„Mafia del Musica“: Eine ziemlich ehrenwerte Gesellschaft

Von: Karl Stüber
Letzte Aktualisierung:
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Die Geschichte der „Mafia del Musica“ ist fast aufgearbeitet: (v.l.) Jürgen Gennen, Irene Marzodko, Geschäftsführer Stefan Brunke, Archivar Claus-Peter Marzodko, Gründungsmitglied Hans Gerstmann und Pate Erwin Künkeler schauen sich die Jahrbücher an.
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Einblick ins Treiben der Ur-Mafia in der Karnevalssession 1979/80: Anfangs trug man Melone, später schwarzen Hut.

Herzogenrath. Jonny Controletti aus Chicago würde sich bei der „Mafia del musica“ sofort zu Hause fühlen. Die Namensergänzung „Kohlscheid 1980 e.V.“ sähe der skrupellose Eintreiber von Schutzgeldern als perfekte Verharmlosung der tatsächlichen Geschäftstätigkeit an.

Die Fassade eines Vereins ist fast so gut wie ein italienischer Obstladen oder ein Makkaronirestaurant, um sich den Anschein einer ganz normalen und legalen Existenz zu geben.

Das zu feierlichen Anlässen einheitliche Auftreten der – im Gegensatz zu anderen halbseidenen und verschwiegenen Vereinigungen – fröhlich singenden Familienmitglieder der „Mafia del Musica“ im schwarzen Anzug (wer weiß, wann man wieder mal an einem schnellen Begräbnis teilnehmen muss?), schwarzem breitkrempigen Hut mit weißem Band, roter Nelke und gleichfarbigem Tuch nebst Fliege lassen keinen Zweifel daran, dass es sich um eine außerordentlich ehrenwerte Gesellschaft handelt.

Weiße Socken führen unweigerlich zum Anrühren von Beton für einen nächtlichen Ausflug an einen See, dessen sich leicht kräuselnde Oberfläche am Morgen danach nicht mehr an das Drama wenige Stunden zuvor erinnert.

Diskretion ist eben alles

Als harmlose Chorknaben auftretend, sind die Kohlscheider Mafiosi gerne unterwegs und pflegen in einschlägigen Etablissements vorwiegend altes Aachener Liedgut. Wer denkt da schon an Verbrechen? Zudem lässt diese Familie einiges für soziale Aktivitäten springen. Gemeinnützig und gemeingefährlich liegen bisweilen eng beieinander, worauf die bei Auftritten schon mal mitgeführten Geigen- und Trompetenkästen schließen lassen. Bei Bedarf wird die Musik im flotten Takt von Maschinenpistolen gespielt.

Zum diskreten Geschäftsgebaren der mafiösen Vereinigung gehören unauffällige Treffen in Zivil und an wechselnden Orten. Diesmal findet sich Pate Erwin Künkeler mit ein paar besonders vertrauenswürdigen Mafiosi bei Claus-Peter Marzodko in Venwegen ein, um Geschäfte zu besprechen.

Es werden zwar nicht – wie in solchen Kreisen üblich – dicke Zigarren geraucht, aber beim Genuss von Häppchen, die Gastgeberin Irene Marzodko zubereitet hat, und dem Konsum von das Bewusstsein erweiternden Getränken (die Flüssigkeit in den Gläsern sieht nur aus wie Mineralwasser) machen Geschichten einschlägiger Auftritte die Runde.

Marzodko – geheimnisvoll mal „Kassierer“, mal „Archivar“ genannt – hat um das Treffen gebeten. Obwohl er nicht von Anfang an dieser Vereinigung angehörte, ist er ihr Chronist. Akribisch hat er die Aktivitäten aufgelistet, mit Anekdoten, Fotos und weiteren Dokumenten angereichert. Manche Jahre der Geschäftstätigkeit der geheimnisvollen Kohlscheider Vereinigung sind in einem Band zusammengefasst, andere sind wiederum echte Jahrbücher.

Auch bei Mafiosi laufen die Geschäfte mal mehr oder weniger gut, außerdem lassen sich nicht immer alle Belege finden. Manchmal mussten die Familienmitglieder allzu schnell den Ort des Geschehens verlassen, um nicht erwischt zu werden. Und das Erinnerungsvermögen spielt schon mal einen Streich. Wie war das zum Beispiel im Jahre 1995, als eine mehrtägige Geschäftsreise ins Ausland führte? Die Details fehlen dem Archivar noch, um sein Werk zu vollenden und mit seiner Dokumentation bis in die Gegenwart aufzuschließen.

Das „Gehirn“ der Gruppe

Hans Gerstmann (das „Gehirn“ der Gruppe), der bei der Familiengründung vor bald 36 Jahren diskret mitwirkte, kann sich im Gegensatz zu anderen Überlebenden jener Aktivitäten im Jahre 1995 noch ausgezeichnet erinnern. Stefan Brunke (Deckname „Geschäftsführer“) und Jürgen Gennen (genannt „der Fahrer“), der bei schnell abzuwickelnden Aktionen wie dem Trip nach Venwegen die schwere Limousine chauffiert, sind von ihrem „Bruder“ außerordentlich angetan.

Die Bücher des Archivars sind Unikate und werden wie Kundenlisten gehütet. Nicht auszudenken, wenn die Unterlagen in falsche Hände gerieten und die „Mafia del Musica“ auffliegen würde. Natürlich existiert noch eine digitalisierte Version. An einem geheimen Ort aufbewahrt, dient sie als Lebensversicherung.

Der „Mafia del Musica“ ist ohnehin schwer auf die Schliche zu kommen, tarnen sie sich doch auch noch mit weiteren „Normalitäten“. Alle zwei Jahre wird der Familienvorstand einschließlich Pate neu „gewählt“, als wenn die Buchmacher nicht schon vorher genau wüssten, wer was wird. Bei der Mitgliedschaft wird streng auf Strafmündigkeit geachtet.

Wer sich erwischen lässt und so die Mafia in Gefahr bringt, soll auch sitzen. Nachwuchs kann bereits im Kindesalter angemeldet werden. Mit 18 Jahren muss dann ein jeder entscheiden, ob er tatsächlich mitmacht und sich den strengen Regeln unterwirft. „Bei uns gibt es eine dreimonatige Probezeit. Man kann nur einem Herrn dienen“, sagt „der Geschäftsführer“ alias Stefan Brunke. Welche Art von Mutproben zu bestehen sind, lässt er vielsagend lächelnd unerwähnt.

Der monatliche Beitrag in Höhe von fünf Euro mag noch leicht aufzubringen sein, aber wer einmal zur „Mafia del Musica“ gehört, muss auch viel Zeit aufwenden.

Die Familie bietet Schutz, aber erwartet auch Gegenleistung. So wird eifrig geprobt, bevor „ein Ding läuft“. Schließlich soll alles im Takt und am Schnürchen über die Bühne gehen. „Wir leben mit unserer Gruppe von der Livemusik“, sagt Pate Künkeler. CDs werden nicht produziert. Wer die „Mafia del Musica“ hören will, muss zu ihren Auftritten kommen oder sie buchen. Die Herrschaften kommen bei Bedarf ins Haus...

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