Mattis darf Schulgelände nicht betreten

Von: Beatrix Oprée
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Mattis muss draußen bleiben: Warum er nicht mehr auf den Schulhof in Pannesheide darf, kann der Elfjährige nicht verstehen. Foto: Beatrix Oprée
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Sie sind ein eingespieltes Team: Mattis und sein Vater Robert Zopp.

Baesweiler/Herzogenrath. Mattis ist sauer. Und da er seinen Gefühlen stets spontan Ausdruck verleiht, wummert er lautstark und finsteren Blickes gegen die Aluplatte des Schultors. Dahinter spielen seine Freunde, doch an diesem Vormittag sind die für ihn unerreichbar.

Denn Mattis darf das Schulgelände nicht betreten. Die Schulleiterin, so berichtet Mattis' Vater, sei angehalten worden, ihm einen Platzverweis zu erteilen. Deswegen hat Mattis jetzt Klage eingereicht, ganz offiziell: gegen das Land Nordrhein-Westfalen, vertreten durch das Schulamt für die Städteregion Aachen.

Mattis Wagner ist elf Jahre alt und ein „Downie“, das heißt: Er wurde mit dem Down-Syndrom geboren. Dieser Gen-Defekt wird auch Trisomie 21 genannt, weil das Chromosom 21 dreimal statt zweimal vorhanden ist. Das hat Auswirkungen auf die körperliche Gesundheit und die geistige Entwicklung, die bei jedem Betroffenen unterschiedlich ausfallen können. Eine frühzeitige gezielte Förderung ist daher umso wichtiger.

Mattis' Eltern wünschen sich deswegen, dass ihr Junge in einem inklusiven System beschult wird, das heißt zusammen mit nichtbehinderten Kindern an einer allgemeinen Schule. Fünf Jahre lang hat ihn sein Vater Robert Zopp jeden Morgen von Baesweiler zur Gemeinschaftsgrundschule nach Pannesheide gefahren. „Mit dem dortigen Konzept des jahrgangsübergreifenden Unterrichts haben wir beste Erfahrungen gemacht“, sagt Zopp. So war vorgesehen, dass Mattis auch noch ein sechstes Jahr in seiner gewohnten Umgebung lernen kann. Aufgrund der sichtbaren Fortschritte, die der Junge in Pannesheide gemacht habe, sei dazu auch seitens der Lehrer geraten worden.

Alle bis dahin Beteiligten seien davon ausgegangen, so berichtet Zopp, dass die Grundschulzeit für Schüler grundsätzlich gemäß Versetzungsordnung auf sechs Jahre gestreckt werden könne, indem die Schuleingangsphase auf drei Jahre ausgedehnt und der Schüler im 3. und 4. Schuljahr einmal nicht versetzt werde. „Das war in Pannesheide auch bei Kindern mit Förderbedarf bisher gängige Praxis“, sagt Zopp. „Doch im März wurde seitens der Städteregion mitgeteilt, dass diese zeitliche Streckung für Kinder mit geistiger Behinderung nicht mehr möglich ist.“ Kinder mit sonderpädagogischem Unterstützungsbedarf sind gemäß einer ergänzenden Ausbildungsverordnung „zieldifferenziert“ zu fördern und können somit auch nicht „sitzenbleiben“. Womit der zweite Teil der oben erwähnten Versetzungsverordnung für geistig Behinderte keine Anwendung finden kann.

Die Folge: Für sie ist nach fünf Jahren auf der Grundschule definitiv Schluss und eine weiterführende Schule angesagt. Mattis' Eltern sehen in diesen kollidierenden Verordnungen einen Verstoß gegen den in Artikel 3 des Grundgesetzes verankerten Gleichheitsgrundsatz. Und: „Die Information, dass dies nicht mehr möglich ist, haben wir zu spät bekommen“, sagt Zopp. Zu spät, um für einen elfjährigen „Downie“ noch einen Platz in einer Schule zu finden, die in vertretbarer räumlicher Nähe zu Baesweiler liegt. „Entweder waren die Kapazitäten schon erschöpft oder es wurde auf fehlende Erfahrungen mit Downies verwiesen“, schildert der Vater und sieht genau darin das entscheidende Manko, warum der Auftrag der UN-Behindertenrechtskonvention zur inklusiven Bildung an allgemeinen Schulen in NRW schlichtweg nicht funktionieren könne: „Es mangelt offensichtlich an ausreichend qualifiziertem Personal!“

Am 11. Juli dieses Jahres erhielten Mattis‘ Eltern schließlich einen Bescheid von der Städteregion: Als „Förderort“ werden darin die Rodaschule in Herzogenrath sowie eine Gemeinschaftshauptschule in Aachen „vorgeschlagen“. Für Robert Zopp und seine Frau Helga Wagner ist beides inakzeptabel: Die Rodaschule entspricht nicht ihrem Wunsch nach inklusiver Bildung gemäß Behindertenrechtskonvention. Und die Aachener Hauptschule ist zu weit entfernt. Zudem, so begründet es der Eschweiler Rechtsanwalt Ulrich Herzog in der Klageschrift gegen den Bescheid, habe die Aachener Schule zwar „zweifelsohne Kompetenzen in der sozialen Förderung von Kindern und Jugendlichen aus bildungsfernen Bevölkerungskreisen. Kompetenzen mit Blick auf die Förderung von Kindern, welche in ihrer geistigen Entwicklung verzögert sind und der zieldifferenzierten Förderung bedürfen“, seien bei besagter Schule aber „bisher nicht bekanntgeworden. Im Gegenteil“, so der Fachanwalt für Verwaltungsrecht, die Beschulung des Klägers wäre dort „völlig deplatziert“.

Die Klage – gemäß Rechtsbehelf unter dem Bescheid – „hat in jedem Fall aufschiebende Wirkung“, sagt Anwalt Herzog. „Und da Mattis immer noch in Pannesheide angemeldet ist, ist er rein formaljuristisch Schüler dieser Schule.“

Das Schulamt für die Städteregion indes hat offenbar zwischenzeitlich beim Verwaltungsgericht Aachen versucht, eine schnelle Entscheidung zu erwirken. Vergeblich: Bis zum Schuljahresbeginn sei dies nicht mehr möglich, und die Möglichkeit einer „vorläufigen Entscheidung“ bestehe im Klageverfahren nicht, so die knappe Mitteilung der Kammer vom 19. August. Die Konsequenz daraus: Der kleine Mattis musste am Mittwoch vor dem Schultor kehrtmachen.

Sein Vater betont: „Das kann und will ich nicht hinnehmen!“

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