Marcell Kainz hat nur für Uhren Zeit

Von: Verena Müller
Letzte Aktualisierung:
15015792.jpg
„Marcello C“-Inhaber Marcell Kainz in seinem Würselener Büro. Foto: Verena Müller
15015787.jpg
In der Werkstatt von Marcell Kainz in Broichweiden: Uhrmachermeisterin Sarah Berle bei der Arbeit. Kainz lässt hier nicht nur eigene Uhren zusammenbauen, sondern auch andere Marken reparieren. Foto: Verena Müller

Würselen. Als Marcell Kainz die erste eigene Uhr auf den Markt bringen wollte und über einen Namen nachdachte, fand er „Kainz“ oder „Marcell Kainz“ einfach zu hoch gegriffen. „Schließlich bin ich kein Uhrmacher.“

Inzwischen, rund 20 Jahre später und bei gebührendem Renommee, habe sich der italienisch anmutende Name „Marcello C“ mit dem angestoßenen Nuschellaut in der Mitte so etabliert, dass er ihn nicht mehr ändern wolle.

Dabei ist diese Bescheidenheit völlig fehl am Platz. Das Telefon klingelt. „Melanie-Schatz ... aha... Krone aufdrehen, Heizkörper an, drauflegen und so schnell wie möglich reinbringen, damit Dir das Werk nicht verrostet... Warst Du denn schwimmen oder in der Sauna? Nein? Hm. Egal. Melanie. Schick sie auf jeden Fall so schnell es geht rein.“ Marcell Kainz legt auf.

Alte Uhrmacherwerkzeuge

„Rolex abgesoffen“, konstatiert er in seiner angenehm unaufgeregten, unprätentiösen Art. Er sitzt an seinem sehr aufgeräumten Schreibtisch, in Sichtweite Vitrinen mit alten Uhrmacherwerkzeugen – Räderwalzmaschinen, Eingriffzirkel, Hämmerchen – und Uhren. Jenseits des Flurs befinden sich Werkstatt, Polierraum, Lager.

Die Einzelteile für seine Uhren kauft Kainz in aller Welt, mit Schwerpunkt Europa. Zusammengesetzt werden sie hier, an der Luciastraße in Broichweiden. Neun Uhrmacher hatte er zwischenzeitlich beschäftigt, seit der Weltwirtschaftskrise sind es nur noch fünf. Die Taucheruhren mit Keramiklünette, Magnetfeldschutz und Heliumventil finden den größten Absatz.

Kainz verkauft aber nicht nur eigene Uhren, sondern bietet auch einen Reparaturservice für alle hochwertigen Marken an. Auch für die „abgesoffene Rolex“. „Meistens vergessen die Leute einfach, die Krone zuzudrehen. So kommt das. Datum oder Uhrzeit umgestellt, und schon ist es passiert“, sagt der 60-Jährige.

Gebürtig aus Herzogenrath

Kainz stammt aus Herzogenrath, ging dort zur Schule und absolvierte zunächst eine Elektrikerlehre. Sein Vater war Bergmann, seine Mutter Hausfrau, aber nach Uhren geschaut habe er schon immer, sagt Kainz. Zweieinhalb Jahre arbeitete er dann als Handelsvertreter für eine Schweizer Marke, bevor er sich selbstständig machte. Die ersten Jahre verkaufte er noch Schweizer Uhren, dann entwarf er seine erste eigene Uhr, 2002 war die erste Kollektion auf dem Markt, zwei Jahre später erhielt er die „Goldene Unruh“, einen Preis für die beste Uhr der Welt, der von zwei Magazinen verliehen wird. „Ich habe mir alles erarbeitet“, sagt Kainz.

Das Telefon klingelt wieder. „Ja, ich bin da, Du kannst vorbeikommen. Nur um 13 Uhr bin ich mit dem Hund draußen“, sagt Kainz. „Wenn es bis dahin nicht mehr regnet.“ Katze und Hund, das sind Kainz‘ Kinder. „Mein Job ist mein Hobby und meine Geliebte“, sagt er. Für mehr bleibe keine Zeit. Kainz‘ Frau ist für das Rechnungswesen zuständig, deshalb nennt Kainz sein Privatunternehmen auch einen Familienbetrieb.

Bei 400 Juwelieren kann man die Uhren kaufen, bei Kainz selbst und übers Internet. Seine Kunden sind vermutlich ein bisschen so wie er. Auf dem Boden geblieben. Er wolle die „breite Masse bedienen“, sagt Kainz, mit Qualitätsuhren zu angemessenen Preisen. Gewinnmaximierung stünde nicht im Vordergrund. Wenn man sich die Preise anschaut, kann man das glauben.

Diesmal klingelt nicht das Telefon. Stattdessen klopft es an der Bürotür. Ein Kunde und/oder Bekannter ist mit einer defekten Uhr erschienen. Er wartet in der Werkstatt, wo Sarah Berle und Pascal Handschiege gerade tief über die Arbeitsplatte gebeugt durch die Lupen schauen.

Kainz bittet um einen Moment Geduld und geht die einzelnen Apparate ab. Hier werden zum Beispiel die Gangscheine ausgestellt. Wenn man so will, lauscht ein Messgerät in die Uhr hinein, die aufgelegt wurde, und gibt Auskunft darüber, wie die Uhr eingestellt ist, wie die Spirale steht und was die Ölwaage sagt. Eine Uhr leiste so viel wie ein Automotor, der Millionen Kilometer pro Jahr liefe, so Kainz. Und genauso müsse ein Uhrwerk auch regelmäßig gewartet werden. „Alle fünf Jahre sollte man den Abrieb auswaschen“, sagt der Inhaber des Unternehmens. Das passiert dann zwei Räume weiter, in einem Salmiakbad. Das löst das Fett.

Eine Zeit lang hatte Kainz seinen Kunden auch angeboten, defekte Ersatzteile alter Modelle nachzubauen. Bei einer Feder und 40 Arbeitsstunden konnte sich das aber gut und gerne mal auf 1000 Euro belaufen. Das war vielen dann doch zu teuer. Und weil Kainz „einfach keine Lust mehr auf Leute, die handeln wollen“, hatte, stellte er diesen Betriebszweig ein.

Konzentration aufs Wesentliche

Und konzentriert sich aufs Kerngeschäft. Ein neues Modell will er auch bald auf den Markt bringen. „Marine“ soll es heißen. Ein Modell „Kainz“ gibt es inzwischen übrigens auch. Ein schlichtes, aufs Wesentliche konzentriertes. Der Name ist gut gewählt. Bei aller Bescheidenheit.

Leserkommentare

Leserkommentare (1)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert