Martin Schulz gibt Lehrstunde in Demokratie und Europa

Von: Karl Stüber
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Stellte sich den Fragen der Schüler: Martin Schulz (r.), Präsident des Europäischen Parlaments. Foto: Karl Stüber
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Moderierte die Diskussion mit Schülern: Wilhelm Merschen (l.), Leiter des Baesweiler Gymnasiums. Foto: Karl Stüber
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Beim Eintrag ins Goldene Buch der Stadt Baesweiler interessierte sich EU-Parlamentspräsident Martin Schulz brennend für die Vermerke früherer Besucher. Bürgermeister Dr. Willi Linkens rang Schulz zumindest die Unterschrift ab. Foto: Karl Stüber
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Kritische Fragen: Auch jüngere Schüler wie Jenny (6. Klasse, l.) beteiligten sich an der Diskussion mit Martin Schulz (r.), Präsident des Europäischen Parlaments. Foto: Karl Stüber

Baesweiler. Eine Lehrstunde in Demokratie und Europa der besonderen Art wurde am Montagvormittag in der Aula des Baesweiler Gymnasiums geboten. Martin Schulz, Präsident des Europäischen Parlaments, hielt einen Vortrag über – natürlich – Europa und stellte sich den Fragen von Schülern des Gymnasiums und der Realschule. Zudem waren auch schon längst nicht mehr schulpflichtige Baesweiler der Einladung gefolgt.

Der eloquente SPD-Mann Schulz ist immer für eine scharfe Analyse und eine kluge Anmerkung gut, die über Termin und Tag hinaus Wirkung zeigen. Baesweilers Bürgermeister Dr. Willi Linkens hoffte entsprechend, dass Schulz die Möglichkeit nutzt, „mit einer Baesweiler Erklärung in die Geschichte einzugehen“. Dazu kam es zwar nicht ganz, aber Schulz‘ Auftritt wird über den Eintrag ins Goldene Buch der Stadt hinaus Spuren hinterlassen – in den Köpfen hoffentlich vieler Schüler. Die füllten die Aula komplett, obwohl die Gymnasiasten eigentlich am Vormittag schulfrei hatten, weil eine Zeugniskonferenz angesetzt war.

Schulz redete den gebannt Zuhörenden ins Gewissen, ohne oberlehrerhaft zu wirken. Um der jungen Generation klarzumachen, dass bei aller Kritik an Europa und allen Zweifeln am partnerschaftlichen Miteinander von Mitgliedsstaaten Werte und Errungenschaften wie Demokratie und damit verbunden Freiheit und freies Selbstbestimmungsrecht aktiv bewahrt werden müssen und nicht „wie Strom aus der Steckdose kommen“, schilderte er den Werdegang seines Vaters.

Der wurde 1912 als 11. Kind eines Bergmanns und als Untertan des deutschen Kaisers geboren, ging barfuß zur Kommunion, weil für Schuhe kein Geld da war. Der war im Zweiten Weltkrieg Soldat eines Unrechtssystems und stand nach der Kriegsgefangenschaft vor den Trümmern seines Hauses in Würselen. Die Not war groß. „Da gab es keinen Supermarkt weit und breit“, sagte Schulz. Welch unvorstellbares Glück es war, dass die Bundesrepublik gegründet werden durfte, da die Alliierten zu dem Schluss gekommen waren, dass Deutschland zur Demokratie finden muss, schilderte der Europapolitiker anschaulich.

Schulz, Jahrgang 1955, sagte: „Ich bin in Frieden und Wohlstand hineingeboren worden. Und das wird mein wohl noch langes Leben so bleiben. Und in meinem Leben wird wohl auch weiterhin kein Krieg geführt werden, wenn wir alle das wollen.“ Und: „Wir werden auch die Probleme der Migration und die Krise in Deutschland und Europa bewältigen. Da bin ich mir sicher“, machte er den jungen Leuten Mut. Die nahm der Präsident des Europäischen Parlaments allerdings auch in die Pflicht. „Was aus all den Werten, die wir uns erarbeitet haben, und was aus Europa wird, entscheidet immer die nächste Generation.“

Es lohne sich zu erkennen, was mit und in Europa in den letzten Jahrzehnten geschehen sei. Dies müsse Ansporn sein, weiter dafür einzustehen. „Ich hoffe, Ihr seht das genauso!“

Wilhelm Merschen, Leiter des Baesweiler Gymnasiums, schaffte locker den Übergang zur Fragerunde. Ob denn Schulz als bekennender Würselener überhaupt noch „einen festen Wohnsitz“ dort habe? Schulz räumte ein, angesichts seiner vielen Verpflichtungen eher einen „Wandergewerbeschein“ haben zu müssen, wusste aber zur allgemeinen Heiterkeit zu berichten: „Ich kann einen ordnungsgemäßen Wohnsitz in Würselen nachweisen!“

Dann ging es Schlag auf Schlag. Schulz nannte auf Nachfrage klare Kriterien für einen Verteilungsschlüssel von Flüchtlingen auf die EU-Mitgliedsstaaten: Einwohnerzahl, Wirtschaftskraft, Arbeitslosenquote und bereits vorhandene und anzurechnende Flüchtlinge müssten berücksichtigt werden. „Das wäre gerecht.“

Was würde Schulz tun, wenn er Kanzler von Deutschland wäre? In der Flüchtlingsfrage wohl nicht viel anderes als Amtsinhaberin Angela Merkel (CDU), mit der er im Übrigen hierüber öfter telefoniere. Er würde wie sie in Europa auf eine gerechte Regelung der Verteilung drängen und an der Sicherung der europäischen Außengrenzen arbeiten.

Warum denn nicht Flüchtlinge auch in andere reiche Länder wie die USA und Kanada gebracht würden? Während die USA das wohl anders sehen würden, hätte Kanada da grundsätzlich Bereitschaft zur Aufnahme gezeigt, so Schulz. Es gelte, vor allem die Länder wie Jordanien oder Libanon finanziell zu unterstützen, die wohl die meisten Flüchtlinge aufgenommen hätten.

Eine Schülerin wollte wissen, wie es denn um die Türkei und deren Aufnahme in die EU stehe. Schulz zeigte klare Kante: „Es ist ein Fehler, die Türkei nicht schon längst in die EU aufgenommen zu haben. Wir brauchen die Türkei für die Lösung der Flüchtlingsfrage.“ Klar, die Türkei müsse zwar viele Reformschritte unternehmen. Aber selbst dann wäre eine Aufnahme schwierig zu bewerkstelligen, da dies von den Mitgliedsstaaten einhellig beschlossen werden müsse. „Ich bin für die Aufnahme der Türkei in die EU!“

Wird Großbritannien austreten? Schulz: „Ich hoffe, dass die bleiben.“ Allerdings zeigte sich der EU-Parlamentspräsident skeptisch angesichts der Eigendynamik, die Volksabstimmungen nehmen könnten.

Und warum haben sich die EU-Staaten nicht schon längst auf die Aufnahme und Verteilung von Flüchtlingen vorbereitet? Das sei doch absehbar gewesen! „Genau das habe ich den Regierungschefs auch immer gesagt!“, entgegnete Schulz.

Den Schlusspunkt setzte ein Schüler der 6. Klasse, indem er aus einem Lied zitierte: „Fast acht Milliarden Menschen, doch die Menschlichkeit fehlt!“ Vielleicht ein Auftrag an die heranwachsende Generation, es besser zu machen als die Älteren...

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