Messerattacke auf Anwaltsgehilfin: Täter völlig ungerührt

Von: Wolfgang Schumacher
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Aachen. „Es interessieren ihn nur noch seine persönlichen Anliegen, der Beschuldigte ist zu keiner emotionalen Regung gegenüber seiner Umwelt fähig”, stellte Oberstaatsanwalt Albert Balke vor dem Aachener Schwurgericht beinahe ratlos in seinem Plädoyer fest.

Selbst als die Mutter von Hans-Peter K. (44) in Tränen aufgelöst im Zeugenstand saß und ihren Sohn dort sitzen sah, habe K. kein einziges Wort des Trostes gefunden, „völlig ungerührt” blieb der Sohn, keine Regung kam von ihm.

„Querulantenwahn”

Das gehöre allerdings zu dem Krankheitsbild des 44-Jährigen, der die Tat vom 2. November 2009 im krankhaften „Querulantenwahn” und letztlich im Zustand der Schuldunfähigkeit vollführt habe. K., so führte der Staatsanwalt weiter aus, habe sich einfach willkürlich ein Opfer gesucht, als er an diesem Nachmittag plötzlich ein langes Küchenmesser zog und die Rechtsanwaltsfachangestellte Sabine S. (35) mit zehn Stichen lebensgefährlich verletzte - dies vordergründig deswegen, weil sein Anwalt den ausgemachten Termin überraschend absagte.

Der Täter lebe in seiner eigenen Welt „voll von Hirngespinsten”, die sich seit seinem Ausscheiden aus seinem Job nach 1997 entwickelt hätten. Er habe eine „schriftstellerische Mission” verfolgt, die sich gegen Justiz, Finanzämter und das angebliche Fehlverhalten von Firmen richtete. Laut Gutachterin entwickelte er eine „paranoide Schizophrenie”, die man üblicherweise als Verfolgungswahn bezeichnet.

Die Wahl des Opfers in der Kanzlei sei völlig willkürlich gewesen, es „hätte jeden treffen können”, wertete Balke das Vorgehen des Täters, dem juristisch versuchter Mord vorgeworfen wird. Er sei „gefährlich für die Allgemeinheit” und müsse daher auf unbestimmte Zeit in die Psychiatrie, um dort behandelt zu werden, formulierte der Staatsanwalt seinen Antrag.

Balke wies Vorwürfe zurück, die im Zusammenhang mit einer früheren Messerattacke von K. auf Familienmitglieder, hier besonders auf seine im Nebenhaus wohnende Tante, erhoben wurden. 2005 hatte sich K. einen Tag nach dem Tod seines Vaters jede Ansprache seitens der Verwandten, die ihn darüber informieren wollten, verbeten. Um dem auf seine Art Nachdruck zu verleihen, ging er schon damals mit einem langen Messer auf die Tante los, verletzte sie am Rücken.

Er kam auch damals in die Psychiatrie, Akten darüber sind allerdings heute nicht mehr aufzufinden. Als der Staatsanwalt eine eventuelle Mitschuld der Behörden von sich wies, kam Unmut bei Verwandten im Gerichtssaal auf. Ihnen ist die Untätigkeit der Behörden im Fall K. völlig unverständlich, ihrer Meinung nach hätte die spätere Tat verhindert werden können.

Schlimme Narben

Nebenklageanwalt Manfred Dickau wies erneut auf die fatalen Folgen bei dem Opfer hin. Die 35-Jährige behält zum Teil entstellende Narben zurück und leidet unter einem Angsttrauma.

Verteidiger Andreas Fleuster folgte weitgehend dem Staatsanwalt, rückte allerdings auch das seiner Meinung nach wenig verantwortungsvolle Handeln des Anwaltskollegen in den Vordergrund. Der Anwalt für Urheberrechtsfragen, in dessen Kanzlei die Tat geschah, habe dem Beschuldigten unrealistische Hoffnungen auf Buchveröffentlichungen gemacht. Das sei einer der Auslöser für die Tat gewesen. Ein Urteil wird am kommenden Montag, 10 Uhr, im Aachener Landgericht gesprochen.
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