Nordkreis - Martin Schulz: Parteigenossen und Weggefährten begrüßen Kandidatur

Martin Schulz: Parteigenossen und Weggefährten begrüßen Kandidatur

Von: Verena Müller, Beatrix Oprée und Karl Stüber
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Blieb seiner Heimat immer verbunden: Martin Schulz. Foto: Wolfgang Sevenich, Karl Strüber
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Blieb seiner Heimat immer verbunden: Martin Schulz aus seiner Würselener Amtszeit und am Rande einer Veranstaltung mit Hans Vorpeil. Foto: Wolfgang Sevenich, Karl Stüber

Nordkreis. „Das finde ich großartig. Das freut mich sehr!“ Der ehemalige SPD-Landtagsabgeordnete und Alsdorfer Ehrenbürger Hans Vorpeil reagierte auf Nachfrage unserer Zeitung begeistert auf die Nachricht, dass SPD-Parteichef Sigmar Gabriel den Weg für Martin Schulz freigemacht hat, um Kanzlerkandidat der Sozialdemokraten für die Bundestagswahl am 24. September zu werden.

Gabriel hatte am Dienstag vorzeitig auf die mögliche eigene Kandidatur verzichtet. Vorpeil schätzt seinen Parteifreund, der einst ehrenamtlicher Bürgermeister von Würselen war und bis heute dort wohnt, hoch und traut ihm auch den Parteivorsitz zu: „Ich kenne ihn seit vielen Jahren. Ich traue ihm zu, dass er der richtige Mann an der Spitze der SPD sein wird. Ich wüsste keinen Besseren. Die SPD bekommt ein neues starkes Gesicht.“ Gabriel habe getan, was er konnte. Aber das habe nicht gereicht.

Zudem verkörpere der ehemalige Präsident des europäischen Parlaments all das, worauf es den Menschen ankomme: „Zielstrebigkeit, Fleiß und eine klare Sprache.“ Schulz habe bewiesen, dass er sich nicht nach dem jeweils wehenden Wind richte, sondern stehe nachhaltig zu seinen Grundwerten und Aussagen. „Er ist das, wonach sich die Menschen sehnen: zuverlässig!“ Schulz sei der geeignete Mann, um innen- und außenpolitisch Populisten die Stirn zu bieten und zu entlarven.

Nach Einschätzung von Vorpeil kann eine erneute große Koalition nach der Bundestagswahl nicht die erste Priorität für die SPD sein. Aber es könne sein, dass nach dem Entscheid der Wähler die Konstellation darauf hinauslaufe. Vorpeil ist ohnehin der Auffassung, dass einmal mehr Prognosen und Umfragen mehr als fraglich sind. „Ich traue Schulz zu, dass er alte SPD-Stammwähler wieder an die Wahlurne bringt.“

Würselens Bürgermeister Arno Nelles begrüßt ausdrücklich die aktuelle Entwicklung – und dass nun sein Parteifreund als Kanzlerkandidat zur Verfügung steht. „Ich schätze besonders die rhetorischen Fähigkeiten und die hohe Professionalität von Schulz“, sagt Nelles über seinen (ehrenamtlichen) Vorgänger. Schulz trug die Amtskette von 1987 bis 1998. Zudem wisse Schulz um die Bedeutung der Lokalpolitik und der Kommunen. „Die Kommunalpolitik ist aus meiner Sicht die Königsdisziplin. Hier steht der einzelne Politiker in direktem Kontakt mit der Bevölkerung, mit den Wählern, und bekommt sogleich gesagt, was man von ihm und seinem Tun hält“, sagte Nelles. Das habe Schulz verinnerlicht.

Nelles verspricht sich von einem (möglichen) Bundeskanzler Schulz auch eine den Bedürfnissen der Kommunen gegenüber offene Bundespolitik. „Er weiß, dass man die Menschen vor Ort abholen muss.“ Nelles erhofft sich zudem neben einem positiven Impuls für die SPD generell eine Ermutigung, sich wieder mehr kommunalpolitisch zu engagieren: „Wir brauchen mehr denn je das aktive Bekenntnis zu dem, was wir an Errungenschaften in 70 Jahren erarbeitet haben.“

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„Sehr überraschend“ sei für sie die Nachricht von Sigmar Gabriels Verzicht gewesen, sagt SPD-Landtagsabgeordnete Eva-Maria Voigt-Küppers. In letzter Zeit habe es ja so ausgesehen, als ob Gabriel kandidieren wolle. Ihr Urteil zu Schulz: „Ich glaube, dass wir mit ihm eine sehr gute Chance haben.“ Zur Begründung nannte sie vor allem charakterliche Vorzüge: Schulz sei ein Mann aus dem Volk, der seinem Gegenüber immer auf Augenhöhe zu begegnen wisse.

„Egal, ob es der kleine Mann von der Straße ist oder jemand von der großen Weltpolitik – er findet immer das richtige Maß.“ Er verfüge über eine überzeugende Argumentationskraft, und sie kenne kaum jemanden, der so belesen sei wie er. Lange in der Politik, hohe Erfahrungswerte und: die Ära Schröder unbeschadet überstanden – das runde das Bild ab. Seinen Ankerpunkt in der hiesigen Region habe er immer betont und in Ehren gehalten. Das trage zu seiner hohen Wertschätzung bei den Bürgern vor Ort bei.

Der CDU-Bundestagsabgeordnete Helmut Brandt sagt – nicht ohne ironischen Unterton – dass die CDU sehr zufrieden sein könne, dass Schulz in die erste Reihe aufgerückt ist. „Wir vertrauen voll und ganz auf unser noch zu beschließendes Wahlprogramm.“ Auch wenn er Schulz als Kollegen und Menschen schätze, fehle es ihm nachweislich an Regierungserfahrung. Da sei ihm die Kanzlerin mit zwölf Jahren um Längen voraus. Dass eine Kandidatur oder gar eine Wahl Schulz‘ einen positiven Effekt auf die Region habe könne, bezweifele er. Die Region habe sich bereits in Vergangenheit und Gegenwart sehr gut aufgestellt. Aber natürlich sei es immer gut, wenn ein Kollege aus der Region nach Berlin komme.

Und wie reagiert die eigene Familie? Eigentlich habe sie gar nicht mehr ans Telefon gehen wollen, sagt Doris Harst, die ältere Schwester des frisch gekürten Kanzlerkandidaten, im Gespräch mit unserer Zeitung. So viele Anrufe habe sie bereits bekommen. Natürlich habe sie von der Entscheidung gewusst, längst bevor die Nachricht über den Ticker gelaufen sei. Und vereinbarungsgemäß strikt geschwiegen. Seit wann genau, will sie dann doch nicht verraten. Zwei Herzen schlagen nun in ihrer Brust, gesteht sie ein. Als Sozialdemokratin, die sie ja nun auch sei, freue sie sich natürlich sehr für ihren Bruder: „Es ist eine große Ehre, dass er für diese große alte Partei antreten darf. Für ihn und für unsere ganze Familie!“ Und dann schiebt sie nach: „Ich empfinde es auch persönlich als Ehre. Denn wer kann das schon erleben?“

Doch dann meldet sich die große Schwester wieder, die sich sorgt, weil sie genau weiß, welches Arbeitspensum, welche Belastungen auf einen zukommen, der sich um das Amt des Regierungschefs bewirbt und dabei auch die Erwartungen der ganzen Partei erfüllen muss. Von den Strapazen eines Wahlkampfs, in dem ihn der politische Gegner nicht schonen wird, ganz abgesehen. „Schon jetzt“, so verweist sie auf erste Analysen politischer Beobachter zum Prozedere der Kandidatenkürung, „stürzt man sich ja auf ihn.“ Doch Harst ist auch sicher: „Ich weiß, er wird alles geben.“ Und: „Die ganze Familie wird hinter ihm stehen und für ihn da sein, wann immer er uns braucht!“ Schließlich habe er auch seine Familie immer teilhaben lassen, „ein großes Geschenk“.

Das Amt des Bundeskanzlers, so sehr es auch mit Verantwortung belastet ist, traue sie ihrem Bruder auf alle Fälle zu. Mehr noch: „Er hat die politische Arbeit ja von der Pike auf gelernt. Wer elf Jahre Bürgermeister einer Mittelstadt war, hat die Sorgen und Nöte der Menschen hautnah kennengelernt, der versteht etwas von sozialer Gerechtigkeit und weiß, was die Menschen bewegt.“

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