Baesweiler - Modernes Trampen: Ab Bahnhof Bank per Anhalter

Modernes Trampen: Ab Bahnhof Bank per Anhalter

Von: mas/dpa
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Klappschild statt Pappschild: Diese drei Männer im Eifelort Speicher warten auf eine Mitfahrgelegenheit Richtung Bahnhof. Foto: dpa

Baesweiler. Skepsis bei der Opposition, Zustimmung bei der Mehrheitsfraktion. Eine Diskussion hatte sich im Verkehrs- und Umweltausschuss Baesweiler zum Thema „Mitfahrerbank“ entsponnen. Eine solche Bank gibt es bereits in der Eifelgemeinde Speicher (Rheinland-Pfalz) und hat sich dort in knapp zwei Jahren etabliert.

Baesweiler hat diese Idee aufgegriffen. Die Stadtverwaltung formuliert: Dieser innovative Ansatz diene der Erweiterung der persönlichen Mobilität einzelner Bürger sowie der Ergänzung des „öffentlichen Personennahverkehrs“.

Viele ungeklärte Fragen

Wie die Mitfahrerbank funktioniert und eingesetzt wird, erläuterte Klimaschutzmanagerin Caprice Mathar. Sieben Bänke sollen mit einer zusätzlichen Beschilderung in allen Stadtteilen Baesweilers aufgestellt werden und an der Idee des „Trampens“ ansetzen: Wer mitgenommen werden will, setzt sich einfach hin und wartet auf einen Autofahrer, der Platz hat und Mitfahrer begrüßt. Ziel ist es, so beschreibt es die Stadtverwaltung, die Außenbezirke mit den Zentren Baesweiler und Setterich zu verbinden. Die geschätzten Kosten belaufen sich auf 7000 Euro.

In Baesweiler soll eine Bank am Feuerwehrturm – nahe des neuen Einkaufszentrums - installiert werden, Setterich bekäme die Bank am Neuen Markt aufgestellt. Die weiteren möglichen Standorte: Oidtweiler, am Sportplatz Bahnhofstraße, Loverich: Josefstraße, Beggendorf: Goethestraße/Am Ringofen, Puffendorf, Aldenhovener Straße, Floverich: Willibrord-straße.

SPD-Sprecher Dr. Karl-Josef Strank hält die Mitfahrerbänke „für eine pfiffige Idee“, sieht aber „große Skepsis“ angesichts vieler ungeklärter Fragen um die Sicherheit der Mitfahrer. Ebenso wie der Grünen-Sprecher Hans-Dieter Deserno forderte Strank die Verwaltung auf, „für bessere Busverbindungen in der Stadt zu sorgen“. Angesichts einer unausgereiften Idee und der mangelnden Sicherheit für die „Tramper“ fand das Konzept auch bei Marika Jungbluth (Linke) keine Akzeptanz.

Dagegen stützt die CDU, wie ihr Sprecher Uwe Burghardt ausdrücklich unterstrich, den Verwaltungsvorschlag. Die Union stimmte der Umsetzung des Konzeptes mehrheitlich zu. Welche Erfahrungen wurden bislang anderenorts bei Mitfahrerbänken gemacht?

Zur Erinnerung: Eigentlich entstand die Idee per Zufall, erzählte Ursula Berrens vom Caritasverband Westeifel im rheinland-pfälzischen Bitburg. Im Nachbarort Speicher war sie mit einem Projekt zur Verbesserung der Situation alter Menschen beschäftigt und wollte mit einer Kollegin Standorte für neue Bänke erkunden. „In dieser Situation kam mir die Idee, die Bänke auch für Mitfahrgelegenheiten zu nutzen.“

Im August 2014 ging es los. „Das Charmante an der Mitfahrbank ist, dass die Bank an sich niemals eine Fehlinvestition sein kann“, erklärt Berrens. Eine Lösung aller Mobilitätsprobleme im ländlichen Raum sei sie allerdings auch nicht. Die Erfahrung zeige, dass nicht jeder gleich schnell wegkomme von der Mitfahrbank. Zwei ältere Frauen zum Beispiel warteten eine ganze Zeit vergeblich und machten sich dann zu Fuß auf den Weg, erzählt Berrens.

Als direkt danach zwei junge Mädchen die Bank ansteuerten, stoppten gleich zwei Wagen. Schwerer hatte es auch ein Mann, der mit einer offenen Büchse Bier auf eine Mitfahrmöglichkeit wartete. Die Mitfahrbank sei kein Massenverkehrsmittel, so Berrens. Sie führe aber mitunter dazu, dass sich Menschen für die nächste gemeinsame Fahrt verabreden würden.

Kopiert wurde die Mitfahrbank bereits in Kleinnaundorf in der Sächsischen Schweiz: Hier fiel eine Buslinie weg. Das trieb den Ortschaftsrat zur Suche nach anderen Verkehrsmöglichkeiten. Im Internet stieß er auf das Vorbild aus Rheinland-Pfalz. Vier grüne Bänke mit der Kennzeichnung „Mitfahrbank“ stehen jetzt an den Bushaltestellen. „Prinzipiell wird das gut angenommen, mehr in den Sommermonaten als im Winter“, sagt Ortsvorsteher Thomas Käfer. Gerade ältere Leute, bei denen es nicht auf zehn Minuten ankomme, steuerten die vom Heimatverein restaurierten Bänke an.

Auch im niedersächsischen Asel im Kreis Hildesheim wurde eine bestehende Bank zur Mitfahrbank umfunktioniert. Nur will sie kaum einer nutzen. „Das läuft sehr schlecht an“, meint Ortsbürgermeisterin Ellen Krone. „Der Bedarf ist nicht so da.“ Harsum, der nächste Ort, sei nur rund einen Kilometer entfernt und leicht per Rad erreichbar. „Im Frühjahr wollen wir noch einmal für die Bank werben.“ Erfolgreich oder nicht, die Mitfahrbank findet immer mehr Nachahmer.

Projekt „digitale Dörfer“

Auf zufällige Mitfahrgelegenheiten setzt das Forschungsprojekt „digitale Dörfer“ des Fraunhofer-Instituts für Experimentelles Software Engineering in Kaiserslautern dagegen nicht. Es konzentriert sich auf eine digitale Vernetzung auf dem Land. Wege, die Menschen ohnehin zurücklegen, sollen über eine App sichtbar und für andere nutzbar werden. Bäcker oder Apotheker, die regelmäßig eine Strecke fahren, könnten als Chauffeure für autolose Nachbarn dienen.

Das Ziel: Der ländliche Raum soll attraktiv bleiben.

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