Misa Nishimura: „Ich habe keine Lust mehr, ständig aufzupassen”

Von: Stephan Mohne
Letzte Aktualisierung:
Durchatmen fast 10.000 Kilomet
Durchatmen fast 10.000 Kilometer von der Heimat entfernt und damit von den Folgen der Katastrophen: Misa Nishimura aus Tokio genießt ihre kurze Zeit in Alsdorf. Eine Woche außer Landes ist für eine Japanerin schon ein außergewöhnlich ausgedehnter Urlaub. Foto: Michael Jaspers

Alsdorf/Tokio. „Ich habe keine Lust mehr”, hat Misa Nishimura kürzlich per E-Mail Richtung Deutschland geschrieben. Empfänger der Nachricht war die Familie Hütte in Alsdorf, bei der die Japanerin einst ein Jahr lang lebte.

„Ich habe keine Lust mehr”, wiederholt Misa Nishimura und blickt zur Seite. Jetzt sitzt sie am Tisch in dem Einfamilienhaus im Stadtteil Warden. Sie ist eine Woche lang zu Besuch bei ihren damaligen Gasteltern.

Eine Woche - quasi zum Durchatmen - fern der Heimat, das ist für eine mitten im Berufsleben stehende Japanerin schon eine halbe Ewigkeit. Und die 23 Jahre alte System-Ingenieurin ist eine Woche fern der großen Katastrophe, die nach Erdbeben und Tsunami nun im Kernkraftwerk Fukushima nicht enden will - gerade einmal 280 Kilometer entfernt von ihrem Elternhaus.

Dass die zierliche junge Frau „keine Lust” mehr hat, kann man anhand dessen, was sie aus dem Japan im Frühjahr 2011 erzählt, nachvollziehen. Und doch ist man als Deutscher weit davon entfernt zu verstehen, wie die Japaner mit dieser Situation umgehen. Die japanische Mentalität ist von der deutschen Lichtjahre entfernt.

Mangelware Wasser

„Keine Lust mehr” hat Misa Nishimura, die im Jahr 2004/05 in Alsdorf lebte und dort das Gymnasium besuchte, vor allem „auf das ständige Aufpassen”. Lebensmittel, Getränke, alles könnte verstrahlt sein. In einer Phase, als es in Fukushima ganz dramatisch zuging, hat man den Leuten gesagt, sie sollten nur Wasser aus Flaschen trinken. Und diese Flaschen sollten aus dem Süden Japans kommen. Nur: „Die waren natürlich immer schnell ausverkauft.”

Kein Wunder: „Im Großraum Tokio leben 40 Millionen Menschen. Da kann man sich ja ausrechnen, wie viele Lkw-Ladungen das sind, selbst wenn jeder nur einen Liter am Tag trinkt”, sagt Thomas Hütte, Misas Gastvater von einst. Er ist mit Japan ohnehin eng verbunden, denn er ist Vorstandmitglied der hiesigen Deutsch-Japanischen Gesellschaft, die sich insbesondere im Wissenschaftsaustausch engagiert. Derzeit trinkt man in Tokio immer noch Wasser aus Flaschen, aber so ganz konsequent ist man nicht: „Meine Mutter kocht mit Leitungswasser und mein Vater macht damit den Kaffee”, sagt die 23-Jährige, als wäre es völlig selbstverständlich.

Selbstverständlich geht man nahe des atomaren Super-GAUs auch seiner Arbeit und seinem Alltag nach. Für Misa bedeutet das, dass sie morgens in Fujisawa City 45 Kilometer südwestlich der Hauptstadt in den Zug steigt und mit ihm rund anderthalb Stunden bis zu ihrer Arbeitsstelle in Tokio fährt. Dort ist sie bei „Sumisho Computing System” angestellt und entwickelt Software für das 3000-Mitarbeiter-Unternehmen.

Studiert hat sie an der Keio-Universität, eine der beiden bedeutendsten Privat-Elite-Unis des Landes mit knapp 30.000 Studenten. Wer dort angenommen wird, hat die schwerste Prüfung bereits hinter sich. „Mit einem Abschluss dort ist es praktisch unmöglich, arbeitslos zu werden”, erzählt Hütte. Mit Programmierung hatte das Studium freilich nichts zu tun, Misa Nishimura studierte Geisteswissenschaften. Aber das ist für die Arbeitgeber kaum wichtig. Hauptsache, man hat sich durch das Studium bewährt und kommt von der „richtigen” Uni.

An jenem Tag, als die Erde in Japan bebte, saß Misa Nishimura an ihrem Schreibtisch. Plötzlich wackelte es an diesem 11. März gewaltig. Ob sie denn nach draußen gelaufen sei? Die junge Frau schaut staunend. „Nein”, sagt sie. Sie ist, wie sie es in den halbjährlichen japanischen Katastrophen-Trainings gelernt hat, unter den Tisch gekrabbelt und hat gewartet. Gewartet darauf, dass es Anweisungen vom Chef gibt. So, wie sich das in Japan gehört. Abends fuhren keine Züge, also hat sie im Büro übernachtet. Was im Prinzip auch nicht zu schlimm ist, denn die Firma ist für einen Japaner ein fast so enger Bezugspunkt wie die Familie. Man ist ihr zutiefst verpflichtet. Weswegen man die fünf, sechs Tage Urlaub, die man im Jahr hat, meist gar nicht nimmt.

Angst, sagt Misa Nishimura, hat sie zunächst einmal gar nicht gehabt. Das kam erst später. Am nächsten Tag traf sie in Tokio ihren Vater und fuhr mit ihm nach Hause. Angst hat sie wie viele Landsleute nun auch vor der Atomkraft. Das war vorher in Japan mit seiner extremen Technikgläubigkeit völlig undenkbar. „Das ist wie bei uns bis zum Untergang der Titanic. Auch hier hat man früher nicht geglaubt, dass so etwas mit moderner Technik passieren kann”, meint Thomas Hütte.

Der Japaner demonstriert nicht

Ob die Menschen denn nun gegen die Kernkraft demonstrieren? Wieder schaut Misa Nishimura eher ungläubig und schüttelt den Kopf. „Nein”, sagt sie nur. Demonstrieren ist der Japaner Sache ganz und gar nicht. Trotzdem wird jetzt zumindest über die weitere Nutzung der Kernkraft und über den Ausbau von regenerativen Energien diskutiert. Auch das war vor der Katas-trophe undenkbar.

Geändert hat sich auch im - bisher meist wenig kritischen - Verhältnis der Bürger zur Politik etwas: „Ich bin böse auf ihn”, sagt Misa Nishimura und meint Premierminister Naoto Kan. Er lasse sich nicht blicken: „Ich weiß nicht, wo er im Moment ist”, sagt die 23-Jährige. Einmal habe er das Krisengebiet besucht, das war´s dann. Man stelle sich einmal vor, die Bundeskanzlerin würde im Angesicht einer solchen Katastrophe „abtauchen”.

Undenkbar ist für Misa Nishimura und ihre Familie indes, ihre Heimatstadt in Richtung Süden des Landes zu verlassen: „Niemals”, sagt sie auf die entsprechende Frage. Schließlich müsse man ja auch irgendwann zurückkehren können. Doch mit einer zeitlich begrenzten Katastrophe haben es die Japaner nicht zu tun. Gar das Land zu verlassen, käme einer Art „Fahnenflucht” gleich. Als vor einigen Wochen viele Ausländer Japan den Rücken kehrten, da hat Misas Großvater das mit dem Wort „hysterisch” charakterisiert.

„Dramatik nicht in den Köpfen”

„Die wirkliche Dramatik der Lage ist in den Köpfen der meisten Japaner gar nicht angekommen”, mutmaßt Thomas Hütte. Misa Nishimura liebäugelt gleichwohl mit dem Gedanken, in Deutschland sesshaft zu werden. Aber nicht wegen der Katastrophe, sondern weil ihr die deutsche Lebensart gefällt. Das kommt aber nur in Frage, wenn ihre Firma ihr ein entsprechendes Angebot machen würde. Einfach so - siehe oben - verlässt man in Japan seine berufliche Heimat eben nicht.

Vorerst wird Misa Nishimura weiter mit der Katastrophe und ihren Folgen, die in den globalen Nachrichten nur noch Randnotizen sind, leben. Auch wenn sie dazu keine Lust mehr hat.

Aber man muss sich damit arrangieren, denn: „Was soll ich tun? Ich kann doch nichts machen”, sagt die Ingenieurin mit Blick auf das, was sie, was Japan noch lange verfolgen wird. Sehr lange.

Spendenaktion in Aachen: Gelder gelangen auf kürzestem Weg nach Sendai

Von den unermesslichen Folgen der Erdbeben- und Tsunamikatastrophe im japanischen Norden kommt nachrichtentechnisch nicht mehr viel bei uns an. Gerade einmal eine Meldung fand sich gestern in den Nachrichtenagenturen, die sich mit dem Einsatz weiterer Roboter in Fukushima beschäftigte.

Dabei herrscht weiterhin große Not im Katastrophengebiet. Die Deutsch-Japanische Kulturgesellschaft Aachen hat deswegen eine Spendenaktion ins Leben gerufen, der sich auch die Deutsch-Japanische Gesellschaft Aachen angeschlossen hat. Auf kürzestem Weg gelangen die Gelder ohne Verwaltungskostenabzug in die am schlimmsten betroffenen Gebiete um Sendai.

Wer spenden möchte, kann dies an die Deutsch-Japanische Kulturgesellschaft Aachen, Kontonummer 138088014 bei der Aachener Bank (BLZ 39060180), Stichwort Katastrophenhilfe Japan.
Leserkommentare

Leserkommentare (0)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert