Lesung in Merkstein: Krimi beim Bestatter

Von: mabie
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Krimi einmal anders: Josef Agternkamp las zwischen Urnen und Särgen beim Bestatter vor und fühlte sich sehr wohl dabei. Foto: Markus Bienwald

Herzogenrath. Josef Agternkamp fühlte sich sehr wohl in seiner Haut. Und das, obwohl er einen ganzen Abend beim Bestatter war. Da er dort aber nur seiner Aufgabe nachkam, für das Bildungswerk St. Willibrord Merkstein aus Krimis vorzulesen, war seine Entspannung schnell erklärt.

„Es ist eine schöne, ruhige Atmosphäre hier“, sagte der Vorleser. Und das war mit Blick auf die hier ausgestellten letzten Möbel für Menschen nicht nur augenzwinkernd zu verstehen, sondern durchaus ernst. Bilder für die Ewigkeit schmücken hier die Wände und fangen das Auge des Betrachters immer wieder. Wie selbstverständlich sind Grabmale, Särge und Grablichter ausgestellt.

Die Ruhe, die sich beim Bestatter Deussen nur einen Schritt entfernt von der Geilenkirchener Straße entfaltet, war der knisternden Krimiatmosphäre sehr förderlich. Fast konnte man die sprichwörtliche Stecknadel fallen hören, als Agternkamp aus Andrea Maria Schenkels hochgelobtem Krimi „Tannöd“ vorlas. Darin wickelt sich die Geschichte nicht um die in anderen Werken oft beschriebene Frage, wer denn nun wen umgebracht hat, sondern warum der Täter immer wieder an den Ort des längst vollzogenen Verbrechens zurückkehrt.

So entwickelte sich ein leises Grauen in den Köpfen der Zuhörer, die über die vielen, eigentlich abstoßenden, aber sachlich und präzise beschriebenen Details tief in das Gefühl eines vom Tod heimgesuchten Hauses eintauchen konnten. „Die Frage ist ja, warum kommt er immer wieder zurück“, sagte Agternkamp, der sichtlich begeistert von der Spannung und dem Knistern der Geschichte um die ermordete Familie auf dem abgelegenen Hof war.

Dennoch legte er ein anderes Werk, das er im Vorfeld der Lesung an einem ungewöhnlichen Ort zumindest in die engere Auswahl genommen hatte, lieber beiseite. „Trotz der Atmosphäre hier scheint es mir angebrachter, nicht so blutrünstige und brutale Geschichten vorzulesen“. Und damit traf er genau den Nerv der Menschen, die sich an diesem Abend aufmachten, um den Bestatter nicht besuchen zu müssen, sondern zu wollen, um einen schönen und spannenden Abend mal nicht mit einem für das Fernsehen aufbereiteten Krimi zu erleben.

Dass die Fantasie und die ganz eigene Welt der Worte im Kopf auch zwischen Särgen und Urnen ihren Raum schnell beziehen kann, bewies das Bildungswerk in Merkstein damit.

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