“, erläutert sie die Gegebenheiten von damals. Auch ein zweites Kind hinderte die damals 19-Jährige nicht daran, die Ausbildung zur Lebensmitteltechnikerin in einer Brauerei im brandenburgischen Rathenow abzuschließen. „Aber wie das damals so war: Alles ging den Bach herunter: Auch die Brauerei wurde für einen symbolischen Euro verkauft“, beschreibt die 38-Jährige. Zeitgleich ging die Beziehung zu dem Vater ihrer beiden Kinder, den sie schon von Kindesbeinen an kannte, in die Brüche. Und damit begann eine Odyssee von Verfolgung, Stress, Sorgerechtsstreits, denen auch eine neue Beziehung, aus der ebenfalls ein Kind hervorging, nicht standhielt. Die Not und der Druck des Jugendamtes, schnellstmöglich einen Job zu finden, da sie gegenüber ihren beiden ersten Kindern, die dem Vater zugesprochen wurden, unterhaltspflichtig war, trieb sie im Jahr 2001 nach Gelsenkirchen. Dort wurde ihr eine Stelle als Altenpflegerin in Aussicht gestellt.

„Keiner, der es nicht selbst erlebt hat, kann sich vorstellen, wie isoliert das Leben als Hartz-IV-Empfänger ist“, betont Roden. Freunde in umliegenden Städten besuchen? Ausgeschlossen. Abends mal etwas trinken gehen in der Kneipe? Ausgeschlossen. Am kulturellen Leben teilnehmen? Ausgeschlossen. Eine Freundin habe ihr mal gesagt: „Nach maximal drei Monaten ohne Job sieht Deine Hütte anders aus.“ Und tatsächlich: Aus dem Wohn- wird ein Schlafzimmer und umgekehrt, die Schrankwand wandert von der linken Seite des Raumes auf die rechte. „Einfach, um etwas Abwechslung in seinem Zuhause zu haben“, berichtet Beate Roden von den wenigen Veränderungen, die ohne finanziellen Aufwand möglich sind, zwischen dem „Wand anstarren“. Man verliere jedes Zeitgefühl, jeden Tag-Nacht-Rhythmus. Für den Alltag und einen geregelten Tagesablauf sei jede Arbeitsstelle hilfreich. „Nur so entkommt man dem Sog der Untätigkeit.“

In Gelsenkirchen angekommen, mit der Hoffnung im Gepäck auf eine Festanstellung, erlebte die damals 26-Jährige allerdings ihr eine derbe Enttäuschung. Nachdem sie eine Wohngemeinschaft mit einem Freund gegründet hatte und alle Formalitäten erledigt waren, wurde Beate Rode mitgeteilt, dass die Stelle seit zwei Tagen leider besetzt sei. Da saß sie nun, getrennt von zweien der drei Kinder, die Unterhaltszahlungen sowie die Forderung des Arbeitsamtes, bereits gezahlte Zuschüsse zurückzugeben, im Nacken. Sie jobbte über eine Verleihfirma als Altenpflegerin, legte Doppelschichten ein und hatte am Ende des Monats nicht mehr als 420 Euro auf dem Konto. „Dann tat ich was Dummes“, leitet sie das Geständnis über Sammelbestellungen ein, die sie organisiert hat, um sich etwas dazuzuverdienen. Die bestellte Ware kam, aber das Geld ihrer „Kunden“ blieb aus.

Durch die Maschen gefallen

Die Folge: Der Schuldenberg wuchs, eine Lohnpfändung wurde angeordnet. „Das ist meiner Meinung nach das Hauptproblem, warum ich keine Arbeit finde“, denn kein Arbeitgeber wolle sich mit „so etwas“ befassen, keiner wolle sich in die Bücher gucken lassen. Wieder zeitgleich zum einen Desaster gesellte sich in Beate Rodens Leben wiederum ein zweites, nämlich ein Zerwürfnis mit ihrem Mitbewohner, das mit massivem Stalken mit Bedrohung und Auflauern einherging und mit einer polizeilichen Verfügung endete.

Die Flucht nach Herzogenrath zu einem Freund war die Folge. Von hier pendelte sie noch ein halbes Jahr nach Essen, wo sie eine Ausbildung zur technischen Produktdesignerin begonnen hatte. Doch das war auf Dauer nicht vereinbar mit der Betreuung ihres Sohnes. Dabei ist es dann geblieben.

„Zu alt“, „schon eine Ausbildung vorhanden“, „Ausbildungsplätze besetzt“, waren die Antworten, die sie immer und immer wieder hörte: „Leider bin ich immer irgendwie durch die Maschen des Jobcenters gefallen.“

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