Literarischer Abend: Aus einem Wagnis wird ein großer Erfolg

Von: ehg
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Sie machten den Literarischen Abend zum Ereignis: (v.l. sitzend) Christa Ross, Gudrun Hoppe und Angela Ortmanns-Dohrmann sowie (v.l. stehend) Dietrich Hoppe und Günter Kölling. Foto: W. Sevenich

Würselen. In ein lyrisch-musikalisches Wechselbad der Gefühle stürzte das Kulturforum (KuFo) Würselen mit „Von Niederlagen und von Siegen“ die Besucher des Literarischen Abends im Saal des Alten Rathauses.

Geboten wurde ein vom Vorsitzenden Günter Kölling mit Fingerspitzengefühl „komponiertes“ Crossover von Gedichten und Liedern über Helden und Verlierer, Liebestolle und Liebeskranke, Mutige und Feiglinge – querbeet durch alle literarischen Gattungen und Epochen.

Die krassen „Brüche“ wurden „abgefedert“ durch adäquate Musik aus der Konserve, technisch versiert eingespielt von Torsten Bergrath. Zu Höchstform liefen die Rezitatoren Angela Ortmanns-Dohrmann, Christa Ross und Dietrich Hoppe angesichts ihrer Vortragskünste auf. Am Ende des vom KuFo angerichteten Wechselbades überschlugen sich die Besucher vor Begeisterung. Und dem Vorsitzenden, der im Vorfeld so seine Bedenken gehabt hatte, fiel ein dicker Stein vom Herzen. Keine Frage: Der Abend war ein literarisches Highlight.

Eingestimmt wurde durch einen Text aus „Im Westen nichts Neues“ von Erich Maria Remarque. Fand der literarische Abend doch just an dem Tag statt, da vor 100 Jahren die Flandernschlachten begannen, bei dem alleine im Raum Ypern in Belgien rund 500.000 Soldaten aller beteiligten Nationen ums Leben kamen. Am 11. November 1918 trat der Waffenstillstand in Kraft. Und Deutschland erlebte die größte denkbare Niederlage, das Osmanische Reich und Österreich-Ungarn zerfielen, in Russland ging gewaltsam das Zarenreich unter, in Deutschland das Kaiserreich.

Genau 60 Jahre später ging es für Österreich und Deutschland sportlich um Sieg oder Niederlage. Diesmal gegeneinander bei der Weltmeisterschaft in Cordoba in Argentinien. Als „Schmach von Cordoba“ ging das deutsche 2 : 3 Debakel in die Sportgeschichte ein. Eine Niederlage der ganz anderen Art, die ins literarische Blickfeld gerückt wurde. In vielen Facetten wurde das Verlieren und das Scheitern geschildert, aber auch von großen und kleinen Siegen berichtet. Als ein Beispiel aus der Antike wurde „Die Kraniche des Ibykus“ von Friedrich Schiller dargeboten. Das Leben des treuen Ibykus fand zwar ein jähes Ende. Gesiegt hatte letztendlich die Gerechtigkeit. Dank der Kraniche, die ihn begleiteten, wurden die Bösewichter „getroffen von der Rache Strahl“.

Wo Schiller war Johann Wolfgang von Goethe nicht weit entfernt. Die Besucher waren aufgefordert, ob der vielen Leerstellen, die dessen Ballade „Der Erlkönig“ aufzuweisen hat, sich einen eigenen Reim auf die schauerliche Geschichte zu machen. Auf die Spitze getrieben wird das Schauerliche bei „Botenart“ von Anastasius Grün. Eine Provokation sondergleichen! Steckt doch in Grüns literarischem Erzeugnis eine Menge schwarzer Humor.

Die nächste Geschichte mit einem doppelten Scheitern stammte aus dem Buch „Unendlicher Spaß“ von David Foster Wallace, ein Mammutwerk von 1547 Seiten. Der weltberühmte amerikanische Schriftsteller nahm sich im Alter von 46 Jahren 2008 das Leben. Und damit war man beim Problem Alkohol-Konsum angelangt. Gerhart Hermann Mostars Rat fürs Trinken hörte sich sehr „possierlich“ an: „Man trinkt und liebt, und rundherum herrscht eitel Freude.“ Im „Trinklied“ von Gottfried Benn ging es intensiver zu: „Trinken, sagen wir saufen, beginnt nie mit dem siebten Glas, es beginnt immer mit dem ersten“. Günter Kölling dazu: „An dieser Tatsache sind Millionen Trinker gescheitert, aber auch zahllose Schriftsteller.“ Als weiteres Beispiel „servierte“ er Oscar Wilde.

Dann einer von vielen krassen „Brüchen“ zu „Gott hilf mir“ von Dietrich Buxtehude. Zum Vortrag gebracht wurde eine der bedeutendsten deutschen Balladen, in der der Sieg über die Rache, der Sieg der Moral besungen wird. „Die Füße im Feuer“, ein Werk von Conrad Ferdinand Meyer über das Vergeben, ermöglicht durch eine tiefe Religiosisät, folgte. Bei der nächsten Ballade machte das Programm einen weiteren großen Schwenk hin zu „Schwäbische Kunde“ von Ludwig Uhland. Aufgerollt wird die Geschichte Kaiser Barbarossas.

Mit George Bernhard Shaw „tummelten“ sich die Rezitatoren auf dem „Schlachtfeld“ Liebe, Treue und Untreue, Schmerz, Verrat und Trennung. Ganz nach dem Motto „Durch die Leidenschaft lebt der Mensch, durch die Vernunft existiert er bloß.“ Schließlich erfüllte die Arie „Ach, ich habe sie verloren“ aus der Oper „Orpheus und Euridike“ von Christoph Willibald Gluck den Raum. Auch der österreichische Dichter Rainer Maria Rilke nahm sich des Stoffes an. Und schrieb das groß angelegte, sehr einfühlsame Gedicht „Orpheus Euridyke, Hermes“. Die Gastleserin Gudrun Hoppe zog 13 Minuten lang „ihre“ Zuhörer in den Bann. Ob der kongenialen Vortragskunst sagte der Moderator Günter Kölling: „Sie hat uns das Verständnis des durchaus anspruchsvollen Inhaltes erleichtert.“

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