Herzogenrath - Messdiener von St. Katharina: Von wegen „Kirche ist uncool“

Messdiener von St. Katharina: Von wegen „Kirche ist uncool“

Von: Beatrix Oprée
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Kerzenschein in festlicher Nacht: Über viele Jahre sind die Ministranten von St. Katharina schon im Dienst am Altar. Und noch immer begeistert bei der Sache. Foto: Beatrix Oprée
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Roter Talar und weißes Rochett: (v.l.) Laura Lanckohr, Anna Baggen, Ellen Sistemich, Leonie Krumbach und Marie Goldbach beim Einkleiden. Foto: Beatrix Oprée
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Etwas Harz vom Weihrauchbaum auf glühender Kohle: Marie Goldbach (l.) und Leonie Krumbach demonstrieren das „Turibulum“. Foto: Beatrix Oprée

Herzogenrath. „Ist das nicht auch noch kleiner da?“ Suchend stehen die Mädchen vor dem hohen Wandschrank, schieben Gewänder in diversen Größen hin und her. Nach und nach schlüpfen sie in rote, bodenlange Mäntel, ziehen sich weiße Hemden über den Kopf. Jeans und Pullover verschwinden unter engelsgleichem Outfit.

„Rochett heißen die Hemden, das Rote ist der Talar“, erklärt Ellen Sistemich (18). Seitlich auf Hüfthöhe hat der Talar einen Schlitz, „das ist praktisch und wichtig“, erzählt sie verschmitzt. „Wenn man zum Beispiel während der Messe dringend ein Tempo aus der Hosentasche braucht.“

In der Sakristei sind die Messdiener der Kohlscheider Pfarre St. Katharina versammelt, um einmal zu erklären, was es denn so auf sich hat mit ihrem Job in der Kirche.

Doch zunächst, wo man schon mal Einblick erhält: Was ist denn das Geheimnisvollste in diesem für die Öffentlichkeit selten zugänglichen Raum neben dem Altar, aus dem nach kurzem Läuten der Priester mit seinen Ministranten zum Gottesdienst heraustritt? Ratlose Blicke bei den jungen Leuten.

„Doch“, ruft Anna Baggen (19) lachend. „Die geheime Tür!“ Zwischen dem Paramentenschrank und dem Ausgang zum Altarraum: „Sie wird selten geöffnet, und als wir klein waren, haben wir uns immer gefragt, was da wohl drin sein mag ...“ Die Antwort ist so praxisnah wie der Schlitz im Talar: In der winzigen Kammer finden sich der Sicherungskasten und die Schaltanlage, um per komfortablem Knopfdruck die Glocken im Turm in Schwingung zu versetzen.

In der Ecke lehnt, sorgfältig eingehüllt, das Vortragekreuz für die Festgottesdienste. Und daneben – ein Bügelbrett samt -eisen. „Nein, bügeln müssen wir nicht“, lächelt Marie Goldbach (17), Koordinatorin der munteren Truppe. Aber die Gewänder müssen auch mal gewaschen und wieder geglättet werden. Dafür sind indes andere fleißige Helfer in der Gemeinde zuständig, nicht die Messdiener.

Von denen könnten die meisten aber Erste Hilfe leisten. Hinter der geheimen Tür hängt dazu sogar ein Defibrillator. Gute Karten haben Gottesdienstbesucher also in St. Katharina, wenn es zu gesundheitlichen Problemen kommt.

„Oder wenn einem übel wird“, grinsen die Mädchen. Übel? „Ja, wenn man den Weihrauch nicht vertragen kann oder zu dicht daneben steht“, erklärt Marie. „Die Kleinen haben da schon mal Probleme. Deswegen dürfen auch nur wir Älteren damit umgehen.“

Die Sache mit dem Weihrauch muss vorgeführt werden: Marie Goldbach und Leonie Krumbach (17) holen zwei reich verzierte Deckelgefäße an langen Ketten aus dem Schrank, Turibulum heißen die in der Kirchensprache. Und ein silbernes Schiffchen, dessen Klappdeckel gelblich-braune Kügelchen verbirgt – luftgetrocknetes Gummiharz des exotischen Weihrauchbaums.

Marie bringt ein Stück Kohle zum Glühen und legt ein paar Körnchen des Räucherwerks darauf. Prompt steigt duftender, weißer Qualm auf, kaum später ist die Sakristei komplett eingenebelt und dringend Lüften angesagt.

„Aha, Weihrauch habt ihr auch schon angezündet“, wird Pastor Rainer Thoma rund eine halbe Stunde später ebenso schnuppernd wie schmunzelnd feststellen, als er kurz vorbeischaut, um etwas abzuholen. Er freut sich über das Engagement seiner jungen Leute. Und darüber, dass er sich über den Nachwuchs keine Sorgen zu machen braucht: Alleine in St. Katharina wurden jüngst sieben, in der gesamten Großgemeinde Christus unser Friede 15 neue Ministranten aufgenommen.

Learning by doing

Und wie wird man Messdiener? „Wir wurden damals beim Kommunionunterricht angeworben“, erzählt Christina Wienands (16). Bei Moritz Krumbach (19) war es das Vorbild von Eltern, Geschwistern und Freunden. Taufe und Erstkommunion sind die Grundvoraussetzungen, um am Altar „dienen“ zu dürfen, so die Übersetzung des lateinischen „ministrare“.

Von der ansonsten verbreiteten „Kirche-ist-uncool“-Haltung ist bei den jungen Leuten von St. Katharina nichts zu spüren. Im Gegenteil. „Natürlich hören viele Messdiener auf, wenn sie älter werden und die Dinge für sich reflektieren“, erzählen sie. „Aber jeder muss selbst wissen, ob das was für ihn ist“, sagt Leonie.

Ein versierter Assistent des Pastors muss sicher einiges lernen? „Es gibt gar nicht so viel Unterricht, wie man meinen sollte“, erläutert Marie. „Vielmehr ist learning by doing angesagt.“ Um alleine schon mit dem ungewohnt langen Gewand die Altarstufen hinaufzulaufen ohne zu stolpern. Oder bei der Wandlung zum richtigen Zeitpunkt zu läuten. „In der ersten Zeit ist man schon sehr nervös“, erinnert sich Leonie.

„Das legt sich später aber, wenn man die Abläufe alle kennt“, ergänzt Marie. Und vor allem: Geht etwas schief, wird es mit Humor genommen. Pannen hat es schon einige gegeben: Vor Jahren etwa, als bei der rituellen Händewaschung einmal die Silberschale schief gehalten wurde und das aus dem Kännchen über die Finger des Pastors gekippte Wasser sich deswegen auch über dessen Füße ergoss (es handelte sich um einen stets Sandalen tragenden Vorvorgänger von Pfarrer Thoma).

„Das war schon peinlich!“

Oder als der Weihwasserbehälter umgestoßen wurde. Oder eine der Bronzeplaketten, die jeder Messdiener um den Hals trägt, laut scheppernd auf die Fliesen fiel, weil das Lederband gerissen war (seither gibt es Ketten). Oder als die Lederbespannung eines der altehrwürdigen Messdienerstühle zerriss – „das war schon peinlich!“, erinnert sich die Betroffene. Und Leonie berührt es immer noch unangenehm, einmal zu Beginn der Osternacht aus Versehen geläutet zu haben, wo doch bis zur Auferstehung Jesu alle Glocken schweigen ...

Die Festmessen sind es, auf die sich die jungen Leute besonders freuen. Die Christmette wird für sie wieder ein Highlight im Kirchenjahr sein. Um 22 Uhr beginnt sie in St. Katharina.

Es sind Zusammenhalt und echte Freundschaft, die die Messdienergruppe seit Jahren verbindet. Und in solch einer Nacht lässt sich das Glück darüber besonders empfinden. „Es ist schön, dass wir uns bei der Christmette immer als erste frohe Weihnachten wünschen können!“, stellen sie unisono fest.

Leonie wird nachdenklich: „Ich arbeite mit Flüchtlingen“, sagt sie. „Wenn man sich vorstellt, wie viele von ihnen ohne Eltern oder Verwandte unterwegs sind ... Ich bin froh, dass meine Familie bei mir ist. In so einer Zeit bewegt einen das ganz besonders.“

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