Mariadorfer Weltladen feiert Jubiläum: Sogar die Cola fair gehandelt

Von: Stefan Schaum
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Tee, Wein und mehr: Gern bringt Gertrud Kutscher (r.) Kunden das Angebot des Weltladens nahe. Foto: Stefan Schaum

Alsdorf. Dass der kleine Weltladen an der Marienstraße mal sein Zehnjähriges feiern kann, hat zu Beginn nicht jeder gedacht. Doch auf 30 Quadratmetern hat sich im Lauf des Jahrzehnts so manches bewegt, und vieles davon zum Guten. Darüber spricht Gründungsmitglied Gertrud Kutscher im Wochenend-Interview.

Wie war die Stimmung, als Sie den Laden vor zehn Jahren auf den Weg gebracht haben?

Kutscher: Gemischt. Bei uns war sie sehr gut. Wir hatten plötzlich die Möglichkeit, viele Dinge in einem eigenen Laden anzubieten, die zuvor von den Sekretärinnen in den einzelnen Pfarrbüros verkauft worden sind. Kaffee, Tee, Schokolade – zu Beginn hauptsächlich die klassischen Produkte aus fairem Handel. In den Gemeinden selbst war die Reaktion aber nicht immer so positiv. Da gab es auch mal Äußerungen wie: „Warum kümmert Ihr euch so um Afrika? Gibt es nicht auch hierzulande Armut?“

Wie haben Sie reagiert?

Kutscher: Ich halte das damals wie heute für eine Schutzbehauptung. Und das sage ich den Menschen auch so. Wenn wir um Spenden bitten, und es kommt so ein Spruch, dann entgegne ich: „Dann spenden Sie doch für unsere Schüler-Jobbörse. Die unterstützt Jugendliche hier vor Ort.“ Aber dann kommt meistens auch nichts.

Sind Sie auf Spenden angewiesen?

Kutscher: Nicht, um den Laden zu halten. Der trägt sich selbst. Aber einen großen Erlös wirft er auch nicht ab. Leben könnte von einem Weltladen niemand, so etwas funktioniert nur, wenn Ehrenamtler sich engagieren. Aber um Projekte etwa in der Diözese Monze in Sambia unterstützen zu können, brauchen wir neben dem, was der Erlös hergibt, möglichst viele Spenden.

Welche Dinge werden unterstützt?

Kutscher: Zum Beispiel das Projekt „Zambike“. Schülern, die mehr als acht Kilometer Schulweg haben – und das sind nicht wenige – finanzieren wir ein Rad, das vor Ort gekauft wird. Das kostet ungefähr 50 Euro pro Rad. Auch einen Brunnenbau an der Charles-Lwanga-Basic-School in Chikuni in Süd-Sambia haben wir unterstützt. Der ist enorm wichtig für einen Kreislauf. Denn so kann die Schule eigene Felder bewirtschaften und eine gute Ernährung der Schüler sicherstellen. Das ist wichtig mit Blick auf die Behandlung von Aids.

Wie das?

Kutscher: Aids ist in Afrika immer noch ein enormes Thema, eine riesige Bedrohung.

Hierzulande findet es ja kaum noch Beachtung.

Kutscher: Aber dort hat die Krankheit nahezu eine ganze Generation ausgelöscht. Auch viele Kinder sind Träger des HI-Virus. Zwar gibt es mittlerweile medizinische Behandlungsprogramme, aber in die wird man nur dann aufgenommen, wenn man eine gute Ernährung nachweisen kann. Andernfalls werde die Behandlung nicht anschlagen, heißt es. Auch deshalb ist es so wichtig, dass Schülern Zugang zu gutem Essen ermöglicht wird. Daneben engagieren wir uns auch, um Ausbildungen bezahlen zu können. Zum Beispiel für Mädchen, die Krankenschwestern werden möchten. In Afrika ist es oft so, dass man für die Lehre kein Geld bekommt, sondern zahlen muss.

Wie steht es um die Bekanntheit des Ladens? Wirklich prominent gelegen ist er ja nicht.

Kutscher: Das stimmt. Wir sind schon etwas abseits gelegen. Dafür ist die Miete sehr günstig, weil wir eine alte Pfarrerswohnung nutzen können. Anders wäre das Projekt wohl gar nicht zu realisieren gewesen. Damit wir bekannter werden, trommeln wir seit Beginn fleißig, machen einige Aktionen. Die „faires Kochen-Abende“ zum Beispiel, bei denen wir durch die Gemeindehäuser tingeln und aus fair gehandelten Produkten leckere Menüs zubereiten. Es gibt auch Café-Nachmittage, Weinproben und viele andere Dinge, die neue Kunden anlocken sollen.

Mit Erfolg?

Kutscher: Ja. In den ersten Tagen und Wochen war praktisch jeder, der durch die Tür kam, mit einem befreundet oder verwandt. Da kannte man jedes Gesicht. Das hat sich geändert. Viele Leute haben uns entdeckt – und kommen auch regelmäßig.

Wer ist denn der typische Kunde? Der Spät-68er? Oder der Bilderbuch-Öko?

Kutscher: Den typischen Kunden gibt es gar nicht. Das geht wirklich quer durch alle Gesellschaftsschichten, durch alle Generationen. Wir haben zum Beispiel eine Jugendgruppe aus Herzogenrath, die sich oft meldet. Wenn die ein Treffen oder eine kleine Party hat, dann bestellt sie bei uns immer einen Kasten fair gehandelte Cola aus Costa Rica.

Die gibt es auch?

Kutscher: Oh ja. Die Zeit, als vor allem Kaffee im Regal lag, ist lange vorbei. Heute gibt es von der Currypaste bis zum Badesalz praktisch alles. Mir liegt vor allem das Kunsthandwerk am Herzen. Gerade in dem Bereich kann man den einzelnen Hersteller besonders unterstützen. Die indische Näherin zum Beispiel, die Portemonnaies in Handarbeit fertigt. Solche Geschenkideen haben wir breit gefächert im Angebot. Ich bringe seit Jahren solche Präsente mit, wenn ich eingeladen bin. Blumen hab‘ ich schon lange nicht mehr gekauft (lacht).

Und der Preis? Produkte aus dem Weltladen gelten nicht gerade als Schnäppchen.

Kutscher: Man muss sicher nicht stinkreich sein, um bei uns einzukaufen. Wir sind etwas teurer als ein normaler Supermarkt, aber wir bieten hochwertige Qualität. Und die muss nicht immer mehr kosten. Wir haben zum Beispiel einen chilenischen Wein, der superlecker ist. Da kostet die Flasche sieben Euro. Das ist für so einen guten Tropfen schon wieder günstig. Momentan macht uns der schwächelnde Dollar allerdings zu schaffen. Der faire Handel auf dem Weltmarkt läuft über diese Währung – das macht sich in Preissteigerungen bemerkbar. Auch wir mussten die Preise jüngst etwas anheben. Zum Glück müssen wir keine große Gewinnspanne einkalkulieren.

Ein Blick auf die nächsten zehn Jahre?

Kutscher: Da muss sich was tun in Sachen Helfer. Derzeit sind wir 15 Ehrenamtler, damit haben wir die knapp bemessenen Ladenzeiten im Griff. Längere Öffnungen sind ohnehin nicht drin, das ist klar. Aber wenn nicht jüngere Teamer nachkommen, wird es eng. Viele Helfer der ersten Stunde sind älter als 60, die können nicht ewig mitmachen. Das Herzblut ist da – aber der Elan lässt leider langsam nach.

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