Messerattacke an der Alsdorfer Burg: Verdacht auf Schuldunfähigkeit

Von: Karl Stüber
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Blutiges Ende: Beim Grillabend der Alsdorfer Stadtgarde an der Burg verletzte am 8. August ein vermummter 26-jähriger Alsdorfer zwei Gäste mit Messern, weitere mit Pfefferspray. Foto: Ralf Roeger
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Der Beschuldigte (r.) – hier mit seinem Anwalt Norbert Hack - wurde nach der Verhandlung in eine Klinik in Essen zurückgebracht. Foto: Ralf Roeger

Aachen/Alsdorf. Warum nur? Die Aufarbeitung der blutigen Messerattacke eines jungen Alsdorfers beim Grillfest der Alsdorfer Stadtgarde am späten Abend des 8. Augusts 2015 hat am Donnerstag vor der 1. Schwurgerichtskammer am Landgericht Aachen begonnen.

Es geht um Erklärungen für teils schwer Verletzte, deren Angehörige, Zeugen und die Öffentlichkeit. Es geht darum, durch Verstehen das Geschehene doch irgendwie verarbeiten oder zumindest endlich damit leben zu können.

Vorsitzender Richter Arno Bormann nimmt sich am ersten Verhandlungstag viel Zeit, um behutsam, aber zielstrebig das eigentlich Unfassbare begreifbar zu machen. Obwohl der Täter (Jahrgang 1990) damals mit Messerstichen einen Polizisten, der privat und nicht in Unifrom vor Ort war, lebensgefährlich und einen weiteren Gast erheblich verletzt sowie andere Gäste mit Pfefferspray traktiert hatte, geht es nicht um ein Straf-, sondern ein Sicherungsverfahren.

Der offenbar psychisch geströte Mann steht deshalb auch nicht als Angeklagter vor Gericht, sondern als Beschuldigter. Es geht um die Frage, was mit und aus ihm werden soll. Seitdem der Beschuldigte – der sich wohl durch sein eigenes Messer in der Kniekehle verletzte, als er von Gästen der Fete überwältigte wurde – in einem Krankenhaus behandelt worden ist, befindet er sich per gerichtlichem Unterbringungsbefehl seit 9. August vergangenen Jahres „einstweilig“ in einer Essener Landesklinik. Für die Verhandlung wurde er nach Aachen überstellt. Ist er überhaupt zurechnungsfähig?

Wie steht es um seine Kontrollfähigkeit über sich selbst? Ist er weiter eine Gefahr für andere? Ein Zwischenfall in der Essener Klinik gibt da Aufschluss. Am 22. September hat er dort einen Mitinsassen, der wegen sexuellen Missbrauchs dort untergebracht ist, heftig geschlagen und gewürgt. Pflegekräfte gingen noch rechtzeitig dazwischen.

Staatsanwältin Tanja Gülicher-Schmidt spricht davon, er sei „hinreichend verdächtig“, im Alsdorfer Burgpark im Zustand der Schuldunfähigkeit gehandelt zu haben, als er mit Kapuzenpulli, Schal und Taucherbrille vermummt und mit einem Dolch (Klinge 35 Zentimeter), einem Jagdmesser (9,2 Zentimeter) und Pfefferspraydosen ausgestattet aufs Gelände stürmte.

Die Rede ist von paranoider Schizophrenie und apokalyptischen Störungen. Eine Gutachterin hat sich mit dem Beschuldigten befasst. „Hier werden Kinder verkauft. Ich bin auf Mission. Ich bin Polizist“, soll er gerufen haben, als er wohl schon überwältigt war, steht im Protokoll und wird später von Zeugen bestätigt. Von der Polizei hat er sich nach der Tat nicht verhören lassen wollen, weil er nicht wisse, zu welcher Seite diese gehöre.

Der junge Mann macht nicht von der Möglichkeit Gebrauch, zu den Vorwürfen zu schweigen. Er gewährt tiefe Eindrücke in seine Gedankenwelt, ja in seine Seele. Und sein Anwalt Norbert Hack hält sich vollkommen zurück, als er der Aufforderung von Richter Bormann folgt und sein bisheriges Leben schildert – und den Tathergang aus seiner Sicht. Aus seiner Sicht kommt er aus einem guten Elternhaus, hat die Realschule absolviert und eine Maurerlehre mit der Note drei abgeschlossen.

Aber schnell wird klar, dass schon früh etwas schief zu laufen begann. Seit seinem 13. Lebensjahr hat er gekifft, gibt er zu Protokoll. Aus zweimal monatlich werden im Alter von 15 Jahren zwei- bis dreimal die Woche Rauschmittelkonsum und später täglich zwei Joints. Sechs Tage vor der Tat in Alsdorf will er damit aufgehört haben. Er habe fit für die Ausbildung zum Maurermeister werden wollen. „Ich wollte meinen Geist stärken.“

Betroffen verfolgen Zuhörer aus Alsdorf die Verhandlung. Der Beschuldigte spricht nun von Ausflügen ins Internet. Von bösen Männern, Kopfgeld, Verschwörungen, die offenbar auch zu Fantasien am helllichten Tage werden. Killer seien am Werk, die niemand zu stoppen vermag.

Gefährliche Fantasien

Er spricht vom Verkauf von Kindern, worin auch ein Jugendamt verwickelt sein soll. Frauen werden da geholt, zur Prostitution gezwungen. Motorradrocker treiben ihr Unwesen, Polizisten sind verstrickt, meint er. Er redet sich in Verzweiflung, weint fast. „Das geht mir nicht aus dem Kopf, das ist ja die Wahrheit.“ Die Trennung von seiner Freundin trifft ihn offenbar schwer. Auch hier ist die Rede von Untreue und Prostitution. In einem Internetdienst liest er von dem Grillabend an der Alsdorfer Burg.

Er hofft, dort seine Freundin zu finden und vor Verschwörern und Kriminellen retten zu können. Sie ist aber nicht dort. Die arglos Feiernden wissen an jenem Samstagabend nicht, dass er sie schon längere Zeit beobachtet. Er will abgewartet haben, bis möglichst keine Kinder mehr auf dem Gelände sind. Dann geht er los, besprüht Gäste mit Pfefferspray, selbst geschützt durch Taucherbrille und Schal. Männer stellen sich ihm entgegen, ringen ihn nieder.

Darunter auch der Polizist, dem er dreimal den Dolch in den Unterleib stößt. „Ich konnte nicht aufhören!“ Er habe aber niemanden töten wollen. „Es tut mir leid. Das wollte ich Ihnen nicht antun!“, sagt er dem Opfer, das dazu betroffen schweigt. Der Polizist schildert als Nebenkläger seinen Leidensweg seit der Tat. Ob der 58-Jährige wieder dienstfähig sein wird, ist unklar. Die Verhandlung wird am 2. Februar fortgesetzt.

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