Alsdorf - Männergesangsverein Alsdorf: 160 Jahre lang mehr als nur ein Chor

Männergesangsverein Alsdorf: 160 Jahre lang mehr als nur ein Chor

Von: René Benden
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Vor dem großen Auftritt: Bei der Generalprobe am Dienstag gab es den letzten Feinschliff. Der Männergesangverein Alsdorf wird gemeinsam mit dem MGV Linden-Neusen am Sonntag in der Alsdorfer Martin-Luther-Kirche auftreten. Foto: Andreas Herrmann
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Dirigent Heinz Dickmeis achtet auf die kleinsten Details. Foto: Andreas Herrmann
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Franz Schmitz und Karl-Peter Schröder (rechts) prägten den Verein und wurden von ihm geprägt. Foto: Andreas Herrmann
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Vor 35 Jahren: Der Männergesangverein Alsdorf beim Jubiläumsfest zum 125-jährigen Vereinsbestehen. Foto: Archiv

Alsdorf. Die Frage, ob es in einem Männerchor mit einem Durchschnittsalter von 80 Jahren vor einem großen Konzert noch so etwas wie Druck und Lampenfieber gibt, beantwortet Dirigent Heinz Dickmeis lautstark: „Stopp! Stopp!“ Der sonore Gesang aus 30 Männerkehlen bricht abrupt ab.

Die plötzliche Stille im Schiff der evangelischen Kirche in Alsdorf füllt der Dirigent mit einem eindringlichen Appell: „Hört endlich auf, auf eure Textblätter zu starren. Wenn ihr das nicht auswendig könnt, könnt ihr auch nicht mitsingen.“ Der schuldbewusste Gesichtsausdruck einiger grauhaariger Männer erinnert ansatzweise an 13-jährige Schüler, die beim Rauchen erwischt wurden.

Am kommenden Sonntag gibt der Männergesangverein Alsdorf sein Konzert zum 160-Jährigen Bestehen des Chors. Da muss alles passen. Dirigent Dickmeis ist nicht in der Laune, jetzt bei der Generalprobe kleine Schludereien durchgehen zu lassen.

Die Strenge und Ernsthaftigkeit, mit der die Männergesellschaft am Werk ist, in einem Alter, in dem man es gewiss lockerer angehen könnte, überrascht nur auf den ersten Blick. Kommt man ins Gespräch, stellt man fest, dass es bei dem Männerchor aus Alsdorf – wie bei vielen anderen Chören – nicht nur darum geht, den Ton richtig zu treffen. Es geht um viel mehr. Um Zusammenhalt, Familie, Heimat – das große Ganze im Leben.

1953 war es, als Franz Jansen (83) zum Männergesangverein Alsdorf stieß. Fritz Loser, Steiger aus seiner Schicht in der Grube Anna, 2. Tenor beim MGV Alsdorf, nahm ihn mit. „In der Gaststätte Eschweiler wurde damals geprobt“, erzählt Jansen. Wobei der Begriff „Proben“ nur sehr unzureichend beschreibt, was sich regelmäßig an den Abenden und in den Nächten im Haus Eschweiler und später bei „Schmitze Michel“ abspielte.

Vor dem Singen wurde Billard gespielt oder Skat gekloppt. „Die Alten im Chor sorgten dafür, dass die Jungen in die Gesellschaft des Chors aufgenommen wurden und sich wohlfühlten“, erzählt Jansen. Ab 19 Uhr wurde gesungen, für zwei Stunden. Danach war Zeit, ausgiebig die Gesellschaft der anderen zu genießen. Ein beliebtes Spiel bei „Schmitze Michel“ war Schiffeversenken.

Ein Glas schwamm dabei im Spülbecken der Gaststätte und wurde reihum so lange mit Wasser gefüllt, bis es schließlich unterging. Wer das Glas untergehen ließ, musste die nächste Runde bestellen. „Das konnte durchaus schon mal bis drei Uhr morgens so gehen“, erzählt Jansen. Die Männerrunde um ihn herum lacht. Alle kennen sie noch, diese Nächte, die mit dazu beigetragen haben, dass sie heute noch gemeinsam singen.

Die Gaststätte Eschweiler gibt es schon lange nicht mehr. Heute ist in dem Haus an der Anna-straße ein Nagelstudio. Viel mehr Symbolik, wie sehr sich Alsdorf in den vergangenen Jahrzehnten verändert hat, geht nicht. Bevor der Bergbau nach Alsdorf kam, gab es hier vor allem Felder und einige Familien, die meist von der Landwirtschaft lebten. Das änderte sich Mitte des 19. Jahrhunderts mit dem Bergbau radikal.

Industriearbeiter strömten in die heutigen Stadtteile Alsdorfs und sprengten die alte dörfliche Gesellschaftsstruktur. In dieser Zeit wuchsen auch viele Männerchöre. So auch der MGV Alsdorf. „Der eine brachte einen Arbeitskollegen mit und ein anderer einen Freund aus dem Kirchenchor“, erzählt Franz Schmitz (78), der damals von seinem Schwiegervater überredet wurde, dem MGV Alsdorf beizutreten.

Die Chöre, die nicht selten aus 60 oder 70 Sängern bestanden, schweißten Familien zusammen, die sich fremd waren, und füllten den Begriff Heimat mit Leben. „Die soziale Balance in den Ortsteilen wurde wesentlich auch von den Chören austariert“, ist sich Josef Blisniewski (82) sicher. Der gesellschaftliche Kit, von dem viele heute sagen, dass es ihn nicht mehr gibt, wurde in den vielen Stunden, in Proberäumen und auf Feiern angerührt. „Und dabei ging es nicht nur um die Männer. Getragen wurde das vor allem ja auch von den Frauen und Kindern, die immer mit dabei waren“, sagt Blisniewski.

Heute probt der MGV Alsdorf im Martin-Luther-Saal der evangelischen Kirche. „Das ist heller und wärmer als im Saal einer Gaststätte. Das kommt unserer heutigen Konstitution entgegen“, sagt der Vorsitzende Karl-Peter Schröder (78). Die Tür öffnet sich und Willi Tholen kommt herein. In den Händen eine Kiste Bitburger Stubbis. „Der Willi macht uns zwar mit seinen 90 Jahren den ganzen Altersschnitt kaputt, aber er ist das beste Beispiel dafür, dass Singen gesund hält“, scherzt Schröder. Tatsächlich bewegt Tholen, beladen mit der Kiste Bier, sich nicht so, als sei er 90. Er schnappt sich einen Stuhl, setzt sich hin und sagt: „Ich bin noch gar nicht 90. Ich bin 89.“

Tholens Humor kann ein ernsthaftes Problem nur schwer verbergen: Traditionelle Männerchöre blicken in eine düstere Zukunft. Von den einst 50 bis 70 Sängern des MGV Alsdorf sind heute noch 14 geblieben. Der MGV Linden-Neusen unterstützt den Verein auf der Bühne, damit er noch ein sattes männliches Klangbild ergibt. „Es gibt natürlich auch heute noch viele Kinderchöre. Doch es ist nicht mehr üblich, dass man über die Jahre einem Chor die Treue hält“, sagt Schröder.

Von den einst fünf großen Alsdorfer Männerchören (Mariadorf, Broicher Siedlung, Schaufenberg, Zopp, Alsdorf) gibt es heute zwar noch vier. Alle jedoch mit Sängern in fortgeschrittenem Alter. Dass sich die schrumpfenden Alsdorfer Chöre zusammentun, ist so wahrscheinlich wie eine Spielgemeinschaft von Fortuna und dem 1. FC Köln. Noch heute ist die Konkurrenz zu groß, gewachsen aus der gesellschaftlichen Bedeutung, die die Chöre damals hatten. Und so machen sie weiter. Bis zum Ende.

Damals. Beispielsweise als die Karnevalsbälle in Alsdorf noch im alten EBV-Casino abgehalten wurden. „Wir organisierten den Ball samstags. Das war der beste Tag und der beste Ball“, erzählt Schmitz. Ganz Alsdorf und Umgebung sei dann auf den Beinen gewesen, um im Casino Karneval zu feiern. „Das war unsere wirtschaftliche Grundlage, damals“, sagt Schröder.

Mit dem Ende des Bergbaus kam auch das Ende des EBV-Casinos, das nicht nur wirtschaftlicher Anker des MGV Alsdorf, sondern auch gesellschaftliches Zentrum der Stadt war. 1989 wurde es abgerissen. Die heutige Stadthalle hat die Lücke, die dadurch entstanden ist, nicht schließen können. „Wir mussten danach natürlich kürzer treten“, erzählt Schröder.

Doch so wandlungsfähig Alsdorf war, so ist es auch der MGV. Immer wieder fanden sich Säle, Kirchen oder andere Veranstaltungsorte – wie das Energeticon –, in denen der MGV Alsdorf seinem Hobby nachgehen konnte. Und obwohl die Mitglieder immer weniger wurden: Für die aktiven Sänger hat der Chor immer noch die sinngebende Bedeutung wie schon in den Jahrzehnten zuvor. Denn für sie war er immer schon mehr als nur ein Verein für Gesang.

Am Sonntag zählt dann für einige Stunden nur die Musik. Nicht nur Dirigent Dickmeis fiebert bei der Generalprobe dem Konzert entgegen. „Wenn ich daran denke, wie wir am Sonntag ‚Die Allmacht‘ von Schubert anstimmen, bekomme ich jetzt schon Gänsehaut“, sagt Schmitz. Wieder mal ein Punkt, in dem sich alle Sänger einig sind.

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