Nordkreis - Lehrer: Männliches Personal fehlt an den Schulen

Lehrer: Männliches Personal fehlt an den Schulen

Von: Nina Leßenich
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Zum Beispiel: Josef Palm ist der einzige Mann im Lehrerkollegium der Grundschule Würselen-Mitte. Susanne van Eiseren und Andrea van Hall bedauern, dass es an der Grundschule in Bardenberg nur Lehrerinnen gibt. Foto: Nina Leßenich
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Susanne van Eiseren und Andrea van Hall bedauern, dass es an der Grundschule in Bardenberg nur Lehrerinnen gibt. Foto: Nina Leßenich

Nordkreis. Josef Palm ist Grundschullehrer. An sich ist das erst einmal nichts besonderes – doch der Beruf macht Palm gewissermaßen zu einem Einzelkämpfer. Denn obwohl sein Kollegium an der Gemeinschaftsgrundschule Mitte in Würselen aus insgesamt 17 Lehrern besteht, ist Palm als Schulleiter der einzige Mann – und das schon seit einigen Jahren.

Der letzte männliche Kollege sei vor rund vier Jahren in den Ruhestand gegangen, erzählt Palm. Auf männliche Verstärkung hoffen kann er kaum: Bewerbungen von männlichen Grundschullehrern habe er in seinen 16 Jahren als Schulleiter der GGS Mitte noch keine einzige bekommen.

Palm steht damit quasi stellvertretend für ein Studienergebnis, dass der Landesbetrieb Information und Technik Nordrhein-Westfalen jüngst bei einer Umfrage an Schulen in ganz Nordrhein-Westfalen erzielt hat: Von den 154 010 hauptberuflichen Lehrkräften an den allgemeinbildenden Schulen (ohne zweiten Bildungsweg) in NRW war im Schuljahr 2015/2016 demnach nur noch jede vierte Lehrkraft männlich. Im Zehnjahresvergleich ist der Anteil der männlichen Lehrkräfte gegenüber dem Schuljahr 2005/06 von 32,9 Prozent um fünf Prozentpunkte auf 27,9 Prozent gesunken.

Besonders wenige Lehrer gibt es dabei an Grundschulen: Hier hat sich der Lehreranteil von durchschnittlich 10,9 Prozent (2005/06) auf 8,7 Prozent (2015/16) verringert.

Ein Blick in die Zahlen zur Städteregion Aachen zeigt: Besonders wenige männliche Lehrer an Grundschulen gibt es in Würselen: Mit einem Lehrer-Anteil von gerade einmal 3,3 Prozent ist die Kommune das Schlusslicht in der gesamten Städteregion. Eine Nachfrage unserer Zeitung hat gezeigt: An den fünf Grundschulen in Würselen gibt es gerade einmal zwei hauptamtliche männliche Lehrer, an drei der Grundschulen gibt es keine männlichen Kollegen.

Die Gemeinschaftsgrundschule Bardenberg an Burg Wilhelmstein ist eine dieser Schulen ohne männliche Lehrer. 2010 hat der letzte männliche Kollege die Schule verlassen, seitdem ist Schulleiterin Andrea van Hall Chefin über eine reine Frauenbelegschaft. „Das ist sehr, sehr schade”, sagt van Hall. „Uns fehlt definitiv männliches Personal.” Schließlich sei ein Mann als Bezugsperson für die Schüler wichtig – besonders in Zeiten, in denen es auch in vielen Familien keine männliche Bezugsperson mehr gebe. „Aber auch für das Kollegium wäre eine männliche Sicht manchmal sicher nicht verkehrt”, ergänzt Konrektorin Susanne van Eiseren.

Van Hall sieht hauptsächlich zwei Gründe für den Mangel an männlichen Kollegen. „Zunächst einmal ist es für viele sicher eine Gehaltsfrage”, sagt sie. „Die Bezüge an Grundschulen sind noch immer deutlich geringer als die an weiterführenden Schulen.” Aufgrund dieser großen Diskrepanz in der Bezahlung werde der Beruf des Grundschullehrers für viele Männer uninteressant. „Außerdem scheinen Männer das Gefühl zu haben, mit älteren Kindern besser zurechtzukommen”, sagt van Hall. Wenn ein Mann sich also entscheide, Lehrer zu werden, entscheide er sich häufiger für weiterführende Schulformen.

„Vaterlose Gesellschaft“

Dass er der einzige Mann an seiner Schule ist, stört Josef Palm nicht. „Zumindest nicht vom Grundsatz. Ich komme auch so klar”, sagt er und lacht. Dennoch sehe auch er einige Probleme: „Die Situation ist für die Erfahrung von Kindern mit Männern durchaus problematisch”, meint er. „Zum einen haben wir immer mehr alleinerziehende Mütter, zum anderen sind viele Väter im Berufsleben so stark eingespannt, dass sie nur einen verhältnismäßig geringen Beitrag zur Erziehung ihrer Kinder leisten können.

Ich sage immer: Wir leben heute in einer vaterlosen Gesellschaft.” Dass diese Lebensrealität durchaus Auswirkungen auf seine Schüler habe, merke Palm im Schulalltag häufig. „Die Kinder suchen häufig meine Nähe. Einige Schüler kommen morgens zu mir und umarmen mich, in Klassen werde ich oft gefragt, wann ich endlich noch einmal komme”, erzählt er.

Die Gründe für den Mangel an männlichen Kollegen beurteilt Palm ähnlich wie seine Kolleginnen der GGS Bardenberg. „Kindererziehung ist in der gesellschaftlichen Wahrnehmung für viele immer noch ein Frauending”, sagt Palm.

Hinzu komme die „relativ geringe” Bezahlung an Grundschulen – sowie die mangelnde gesellschaftliche Wertschätzung für den Beruf. „Man hört oft Sprüche wie: ‚Arbeiten in der Grundschule – das ist doch nur spielen mit Kindern.’ Der Beruf wird nicht richtig ernst genommen”, sagt Palm. Die Kombination aus all diesen Faktoren schließlich halte viele junge Männer davon ab, Grundschullehrer zu werden.

Trotzdem: Josef Palm ist zufrieden mit seinem Job – auch als einziger Mann. „Die Arbeit mit Kindern ist sehr gewinnbringend”, sagt er. „Es zu schaffen, den Weg zwischen Emotionalität und Professionalität zu finden, macht den Beruf jeden Tag wieder spannend.”

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