„Literarische Sommernacht” auf Burg Wilhelmstein

Von: Elisa Zander
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Eine farbige Weltreise: Die „Literarische Sommernacht”, die Martin Stankowski und Roger Willemsen moderierten, stand in diesem Jahr unter dem Titel „Alle Farben dieser Welt”. Foto: Elisa Zander

Würselen. Die Tradition des Vorlesens ist selbst in vielen Kinderzimmern nur noch eine seltene Ausnahme. Dabei ist das pädagogisch wertvolle Ritual insbesondere in der frühkindlichen Phase von besonderer Bedeutung, werden hierdurch schließlich Sprache erfahrbar, Zusammenhänge verständlich, Phantasie gefördert und Artikulation vermittelt.

Doch warum droht das Vorlesen eine aussterbende Form zu sein? Fehlende Zeit ist vermutlich eine der häufigsten Erklärungen. Dabei hören doch alle gerne gute Geschichten, Erzählungen, Gedichte oder Novellen. Es ist ein Geschenk, von jemandem etwas vorgelesen bekommen; der Leser öffnet sich dem Zuhörer, gibt etwas von sich preis. Und am Ende bleibt eine völlig andere Wahrnehmung des Textes, als wenn man ihn selbst gelesen hätte.

Jene, die gerne solch ein Geschenk erhalten, hatten am Samstag auf Burg Wilhelmstein wohl das Gefühl, als fielen Weihnachten und Geburtstag sprichwörtlich auf einen Tag.

Roger Willemsen und Martin Stankowski waren stilecht mit der schon bekannten grünen Couch angereist und präsentierten „Eine literarische Sommernacht”, das große Ereignis des Radiosenders WDR 5. Schon seit fünf Jahren nimmt das Moderatorenduo die Zuhörer mit auf eine literarische Reise. Begleitet werden sie von Schauspielern und Musikern, die aus der Reise eine abwechslungsreiche Exkursion durch die Literatur- und Kunstgeschichte machen. Diesmal widmeten sich die Reiseleiter in den sieben Stunden sieben Farben, gemäß der diesjährigen Überschrift „Alle Farben dieser Welt”.

Schnellsprechkunst

„Farben stiften Identität”, sagte Roger Willemsen gleich zu Anfang und verwies auf die Augen- oder Nationalfarbe. Mit Farben entstünden Assoziationen: Blau steht für Treue, Rot für Liebe, Grün für die Hoffnung und Gelb für Glück. Doch der Farbkreisel der Literatur hat weitaus mehr zu bieten als die sprichwörtlichen Zuordnungen aus dem Volksmund. Und so lasen Suzanne von Borsody, Ulrich Noethen, Laura Maire, Thomas Gsella sowie mehrere Sprecher des WDR Sprecherensembles, unter anderem Michael Müller, Texte mit unterschiedlichem Farbspektrum. Letztgenannter rezitiert etwa das Gedicht „Rote Tomaten” von Dieter Brinkmann, sodass im Anschluss ein Heißhunger auf das rote Schattengewächs aufkeimt. Eine andere Seite des Rot sind Gewalt, Unterdrückung, Blut. Attribute, die auf den Roman „Angeklagt” von Mariella Mehr passen, aus dem ein Monolog einen Einblick in das Seelenleben der angeklagten Protagonistin Kari Selb gibt. Erinnerungen an Eduard Mörikes „Der Feuerreiter” werden wach, den Roger Willemsen passend dazu in seiner Schnellsprechkunst zitiert.

Andächtige Stille

Es ist eine Mischung aus informativen, unterhaltsamen, komischen und zeitweise grotesken Texten, die der Hörer in den sieben Stunden zu hören bekommt. Wie nah diese Genre beieinander liegen zeigt sich am Beispiel der Farbe Braun, übrigens die unbeliebteste Farbe der Deutschen, „obwohl Braun für Qualität steht”, wirft Martin Stankowski ein und nennt zum Beleg Holz und Leder. Von Kaffee, Zigarren und Mist ist in den Texten die Rede - und dann stellen Suzanne von Borsody und Ulrich Noethen einen Artikel zum Stichwort „Braunhemden” aus „Vokabular des Nationalsozialismus”, einem Lexikon von Cornelia Schmitz-Berning vor.

Der Applaus ist groß, dann herrscht wieder andächtige Stille; alle hören zu, wenn die Sprecher und Schauspieler eigene Emotionen in die Schriften hineinlegen und mit Intonation die Erzählungen lebendig werden lassen. Selbst das kleine Mädchen, das bei seiner Mutter auf dem Schoß sitzt, gibt keinen Ton von sich. Vielleicht sollte das abendliche Vorlese-Ritual doch wieder einen Aufschwung erfahren. Die positiven Auswirkungen wären weitreichend.
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