Herzogenrath - Meinung zur Kirche: Studie sichert bistumsweite Aufmerksamkeit

Meinung zur Kirche: Studie sichert bistumsweite Aufmerksamkeit

Von: Johannes Schaffeldt
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Professor Dr. Liane Schirra-Weirich (l.) hat Ergebnisse und Handlungsempfehlungen ihrer Studie präsentiert und mit Rolf Engel (Stadt Herzogenrath, v.l.), Rainer Krebsbach (Caritas), Diakon Dr. Bruno Ortmanns, Dr. Norbert Wichard (Bistum Aachen) und Pfarrer Rainer Thoma unter Leitung unserer Redakteurin Beatrix Oprée mit dem Publikum diskutiert. Foto: J. Schaffeldt

Herzogenrath. Die Kohlscheider sind kampagnenfähig. Das war ein besonders zufriedenstellendes Ergebnis der groß angelegten Studie „Lebenslagen und Teilhabe“, die die Pfarrei „Christus unser Friede“ auf den Weg gebracht hat. Die große Resonanz und Diskussionsbereitschaft der Bürger auf den Präsentationstermin am Dienstagabend im Pfarrheim Bank war beredtes Zeugnis dafür.

Am Podium standen Dr. Liane Schirra-Weirich, Professorin an der Katholischen Hochschule NRW, Pastor Rainer Thoma, Diakon Dr. Bruno Ortmanns, Dr. Norbert Wichard vom Generalvikariat, Rainer Krebsbach vom Caritasverband sowie Rolf Engel aus dem Fachbereich Jugend der Stadt Herzogenrath unter Leitung unserer Redakteurin Beatrix Oprée Rede und Antwort.

Kohlscheider bewerten ihre Lebenslage- und Teilhabesituation überwiegend gut. Zumindest diejenigen, die an der Studie teilgenommen haben. Aus ökonomischer Sicht geht es den Kohlscheidern demnach gut. Allerdings muss dieser Befund mit Einschränkungen gesehen werden: Es haben vor allem ältere und höher qualifizierte Bürger geantwortet. Alleinerziehende und arbeitslos gemeldete Personen sind eher unterrepräsentiert, wie Schirra-Weirich in ihrem Vortrag darlegte. „Was ich bedrohlich finde, ist, dass im Vergleich zu anderen Faktoren die Altersvorsorge nicht so positiv bewertet wird“, sagte Schirra-Weirich und machte deutlich, dass hier Gemeinde und Stadt ansetzen müssten: „Es entwickelt sich eine potenzielle Zielgruppe von Altersarmut.“ Vor allem im Rücklauf der unteren Einkommensgruppe gaben nur knapp über die Hälfte an, genügend Mittel für eine Sicherung des Lebens im Alter zu haben.

In der Diskussion zeigte sich, dass Kirche als Akteur in diesem Bereich schon auf verschiedenen Ebenen aktiv ist. Im Publikum wurde indes ein zu starker Fokus auf Unterstützungsleistungen wie Tafeln oder Kleiderkammern gesehen und eher kritisch beurteilt: Denn dies setze nur an den Symptomen und nicht an Armutsursachen an. Auch Dr. Norbert Wichard vom Bistum zog aus der Studie konkrete Handlungsaufforderungen an die Kirche, im Bereich Armutsbekämpfung stärker aktiv zu werden. Man fahre mit den Sozialverbänden bereits Kampagnen, müsse sich aber vor Ort noch stärker zu dem Phänomen verhalten. Eine zentrale Empfehlung der Studie ist es, Kirche als Trägerin sozialer Einrichtungen stark zu positionieren und gesellschaftlich sichtbarer zu machen. Hier lägen große Potenziale brach.

„Nach vielen Diskussionen haben wir auch das Thema ‚soziale Armut’ in die Studie eingebracht,“ erklärte Schirra-Weirich ihren Ansatz. Anders als bei rein wirtschaftlicher Armut werden hier die Teilhabechancen im sozialen Raum mitbewertet.

Und inwieweit kann Kirche sich in politische Prozesse einschalten? Besonders in Fragen der Stadtentwicklung etwa ist Kirche nicht primär zuständig. Pfarrer Rainer Thoma betonte aber, dass sich die Gemeinde als gesellschaftspolitische Akteurin durchaus einbringen könne und solle. Das könnte gleich mehrfach auch Auswirkungen auf bestehende strukturelle Probleme der Gemeinde haben.

In der Studie hat sich gezeigt, dass die Gemeinde als Interaktionsplattform wahrgenommen wird. Niedrigschwellige kulturelle Angebote und Veranstaltungen zu aktuellen Themen könnten wieder mehr Leute der Kirche zuführen. Zudem rücke Kirche auch wieder als Priorität nach oben, wenn die anderen Grundbedürfnisse befriedigt seien, konstatierte Rainer Krebsbach von der Caritas.

In kulturellen Veranstaltungen wurde auch seitens des Publikums ein großes Potenzial gesehen, da das Angebot in Kohlscheid durchaus „noch ausbaufähig“ sei.

Kurzfristige Veranstaltungs- und Aktionsformen wie die Sozialaktion „72 Stunden“ des BDKJ zögen junge Menschen in hohem Maße an, auch die, die sich vom klassischen Gottesdienst eigentlich nicht mehr angesprochen fühlten. Die Jugend ist also durchaus interessiert und hat sich auch ihrem Bevölkerungsanteil in der Städteregion entsprechend an der Kohlscheider Studie beteiligt, wie Rolf Engels darlegte. Aufgrund von repräsentativen Daten, die von der Stadt zur Verfügung gestellt wurden, waren 2000 Haushalte in dem 19 000 Einwohner zählenden Sprengel angeschrieben und mit dem 90 Fragen umfassenden Erhebungsbogen ausgestattet worden. Den Rücklauf von 15 Prozent bezeichnete Liane Schirra-Weirich als „sehr gut“.

Wie aber lässt sich Jugend bei der Stange halten? Man müsse unter anderem an einer zeitgemäßen Sprache und Ansprache durch die Kirche arbeiten, stellte Diakon Bruno Ortmanns als eine der großen Zukunftsaufgaben heraus.

Den geringsten Anteil am Rücklauf hatte die Altersgruppe der 18- bis 35-Jährigen. Aus einem praktischen Grund, wie Schirra-Weirich auf Nachfrage darlegte: Diese Bevölkerungsgruppe ist mit Ausbildung, Berufsfindung und Familiengründung beschäftigt, und hat im Vergleich schlichtweg „weniger Zeit“.

Kirche muss sich selbst und ihre Leistungen für die Gesellschaft besser darstellen, war eine Forderung auch aus dem Publikum. Dazu müsse aber noch an der Kommunikation mit den verschiedenen Zielgruppen gefeilt werden, wies Schirra-Weirich hin. Gerade ältere Menschen seien noch gut über lokale und regionale Medien sowie den Pfarrbrief zu erreichen. Um jüngere Menschen anzusprechen, sollte die Gemeinde sich überlegen, stärker „in das Internet zu investieren“. Es wurde zudem die Möglichkeit diskutiert, den Pfarrbrief nach Möglichkeit kostenfrei zu gestalten und in alle Haushalte der Gemeinde zu liefern oder neu aufzustellen und als Newsletter per Mail zu versenden.

Die Ergebnisse soweit wie möglich in die pfarrliche Arbeit einfließen zu lassen, versicherten Pastor Thoma und Diakon Ortmanns abschließend. Wohlwissend, dass diese bisher einmalige pfarrliche Erhebung und ihre Folgen nun bistumsweit beobachtet werden, wie Norbert Wichard darlegte: „Deshalb hat sich das Bistum auch an der Finanzierung der Studie beteiligt.“

www.christus-unser-friede.de

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