„Mut-Tour“: Im Sattel aus dem Stimmungstief heraus

Von: Stefan Schaum
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Der Smiley gehört dazu: Auf Fotos hält sich immer ein Teilnehmer den Grinsekopf vors Gesicht. Das hat Symbolcharakter: Häufig kann man nicht erkennen, dass ein Mensch von Depression betroffen ist. Auch, weil er mit einem Lächeln selbst darüber hinwegtäuscht. Foto: Stefan Schaum

Alsdorf. Alsdorf heißt Endspurt. Ab hier bloß noch ein paar Kilometer. Durchziehen bis Aachen, ankommen, absteigen und wissen, dass man was Großes gepackt hat. Sicher: In vier Tagen von Münster bis Aachen zu radeln – das haben schon andere geschafft. Aber nicht unbedingt Menschen, die an Depressionen leiden.

Menschen, die sich selbst oft eher auf der Couch sehen als im Sattel. Im Zuge einer „Mut-Tour“ machen Radfahrer jüngst auf ihrem Weg durch NRW auch in Alsdorf einen Zwischenstopp. Um Tempo geht es nicht. Sondern um Aufmerksamkeit.

Hier passt der alte Satz mal richtig gut: der Weg ist das Ziel. Wer bei einer „Mut-Tour“ mitmacht, der hat im Grunde schon Mut bewiesen, bevor er den ersten Kilometer zurücklegt. Und er will unterwegs anderen Menschen Mut machen. Das ist auch der Antrieb für Eugen Biniasz-Schreen. 54 ist er, lebt in Hildesheim und ist kein Sozialpädagoge mehr sondern Frührentner, seit sich 2008 die Depression anschlich. Nach und nach verlor er die Lust an allem. Aktivitäten, Sport, Familienfeiern, Sex – war alles kein Thema mehr für ihn. „Ich hab‘ das zunächst noch als normal empfunden“, erinnert er sich. Bis ein Arzt ihm bescheinigte: nein, das ist es nicht. Zwei Mal war er längere Zeit in einer Klinik, hat sich viel mit sich selbst beschäftigt, mit seiner Krankheit, die er „Störung“ nennt. Da stimmt was nicht bei ihm – daraus macht er keinen Hehl. Im Gegenteil, er geht offen mit dem Thema um, wie es alle tun bei der Fahrradtour, die es seit 2012 gibt. Der Depression das Stigma zu nehmen und sie aus der Tabuzone zu holen, in der viele sie verorten – das war und ist das Ziel. Biniasz-Schreen: „Was mich immer wieder erstaunt, ist, dass die meisten Menschen sagen: ‚Eine Depression kann mich nicht treffen‘.“ Ziemlich naiv, sagt er. Denn er weiß: schützen kann sich davor niemand.

Flyer und Infos anbieten

Auch darüber sprechen die Radler, wenn sie unterwegs Halt machen. Sie steuern bevorzugt die Ortskerne an, dort wo viele Menschen sind, denen sie Flyer und Gespräche anbieten. Mit ihren Rädern – drei Tandems, die mit dicken Satteltaschen und Zelten beladen sind – fallen sie ohnehin auf, wenn sie unterwegs sind. „Man kann den Menschen die Fragezeichen in den Gesichtern richtig ansehen, wenn sie uns begegnen“, sagt Sebastian Burger, der die Touren als hauptamtlicher Mitarbeiter seit 2012 begleitet. Das nutzen sie, um für ihr Anliegen zu werben.

Auch Sebastian Burger musste erfahren, dass hinter dem, was er vor ein paar Jahren für einen „Winterblues“ hielt, viel mehr steckte. Er nennt die Fahrradtour daher auch gern mal „eine mobile Selbsthilfegruppe“. Wie sie unterwegs Kontakte knüpfen, die Strecken bewältigen, Zeltplätze finden – das gibt allen viel und zeigt ihnen, was sie leisten können. Für Menschen wie Eugen Biniasz-Schreen, der vor allem deshalb mit seiner Depression einigermaßen klarkommt, „weil ich mir ganz feste strukturierte Tagesabläufe gesetzt habe“, ist dieses täglich Neue eine echte Herausforderung. „War hart“, sagt er in Alsdorf, kurz vorm Ziel. „Aber hat sich gelohnt.“ Schön, wenn das auch andere sehen, findet er.

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