Lambertz: „Damals erhob sich keine Stimme für die Opfer”

Von: ehg
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Erschütternder Bericht: Zeitzeugin Agnes Hilgers trug Erinnerungen an den Synagogenbrand in Aachen vor. Foto: Wolfgang Sevenich

Würselen. Wie zum Begräbnis läuteten die Glocken und riefen zum Mahn- und Gedenkgottesdienst des Arbeitskreises „Kein Vergessen” anlässlich des 71. Jahrestags der Reichspogromnacht am 9. November 1938.

Pfarrer Heinz-Josef Lambertz begrüßte dazu in der Pfarrkirche St. Pius X., die auf den ersten Blick nichts mit dem grausamen Ereignis zu tun habe.

Auf den zweiten Blick aber doch. Sei doch in der Nachbarschaft Mitte der 30er Jahre eine „Kraft-durch-Freude”-Siedlung entstanden, eingeweiht durch Arbeitsfront-Leiter Robert Ley. Lambertz: „Eine gottesfreie Zone sollte diese Siedlung sein.”

Vor 50 Jahren sei dann, initiiert durch Dechant Engelbert Goergen von St. Sebastian, mit der Kirche St. Pius X. ein Zeichen des Gottesglaubens neben die Nazi-Hinterlassenschaft gesetzt worden. „Der Turm sollte ein weithin sichtbares Symbol dafür sein.”

Jürgen Hohlfeld, Sprecher des Arbeitskreises, erinnerte, dass in den Nächten vom 9. bis 12. November in Deutschland, Österreich und im Sudetenland über 1000 Synagogen und Betsäle verwüstet oder niedergebrannt worden sind: „Nazis brachen in die Gebäude ein, zerstörten die Innenräume. Wo kein Risiko für Nachbargebäude bestand, legten sie Feuer. Feuerwehren wurden am Löschen gehindert.”

Wie die heute 90-jährige Agnes Hilgers den Brand der Aachener Synagoge erlebte, schilderte sie in bewegenden Worten: „In der Menschenmenge, die wie jeden Morgen vom Nordbahnhof Richtung Innenstadt strömte, war Unruhe zu verspüren. Man sah dunkle Rauchwolken über dem Hansemannplatz. Es brannte in der Promenadenstraße. Dann hieß es, die Synagoge steht in Flammen, sie ist von der SA angezündet worden.”

Wie es in Würselen, wo Jakob Voss, Otto Hirsch und Juliane Kamps deportiert wurden, und in anderen Städten zuging, schildern Augenzeugenberichte, vorgetragen von Firmlingen der GdG. Pfarrer Lambertz: „Damals erhob sich keine Stimme für die Opfer, die Kirchen schwiegen, die Nachbarn schauten weg.” Erschütternd Zeugnis von den Gräueltaten des nationalsozialistischen Unrechtsregimes legten auch die Bilder der tschechischen Malerin Helga Hoskivá-Weissová ab, die als Zwölfjährige 1941 ins Konzentrationslager Theresienstadt deportiert wurde, dann über Auschwitz und Freiberg nach Mauthausen kam, wo sie von den Amerikanern befreit wurde. Erst noch in Farbe voller Hoffnung zu Papier gebracht, wurden ihre Zeichnungen immer grauer. Ins Gesicht geschrieben ist den gequälten und entwürdigten Menschen ihre Angst.

Namentlich gedacht wird der 23 von 60 jüdischen Bürgern, die dem Nazi-Regime zum Opfer fielen. Für sie hat der Arbeitskreis Stolpersteine verlegt, damit ihre Namen nicht ausgelöscht sind. Da sie kein Grab haben, legten die Gottesdienstbesucher nach jüdischem Brauch Steine an die Wand des Gotteshauses.
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