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Messerstecher-Prozess: Polizist bemerkte Stiche nicht gleich

Von: Karl Stüber
Letzte Aktualisierung:
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Kurz nach der Tat an der Alsdorfer Burg: Die Polizei sichert Spuren und hört Zeugen. Foto: Ralf Roeger

Aachen/Alsdorf. Die Messerattacke an der Alsdorfer Burg vom 8. August 2015 wird am Dienstag vor der 1. Schwurgerichtskammer am Landgericht Aachen weiter analysiert und die Zeugenvernehmung fortgesetzt. Zuletzt hatte der Polizist ausgesagt, der sich dem Täter entgegengestellt hatte und dabei durch Messerstiche schwer verletzt worden war.

Vorsitzender Richter Arno Bormann hatte am Ende des ersten Verhandlungstags im Benehmen mit Staatsanwaltschaft und Verteidigung des jungen Alsdorfer Mannes, der beim Grillfest der Alsdorfer Stadtgarde mit einem Dolch einen Polizisten lebensgefährlich und einen weiteren Gast verletzt sowie Gäste mit Pfefferspray traktiert hatte (er hatte zudem ein Jagdmesser dabei), die bisherigen Aussagen resümiert: Die meisten der eigentlich noch geladenen Zeugen müssten nicht mehr gehört werden, da die bisherigen Einlassungen weitgehend übereinstimmen.

Für beherztes Handeln geehrt

Am Dienstag wird sich deshalb die Kammer wohl auf nur noch zwei als wichtig eingeschätzte Zeugen konzentrieren.

Der Täter, der nicht als Angeklagter, sondern als Beschuldigter und nicht in einem Strafprozess, sondern in einem Sicherungsverfahren vor Gericht steht, hatte vor am ersten Verhandlungstag tiefen Einblick in sein Seelenleben eröffnet. Angst-, Gewalt-, aber auch Allmachtfantasien wurden offenbart. Seit seinem 13. Lebensjahr habe er zunehmend Drogen konsumiert, wollte letztlich seine Ex-Freundin „retten“, die er beim Grillfest der Stadtgarde Alsdorf wähnte. Es besteht laut Anklage – gutachterlich gestützt – „hinreichend Verdacht“, dass der Mann in Alsdorf im Zustand der Schuldunfähigkeit gehandelt hat.

All das konnte der 58-jährige Polizist Ralf Dünzer nicht wissen, der sich ihm mit weiteren Besuchern des Grillabends an jenem späten Samstagabend dem jungen Alsdorfer entgegenstellte. Dünzer wurde für dieses beherzte Handeln im Oktober vergangenen Jahres bei einer Benefizgala des Verbands der Kanevalsvereine Aachener Grenzlandkreise mit einem Verdienstorden ausgezeichnet.

Zum Tatabend: Der Angreifer, ein gelernter Maurer, war bereits einmal „durch die Runde gelaufen“, um Gäste mit Pfefferspray zu besprühen, vermummt mit Kapuzenpulli, Schal und Taucherbrille. Vor Gericht gab der als Nebenkläger auftretende Polizist an, er habe sich dem Vermummten als Polizist zu erkennen gegeben und aufgefordert, stehen zu bleiben. Als dieser weiter auf ihn und Umstehende zustürmte, habe er ihn vorn am Pulli gepackt, um den Mann aus der Vorwärtsbewegung heraus auf den Boden zu drücken.

Mit zwei oder drei weiteren Helfern sei dies auch gelungen. Dünzer, der an diesem Abend nicht im Dienst war und auch keine Uniform trug, sagte aus, dass der am Boden liegende Angreifer erheblich Blut verlor. Wie sich später herausstellte, hatte sich der junge Mann mit seinem Jagdmesser selbst im Bereich der Kniekehle verletzt, als er zu Boden gedrückt wurde.

Drei bis vier Liter Blut verloren

Der Polizist hatte da nach eigenem Bekunden noch gar nicht bemerkt, dass er von dem Vermummten mit einem Dolch dreimal im Bauchbereich getroffen und schwer verletzt worden war. Er habe weder Klinge noch Gesicht des Angreifers gesehen. Erst auf Hinweis anderer habe er sein T-Shirt angehoben und die tiefen Wunden bemerkt. Dann erst habe er sich hingelegt. Andere hätten sich dann um ihn bemüht. Es habe lange gedauert, bis Rettungswagen gekommen seien.

Drei bis vier Liter Blut verlor Dünzer, wie aus der Aktenlage hervorgeht. Dass neben Leber auch Darm und eine Schlagader verletzt worden sind, habe er erst später erfahren. Nach Intensivstation und weiterer Krankenhausbehandlung und Anschlussbehandlung steht für Dünzer nun eine dreiwöchige Reha an. Anschließend müsse er erneut medizinisch behandelt werden. Er sprach von einem anhaltenden Druckgefühl im Bauch. Da stimme was nicht. Der bei der Messerattacke Schwerverletzte ist seitdem dienstunfähig. Polizist Dünzer ist freigestellter Arbeitnehmervertreter. Es sei unklar, ob er wieder seinen Dienst wird aufnehmen können.

Bei weiteren Zeugenaussagen wurde deutlich, dass Dolch und Messer, die der Beschuldigte nach eigenen Angaben in Scheiden unter der Kleidung mitführte, vor der entscheidenden Attacke nicht bemerkt wurden. Nur ein Zeuge meinte, unmittelbar vor der Rangelei ein kurzes Messer in der Hand des Angreifers erkannt zu haben. Ein Zeuge sicherte den Dolch in einer Tüte mit Wertmarken, nachdem der junge Alsdorfer bereits überwältigt war. Die Waffe habe auf dem Boden gelegen. Ein weiterer Zeuge setzte den Fuß auf die ebenfalls am Boden liegende kurze Klinge, damit kein weiteres Unheil geschehe, bis die Polizei eintraf.

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