Lehrstunde über tschechische Literatur

Von: ehg
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Geschichtskreis: Begrüßung durch Hubert Wickerath, trug Günter Kölling (Mitte), Vorsitzender des Kulturforums Würselen, zum Thema Tschechische Literatur vor – unterstützt von Dietrich Hoppe. Foto: Wolfgang Sevenich

Würselen. „Die Deutschen und ihre Nachbarn“ ist beim Geschichtsverein St. Sebastian mittlerweile zum Dauerthema geworden. Nach Polen und Frankreich beschäftigt er sich in den nächsten Monaten mit Tschechien.

Einen Überblick über die Entwicklung der Literatur gab zum Auftakt der Veranstaltungsreihe Günter Kölling, Vorsitzender des Kulturforums Würselen, in einem profunden Vortrag, der durch Rezitator Dietrich Hoppe mit Texten aus Werken der vorgestellten Literaten professionell „illustriert“ wurde. Kölling stellte den zahlreichen Besuchern insgesamt 16 Autoren vor.

Wie Kölling ausführte, war die tschechische Literatur „aufgrund der politischen und gesellschaftlichen Gegebenheiten in weiten Teilen über Jahrhunderte ziemlich isoliert und nicht mit der westeuropäischen Welt wirklich eng verbunden“.

Das eigentliche Schrifttum in tschechischer Sprache habe zu Beginn des 14. Jahrhunderts eingesetzt. Von allergrößter Bedeutung sei das Wirken des Reformators Jan Hus gewesen, das noch in einer gesonderten Veranstaltung beleuchtet werde. „Er hat für die tschechische Schriftsprache wegweisende Neuerungen eingeführt.“ Er habe von Beginn seines Amtes an in tschechischer Sprache gepredigt und das gemeinsame Singen während des Gottesdienstes in der Landessprache eingeführt.

Die Bedeutung von Comenius

Gebührend erwähnte Kölling das Wirken von Johann Amos Comenius, einem mährischen Philosophen, Theologen und Pädagogen. Er müsse als der große Pädagoge des 17. Jahrhunderts verstanden werden. Er habe der Pädagogik eine neue Richtung gegeben und eine grundlegende, alles Wesentliche umfassende Allgemeinbildung für alle gefordert. Als Bindeglied zwischen Renaissance und Aufklärung habe Comenius großartige didaktische Werke mit weitreichenden Reformforderungen des Schulwesens geschaffen. Kölling sagte: „Er forderte, dass alle Jungen und Mädchen, auch des einfachen Volkes bis zum zwölften Lebensjahr die Schule besuchen sollten.“

Einen, wenn auch nur kurzen Höhepunkt, habe die tschechische Romantik durch Karel Hynek Mácha“ mit der lyrisch-epischen Dichtung „Máj“ erreicht. Von den Zeitgenossen verschmäht, gilt Mácha heute als Begründer der tschechischen Poesie und das Liebesgedicht „Máj“ als Nationalepos.

„Haselnüsse für Aschenbrödel“

Kölling sprach von einer Persönlichkeit, die für das literarische Tschechien von größter Bedeutung war und ist: Bozena Nemcová. In jungen Jahren schrieb sie vor allem Märchen und Gedichte, nicht zuletzt „Drei Haselnüsse für Aschenbrödel“, der Dauerbrenner zu Weihnachten im Fernsehen. Ihr Prosaroman „Babicka“ ist in bisher 350 Auflagen in tschechischer Sprache erschienen und in fast 30 Sprachen übersetzt worden.

Erwähnung fanden bei Kölling noch zwei weitere Literaten des 19. Jahrhunderts, zum einen Jan Neruda, Journalist und Schriftsteller von internationalem Rang, und zum anderen Jaroslav Vrchlicky, der große literarische Werke europäischer Schriftsteller ins Tschechische übersetzt hat. Laut Kölling literarisch breit aufgestellt war Karel Capek. Sein Werk gilt als meisterhaftes Beispiel der tschechischen Sprache. Beklemmend deutlich habe er in seinen Büchern vor kommenden Katastrophen gewarnt. „Er sah die Macht der Diktaturen voraus, prangerte die Übermacht von Industriekonzernen an und mahnte allgemein einen Platz für den Einzelnen an.“

Dann kam Kölling zu dem Literaten, dessen Name zwar nicht jeder kennt, aber von dessen berühmten Roman praktisch jeder zumindest den Titel, zu Jaroslav Hasek, dem Autor von „Der brave Soldat Schwejk“. Es handele sich um einen unvollendeten antimilitaristischen und satirischen Schelmenroman.

Genüsslich trug Dietrich Hoppe eine Passage der 700 Seiten umfassenden Geschichte vor. Kölling sagte: „Eine tolle Satire, geschrieben in einer Zeit, die Soldatenehre und Obrigkeitsdenken hochhielt.“

Der einzige tschechische Nobelpreisträger der Literatur ist bisher Jaroslav Seifert. Er erhielt ihn 1984. In der Begründung heißt es: „... für seine Dichtung, die mit frischer Sinnlichkeit und reicher Erfindungsgabe ein befreiendes Bild menschlicher Unbeugsamkeit und Vielfalt gibt“. Steifert sei ein Prager und ein Tscheche, wie aus Holz geschnitten, charakterisierte Kölling den Preisträger.

Zu ihrem Recht kamen auch Bohumil Harabal, Josef Nesvadba, Amost Lustig, Milan Kundera, Pavel Kohout und nicht zuletzt Vaclav Havel, ein der wichtigsten Wegbereiter der deutsch-tschechischen Aussöhnung. 1989 erhielt er den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels. Zudem stellte Kölling Michal Vievegh und Petra Hulová eingehend vor.

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