Lesung im alten Rathaus Würselen erinnert an Selma Meerbaum

Von: ehg
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Lesung im alten Rathaus zu Selma Meerbaum: (v.l.) Christa Ross, Ulf Dreßen und Angela Ortmanns-Dohrmann sowie Christoph Leisten, der die einführenden Worte sprach. Foto: Wolfgang Sevenich

Würselen. Unter dem Titel „Du, weißt du, wie ein Rabe schreit“ erzählte vier Wochen lang eine von Kurator Helmut Braun im Auftrage der Rose-Ausländer-Stiftung und des Zentrums für verfolgte Künste, Wuppertal, konzipierte Ausstellung im Alten Rathaus vom Leben und Leiden der deutschsprachigen jüdischen Dichterin Selma Meerbaum.

Beschrieben wurde in ihr auch der Lebensraum Czernowitz, der auf dem Reißbrett entworfenen Hauptstadt der Bukowina, sowie berichtet von der Kultur des osteuropäischen Judentums und vom Holocaust in Transnistrien. Zur Ausstellung erschienen ist im Rimbaud-Verlag ein Begleitbuch, das bei der Buchhandlung Schillings, Kaiserstraße 73, käuflich erworben werden kann.

In die vorherrschende Atmosphäre kultureller Offenheit wurde Selma Meerbaum am 5. Februar 1924 in Czernowitz hineingeboren. Schon früh begann sie mit der Lektüre jener Autoren, die großen Einfluss auf ihr Werk ausüben sollten: Heinrich Heine, Rainer Maria Rilke, Klabund, Paul Verlaine und Rabindranath Tagore. Als sehr junger Mensch verfasste sie lyrische Gedichte, Liebesgedichte, die sich einer unerfüllten Sehnsucht widmeten und zu einem eindrucksvollen Zeugnis ihrer Zeit wurden.

Erst Jahrzehnte später wurden ihre sehr berührenden Gedichte, die sie in einem Album unter dem Titel „Blütenlese“ gesammelt hatte, entdeckt. Zu diesem Zeitpunkt war die Dichterin bereits viele Jahre tot. Mit 18 Jahren war sie nämlich - genauso wie ihre Eltern – Opfer des totalitären Rassenwahns geworden. Sie starb im Zwangsarbeiterlager Michailowka in Transnistrien. Viele zeitgenössische Musiker haben sich von ihren Gedichten inspirieren lassen.

Dass sich die Literaturwelt heute zutiefst lebendige Bilder von der Poetin machen kann, zumal es anscheinend nur eine Fotografie von ihr gibt, verdankt sie ihren Gedichten.

Eine Auswahl der 57 literarischen Kleinode, die „überliefert“ sind, wurde jetzt anlässlich der Finissage der Würselener Ausstellung rezitiert. Dabei „liehen“ Christa Ross, Angela Ortmanns-Dohrmann und Ulf Dreeßen, allesamt Vorstandsmitglieder des Fördervereins Stadtbücherei, ihre Stimmen. Die drei Rezitatoren hatten sich intensiv mit dem Werk der jungen jüdischen Dichterin auseinandergesetzt und erfüllten ihre Verse gefühlvoll mit Leben, auf hohem rezitatorischen Niveau.

Kongenial begleitet wurde die Lesung durch freie Improvisationen, intoniert von dem jungen Pianisten Nico Schumacher, der bereits an anderem Ort seine bemerkenswerte Einfühlung in Selma Meerbaums Texte unter Beweis gestellt hatte.

Moderiert wurde die Lesung von dem Würselener Lyriker Christoph Leisten, dem geistigen Vater des Ausstellungsprojektes. Sein Dank gebührte allen, „die bei der Ausrichtung der Ausstellung mitgewirkt haben sowie sich mit viel Arbeitskraft und Engagement eingebracht haben“.

„Selma Meerbaum war ein sehr junger Mensch, als sie ihre Gedichte zu Papier brachte. Ein junger Mensch mit Träumen und Sehnsüchten, mit einer großen Begeisterung für die Literatur und das Musikalische, ein Mensch, der viel Liebe in sich trug. Nicht nur jene Liebe zu einem jungen Mann, die unerfüllt bleiben sollte, sondern auch Liebe zur Natur, zum Leben, zur Schöpfung und zur Welt“, stimmte Moderator Leisten in die Lesung ein.

Von Selma Meerbaums Liebe zur Natur handelten die ersten Gedichte, in denen sich die Schönheit in Flora und Fauna widerspiegelte, und die sich nur dem erschließt, der mit wachem Auge hinsieht. Meerbaum hat einen wunderbaren Blick für die kleinen Dinge, in denen sich das Geheimnis der Schöpfung offenbart. Leisten: „Auf eindrucksvolle Weise ist den Naturbildern immer eine leise Wehmut eingewebt, in der sich andeutet, dass alles vergänglich ist.“

Auch die nachfolgend rezitierten lyrischen Texte belegten, dass die viel zu früh verstorbene Dichterin den Blick für die schlichten, oft unscheinbaren Freuden des Lebens niemals verloren hat. Die leise Melancholie, die in ihren Gedichten anklingt, setzt sich fort in ihren stillen Betrachtungen, die sie angesichts ihrer verschmähten Liebe zu dem älteren Leiser Fichmann entfaltet.

Sie entwirft – so der Würselener Literat – Bilder, „in denen die Empfindung von Tag und Nacht, von Licht und Schatten sich paart mit der Schwebe zwischen der Hoffnung auf Glückserfüllung und der Ahnung, diese Glückserfüllung jedenfalls in der Liebe nicht erfahren zu dürfen“.

Für Leisten liegt das erstaunlich Moderne ihrer Poesie darin, „dass sie uns auf sehr aufdringliche Weise an die Möglichkeit des Scheiterns erinnert“. Dass Selma Meerbaum das Leben geliebt hat, offenbarte sich in ihren eindrucksvollen Abschiedsversen, etwa im Gedicht „Tränenhalsband“. Das Leben zu lieben, sei für die Dichterin ein Lebensentwurf gewesen, in dem sich die „Freiheit auf allen Gebieten“ gespiegelt habe, bemerkte Leisten.

Mit den Rezitatoren mussten die Literaturfreunde feststellen, dass sich Selma Meerbaums Traum nicht erfüllt hat. Für Leisten ist ihre Dichtung ein einziger Aufruf, „das Leben, die Schöpfung und den Menschen zu lieben – ohne jeden Kompromiss!“

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