Kurt-Koblitz-Ring: Landesbetrieb verärgert Stadt und Handel

Von: Verena Müller
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Die Teerdecke ist drauf, der Großteil der Bauarbeiter wieder weg: An der Kreuzung Luisenstraße/Kurt-Koblitz-Ring geht es auch deshalb recht langsam voran, weil wochenlang nur eine Handvoll Arbeiter oder sogar weniger eingesetzt war. Andere Baustellen hatten Vorrang. Foto: Verena Müller
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Aslihan Yenigün hat ihr Restaurant ausgerechnet zeitgleich mit der Baustelle wiedereröffnet. Foto: Verena Müller
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Apotheker Stephan Jüstens Bemühungen mit Rabattaktionen und Werbung verhallten ohne Echo. Foto: Verena Müller
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Boutique-Inhaberin Erika Reinartz kritisiert die Stadt Alsdorf: Sie übe zu wenig Druck aus. Foto: Verena Müller

Alsdorf. Vor einem Jahr hat Aslihan Yenigün das ehemalige Restaurant Ritmo an der Luisenstraße übernommen. Die Geschäfte liefen gut an, sie war zuversichtlich, dass es so weitergehen würde und begann mit aufwendigen Renovierungsarbeiten. Die Neueröffnung von „Restaurant und Café Mekan“ fiel mit der Baustelleneröffnung an der Kreuzung Luisenstraße/Kurt-Koblitz-Ring zusammen.

Ab da an brach der Umsatz um 50 Prozent ein, wie die Inhaberin berichtet. Dazu die offenen Rechnungen der Umbauarbeiten, die Fixkosten. „Letzte Woche war ich bei der Stadt“, erzählt sie. „Ich habe gesagt: Wenn das so weitergeht, bin ich nicht pleite, dann muss ich Insolvenz anmelden.“

Die Stadt versprach Unterstützung – und hielt ihr Wort. Deshalb will Aslihan Yenigün weitermachen. Personal entlassen hat und will sie nicht, sie schränke sich lieber selbst ein, sagt sie. Ihre Geschwister griffen ihr sehr unter die Arme greifen, ohne sie ginge es gar nicht mehr. In der Reihe derjenigen, die unter der Baustelle zu leiden haben, hat es sie offenbar mit Abstand am härtesten getroffen.

Befürchtungen bestätigt

Bereits Mitte April hatte unsere Zeitung den Rundgang durch Gastronomie und Einzelhandel gemacht, um nach den Auswirkungen der Sperrung zu fragen. Das Update vier Monate später sieht nicht besser aus. Besonders ärgert die Betroffenen zum einen die nach wie vor irreführende und nicht zutreffende Beschilderung, die Innenstadt sei gesperrt, und zum anderen die mehrmonatige Verzögerung. Dabei ist der Baulastträger von Anfang an – entgegen seiner Verlautbarungen – von einer mehr als dreimonatigen Bauphase ausgegangen, wie nun durchsickerte.

Nach Informationen unserer Zeitung war dem Bauunternehmen vonseiten des Landesbetriebs Straßen.NRW Ende August als Enddatum genannt worden. Projektleiter Arnd Meyer bestätigte, dass im Bauvertrag mit der Firma Ende August eingetragen ist und antwortete auf die Frage, warum der Öffentlichkeit nicht schon viel früher reiner Wein eingeschenkt worden sei: „Das weiß ich auch nicht so genau.“

Bei dem Termin wird es aber bekanntlich nicht bleiben. Voraussichtlich am 6. September werden die Rechtsabbiegespuren von der Luisenstraße in den Ring geöffnet, am 16. September soll die Kreuzung komplett freigegeben sein.

Was zu den Verzögerungen geführt hat? Ein neu zu verlegendes Starkstromkabel, so der Projektleiter, sowie das Umlegen der bestehenden Leitungen (Telefon und Wasser). „Die muss man von Hand freischaufeln. Und dann musste ein neuer Graben gezogen werden“, so Meyer weiter. Dass die Leitungen nicht dort lagen, wo man sie vermutet hatte und ein neues Kabel dazukam, ist aber nur ein Teil der Erklärung. Von Wetterkapriolen mal abgesehen.

Wie aus informierten Kreisen zu vernehmen war, sind über lange Strecken nur eine Handvoll oder sogar weniger Arbeiter vor Ort gewesen. Der Grund: vorrangige Arbeiten an der A 1 während der Schulferien. Nur zu Beginn und zuletzt während der Asphaltierungsarbeiten war maximal ein Dutzend eingesetzt. Meyer: „Was den Einsatz des Personals anbelangt, handelt die Firma selbstständig. Da haben wir keinen Einfluss drauf.“

Die Spitze der Alsdorfer Stadtverwaltung ärgert das schleppende Vorankommen maßlos, zumal das Europafest ins Haus steht. Und die letzte Intervention bei Straßen NRW hatte nur kurzfristig Früchte getragen. Nun herrscht wieder gähnende Leere an der Baustelle.

Ebenso in den Ladenlokalen, der Gastronomie an der Luisenstraße und an der Tankstelle. „Ungefähr 300 Kunden pro Schicht haben wir im Moment. Normal wäre für so einen Standort das Doppelte“, sagt die stellvertretende Stationsleiterin Gamze Topan.

Apotheker Stephan Jüsten, jenseits der B57, sagt, dass er sich noch glücklich schätzen kann, da viele seiner Kunden auf seine zweite Filiale an der Bahnhofstraße auswichen. Seine Bemühungen, Kunden beispielsweise mit 20-Prozent-Rabatt-Aktionen und zusätzlichen Hinweisschildern zu locken, seien derweil ohne Echo verhallt.

20 Prozent, so hoch beziffert er auch seine Umsatzeinbußen in der Rathaus-Apotheke. „Egal was du tust, du änderst das Kundenverhalten nicht“, sagt er resigniert. Trotzdem hat er die Apotheke umgebaut, denn er glaubt: „Sobald auch nur die Abbiegespuren freigegeben sind, kommt wieder Bewegung rein.“

Buchhändlerin Nicole Thater hilft diese Aussicht nicht viel, „wir haben Einbußen von rund 35 Prozent. Das holen wir bis zum Jahresende nicht mehr raus.“ Gerade jetzt zum Schulanfang nehme man das Wegbleiben der Kunden besonders schmerzlich wahr. „Alles, was jenseits der Baustelle in Mariadorf, Hoengen und Begau wohnt, kommt nicht mehr zu uns“, weiß sie aus den Bestelllisten.

Nur dank der Stammkundschaft kann derzeit das Traditionscafé De Bache überleben, wie Gründerin Hildegard de Bache sagt. Ihrem Sohn, der die Geschäfte übernommen hat, habe sie die Miete seit April erlassen. „Die Baustelle ist eine Zumutung. Das Land NRW sollte sich schämen“, findet Hildegard de Bache.

Ähnlich sieht das die Inhaberin der Modeboutique an der Rathausstraße, Erika Reinartz – auch wenn sie nicht so hart von den Folgen betroffen ist. „Furchtbar und nicht nötig“, lautet ihr Urteil über die nach wir vor für den Einzelhandel nachteilige Beschilderung. Warum die Stadt nicht mehr Druck mache, wunderte sie sich.

Bürgermeister Alfred Sonders betonte am Rande der Pressekonferenz zum Europafest, dass er am Ball bleibe. „Wir halten den Druck aufrecht. Wir hoffen sehr auf die Teilfreigabe der Kreuzung, glauben es aber noch nicht.“

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