Kurt Tucholsky eindringlich beleuchtet

Von: ehg
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Starker Auftritt: Gudrun und Dietrich Hoppe stellen Kurt Tucholskys Werk vor. Foto: Wolfgang Sevenich

Würselen. „Wir sind fünf Finger an einer Hand.“ Unter dieser Anspielung hatte das Kulturforum zu einer Tucholsky-Lesung ins Alte Rathaus eingeladen. Vorsitzender Günter Kölling freute es genauso wie die beiden professionellen Rezitatoren Gudrun und Dietrich Hoppe eine stattliche Zahl an Literaturfreunden begrüßen zu können.

Sie machten Bekanntschaft mit dem 1890 in Berlin geborenen und 1935 aus dem Leben geschiedenen Journalisten, Satiriker, Lyriker und Schriftsteller, einem Mann, „den es ja nicht in einer Person gibt“. Mit der eingangs zitierten Selbstanalyse begnügten sich die Hoppes nicht. Um „der fünffach gefalteten Persönlichkeit“ näher zu kommen ließen sie sein Werk mit seinen vielen Facetten sprechen.

Einen Vergleich mit dem 1797 in Düsseldorf geborenen Heinrich Heine stellten sie voran. Nicht nur dass beide einen gesellschaftlichen und politischen Umbruch erlebten, Heine die Revolution von 1848 und Tucholsky den Ersten Weltkrieg und die Weimarer Republik. Es gibt vielmehr biografische Parallelen, die die Rezitatoren aufdeckten.

Ein zweiter Heine?

Die Frage, ob Tucholsky ein zweiter Heine und ein richtiger Dichter war, taten die Hoppes ab mit der Feststellung: „Tucholsky war Tucholsky!“ Seine Bühne war immer und vor allem das Medium Zeitung. Hauptsächlich schrieb er für die Kulturzeitschrift „Schaubühne“, die ab 1918 in „Weltbühne“ umbenannt wurde. Er war – so der Rezitator – „ein freier Schriftsteller in der Berufsrolle des freien Journalisten“. Als Beispiel für den kämpferischen politischen Tucholsky, dessen Texte bis heute zu unter die Haut gehen, trug er „Drei Minuten Gehör!“ vor.

Sein Appell „Nie wieder Krieg!“ löste, was eher ungewöhnlich bei Lesungen ist, spontanen Beifall nicht nur bei den anwesenden Friedensaktivisten aus. Im Folgenden konzentrierten sich die Hoppes auf den Teil von Tucholskys Werk, „der nicht im engeren Sinne zeithistorisch politisch ausgerichtet ist“. Dabei konstatierten sie: „Er war ein schonungsloser Beobachter seiner selbst“. Das Komische, Skurrile und Absurde habe er an sich selbst registriert. Er habe keine falsche Scham gekannt, seine Beobachtungen einem amüsanten Publikum darzubieten.

Als Beispiel diente „Kreuzworträtsel mit Gewalt“. Manchmal sei ihm das Beobachtete zur Metapher für die Wirklichkeit geworden, in der wir leben. Einblicke in die Erzählkunst gewährte das Ehepaar, indem es ein paar Appetithäppchen zu Gehör brachte. Es legte seinen begeisterten Zuhörern ein Büchlein ans Herz, „für Stunden und Tage, an denen Sie das Bedürfnis verspüren, ein wenig die Seele baumeln zu lassen“. Ein „Kapitel“ für sich waren – so die Vortragenden einhellig – „Tucholsky und die Frauen“.

Doch was ihm seine zweite Frau Mary Gerold dennoch bedeutet habe, belege die Tatsache, dass er ihr testamentarisch seinen gesamten Nachlass vermacht habe. Dass er nie ein Familienmensch gewesen ist, führten die Hoppes darauf zurück, dass er das Glück eines harmonischen Familienlebens nie erfahren durfte. Starb doch der geliebte Vater, als Kurt 15 war. Die Mutter führte ein strenges Regiment, das zunächst zu einem Mutter-Sohn-Konflikt und später zum endgültigen Bruch führte.

Am 21. Dezember 1935 hörte Tucholsky auf zu leben, nachdem er schon drei Jahre vorher beschlossen hatte, nicht mehr zu schreiben. Dem Zugriff der Nazis hatte er sich durch Emigration rechtzeitig entzogen, seine Schriften landeten bei der Bücherverbrennung im Feuer. Auch die deutsche Staatsbürgerschaft wurde ihm entzogen. Er hat sich nicht darum gegrämt. Zwei Tage vor seinem Tod notierte er: „Die Frage Deutschland ist für mich gelöst – ich hasse das Land nicht, ich verachte es.“

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