Lesung: Drei Jahre Grausamkeit im Stasi-Knast

Von: Hanna Sturm
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Mahnung: „Ohne Vergangenheit haben wir keine Zukunft - und keine Chance nicht schon wieder auf populistische und ideologische Rattenfänger hereinzufallen”, betonte Eva-Maria Neumann. Foto: Hanna Sturm

Herzogenrath. Sollte man die Vergangenheit nicht endlich ruhen lassen? Alles, was war, vergessen und neu anfangen? Die Antwort von Eva-Maria Neumann auf diese zentrale Frage ist ein klares Nein.

Deshalb reist sie durch ganz Deutschland und liest aus ihrer Autobiographie „Sie nahmen mir nicht nur die Freiheit”, in der sie ihre missglückte Flucht aus der DDR und die Schrecken in verschiedenen Stasi-Gefängnissen beschreibt.

Die Vergangenheit ruhen zu lassen, ist für sie schon deshalb keine Option, so lange ein falsches Bild von der DDR in den Köpfen der Deutschen kursiert.

Im Westen stoße man größtenteils auf Desinteresse und erschreckendes Unwissen vor allem bei Jugendlichen, im Osten dagegen werde die Vergangenheit verklärt.

„Häufig habe ich den Eindruck, dass wir nicht über das gleiche Land reden”, sagte Eva-Maria Neumann bei ihrer Lesung auf Burg Rode: „40 Jahre DDR, das waren 40 Jahre Propaganda und Gehirnwäsche.”

Im Februar 1977 versuchte Eva-Maria Neumann mit ihrem Mann Rudolf und ihrer dreijährigen Tochter Constanze im Kofferraum eines Mercedes über die deutsch-deutsche Grenze zu fliehen. Grund für die Flucht war hauptsächlich die kleine Tochter.

„Welche Chancen hätte sie schon in der DDR gehabt, als Kind von Intelligenzlern, die nicht einmal in der Partei waren?” Sie hätten endlich ein Leben in persönlicher Freiheit und Selbstbestimmung führen wollen, erklärte die Violinistin, die heute in Aachen lebt.

Verhöre und Schlafentzug

Ein halbes Jahr lang war sie nach der Verhaftung in der Stasi-Untersuchungshaftanstalt in Leipzig, ohne das Recht auf einen Anwalt, in völliger Isolation und gequält durch tagelange Verhöre und Schlafentzug.

In ihrer Zelle wurde sie ständig von Wächtern beobachtet, auch beim Waschen und auf der Toilette. Bei ihrem Prozess - natürlich unter Ausschluss der Öffentlichkeit - wurde sie zu drei Jahren Haft verurteilt, ihr Mann Rudolf zu zwei Jahren und sechs Monaten.

In Hoheneck, dem berüchtigtsten Frauengefängnis der DDR, sitzt sie in völlig überfüllten Zellen mit bis zu 28 weiteren Frauen, einige von ihnen Schwerstverbrecherinnen.

Schwer krank zum Arbeitsdienst

„Lieber zehn Mörder als eine Politische” - dieses Motto galt in Hoheneck, und entsprechend wurden die politischen Gefangenen auch behandelt. Demütigungen waren an der Tagesordnung.

Eva-Maria Neumann erkrankte während ihrer Haft schwer, unter anderem an einem rheumatischen Leiden der Hände, was für sie als Geigerin ein sehr schwerer Schlag war. Keine ihrer Krankheiten wurde angemessen behandelt, auch vom Arbeitsdienst wurde sie nicht befreit.

Nach ihrer Freilassung in die „BRD” am 26. September 1978 lag sie ein ganzes Jahr im Krankenhaus und war für mehrere Jahre berufsunfähig.

Auch ihr Mann Rudolf wurde von der Bundesregierung freigekauft, Tochter Constanze konnte ein halbes Jahr später nachfolgen. Sie hatte in dieser Zeit bei den Großeltern gelebt, die sich ebenfalls in große Gefahr brachten, als sie die Ausreise des Mädchens unterstützten. „Wie viel Leid und Verletzungen, wie viele Tote und zerbrochene Leben gehen auf das Konto der Machthaber in der DDR”, betonte Eva-Maria Neumann, dass ihr Schicksal noch eines der glimpflicheren in dieser Diktatur gewesen ist.

„Ein bewegendes Buch”, lautete das Fazit des gefesselten Publikums. Im Anschluss an die Lesung diskutierte die Autorin noch ausführlich mit den Zuschauern, die viele Fragen zur DDR, aber auch zu aktuellen Politik stellen. „Wir sollten unsere Demokratie verteidigen”, mahnte Eva-Maria Neumann: „Es stört mich schon sehr, dass die Linke immer mehr Stimmen bekommt. Da müssen wir uns wehren, sonst landen wir bald wieder da, wo ich hergekommen bin.”
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