„Licht im Dunkel“: Gute Kulturarbeit an Europaschule

Von: Markus Bienwald
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Eindrucksvolles Spiel: Während Helens eigene Familie ob der Behinderungen Helens verzweifelt ist, schafft es Lehrerin Annie, die junge Erwachsene aus ihrer inneren Welt ein wenig zu befreien. Foto: Markus Bienwald

Herzogenrath. Es war beklemmend, es war fröhlich, es war ausgelassen, und es war extrem. Und es war eine Theateraufführung, die „Licht im Dunkel“ versprach. Das gleichnamige Stück von William Gipson war die Grundlage einer wirklich atemberaubenden Inszenierung im Forum der Europaschule in Merkstein.

Dort wurde geschrien, gekämpft, und sämtliche Emotionen, die auf der Bühne stattfanden, waren so echt und glaubwürdig, dass es den Besuchern manchmal den Atem verschlug. Aber es war ja auch keine ganz einfache Geschichte, die dort in eindringlichen Bildern und unter Einbeziehung des gesamten Raums erzählt wurde.

Das Stück basiert auf der Biografie Helen Kellers, die als Kleinkind wegen einer Hirnhautentzündung taub und blind wird. Ihre Umgebung, selbst ihre Eltern, wollen die Behinderung zunächst nicht wahrnehmen, und tun im Laufe des Heranwachsens der jungen Helen eigentlich alles dafür, die Einschränkungen des Kindes weder anzunehmen, noch zu behandeln. Vielmehr scheint Helen eine Art unerwünschter Einrichtungsgegenstand zu sein, der mit seinem Eigenleben immer wieder neu für Chaos sorgt, sich aber sicher sein kann, keine Liebe, Wärme oder Zuneigung zu empfangen.

Fingeralphabet als Schlüssel

Die Überforderung der Umwelt trifft aber endlich auf das Engagement der jungen, ehrgeizigen und selbst mit einem Handicap lebenden Lehrerin Annie, und das Blatt scheint sich zu wenden. Denn Mitleid – mithin die einzige wahre Gefühlsregung, der Helen ausgesetzt war – brachte bei ihr gar nichts. Erst mit dem Erlernen der Kommunikation über das Fingeralphabet gelingt es der Pädagogin, Licht ins Dunkel von Helens Welt zu bringen. Und so kann Helen endlich zur Familie gehören, ihre Sozialisation als fast erwachsene Frau vollenden und Teil der Gesellschaft werden.

So einfach zusammengefasst der Inhalt auch ist, so intensiv war nicht nur das Spiel, sondern vor allem auch die Vorbereitung, die hinter dem Theaterstück steckte. „Es war eine riesige Herausforderung, das Dunkle im Leben der blinden und tauben Helen für hörende und sehende Menschen erfahrbar zu machen“, sagt Theaterpädagogin Nicole Jacobi, die federführend hinter dem Stück stand.

Unter die Haut gehende Szenen, die manchmal auch blaue Flecken hinterlassen haben, zeugen davon, dass diejenigen, die dort als Schüler auf der Bühne stehen, ihren Job nicht nur ganz ausgezeichnet, sondern mit aller Energie und vollem Einsatz gemacht haben.

Und schließlich war auch der Titel des Stücks ein wenig ein Spiegelbild dessen, was die Schüler immer mehr an ihrer Schule erfahren. „Seit drei Jahren lernen und leben an unserer Schule zunehmend mehr Schüler mit besonderem Förderbedarf im gemeinsamen Unterricht“, sagt Jens Klein, Lehrer der Europaschule. Sie können zwar sehen und hören, erfahren aber auch manchmal Ablehnung, Ungeduld, natürlich auch Interesse und Unterstützung durch ihre Mitschüler.

„Für uns ist ausschlaggebend, dass Schüler mit Handicaps nicht mehr ausgegrenzt werden, sondern in der Gemeinschaft mit allen leben und lernen“, sagt Klein. Und so konnte der Titel des Stücks am Ende auch ein wenig als Programm für die Schule und das Leben verstanden werden.

Groß und Klein zusammen

Denn schließlich entwickelte sich der anfangs als verwirrender und geheimer Code wahrgenommene Zeichensatz der Gebärdensprache zu einem Lichtbringer ins Dunkel der Kommunikation.

Schließlich wirkten neben den 36 Damen und Herren der Q1 aber auch noch 58 Schüler des sechsten Jahrganges mit und sorgten so wie beiläufig noch für eine weitere Ebene der Kommunikation. Denn wenn die „Großen“ mit den „Kleinen“ gemeinsam arbeiten, dann kann nur etwas Beeindruckendes entstehen.

„Uns ging das Theaterstück unter die Haut und rührte unsere Herzen“, fand Nicole Jacobi dazu die passenden Schlussworte. Das sahen am Ende auch die begeisterten Gäste der beiden Aufführungen so.

Denn egal, ob mit Gebärdendolmetscherin wie bei der Vorpremiere, oder ohne Zeichensprache wie bei der Premiere – dieses Stück setzte ein deutliches Ausrufezeichen hinter die bisherige Kulturarbeit an der Europaschule.

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