Kurden plädieren für Selbstbestimmung

Von: mabie
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Muzaffer Yüksel, Bülent Iscan, Beate Ergün und Kenan Demir (v.l.) vom Kurdischen Volkshaus in Aachen kümmern sich nicht nur um die Belange der Kurden bei uns im Nordkreis. Sie erklären auch, warum die Kurden auf die Straße gehen. Foto: Markus Bienwald

Nordkreis. Derzeit sind vielerorts Menschen kurdischer Herkunft zu beobachten, die auf die Straße gehen, um zu protestieren. Doch manchmal scheint es so, dass sie von der Öffentlichkeit nicht wahrgenommen werden.

Selbst wenn sie mit 300 Personen einen Marsch durch Aachen bis zum Elisenbrunnen unternehmen, um auf den Krieg in Syrien und die Missstände um ihr Volk aufmerksam machen wollen, ist das der Fall, wie eine Gesprächsrunde im Kurdischen Volkshaus in Aachen zeigte.

Hier, in der Einrichtung mit wohnlichem Charakter kümmern sich die Menschen auch um die Sorgen und Nöte der Kurden, die bei uns im Nordkreis leben. Denn eine eigene Einrichtung der Kurden gibt es weder in Alsdorf oder Baesweiler und auch nicht in Herzogenrath oder Würselen.

„Vor zwei Jahren gab es eine so genannte Petition zur Anerkennung der kurdischen Identität“, erzählt Muzaffer Yüksel im fahlen Neonlicht der Lampen im Volkshaus. Der Diplom-Ökonom lebt seit mehr als zehn Jahren in Deutschland und sagt, dass damals mehr als eine Million Unterschriften gesammelt wurden, um die Kurden als Volksgruppe offiziell durch den deutschen Staat anerkennen zu lassen.

„Leider hat Deutschland das nicht berücksichtigt“, sagt Yüksel. „Dabei wäre genau diese Anerkennung wichtig gewesen, um als Volk, das zumindest im Raum Aachen die zweitgrößte Zahl von Migranten stellt, anerkannt und wahrgenommen zu werden.“

Zwischen Terror und Demokratie

„Wo wir leben, möchten wir als Menschen akzeptiert werden“, sagt auch Bülent Iscan, der vor allem das demokratische Bestreben seines Volkes und der Politik betont.

Und das gelte natürlich auch für die PKK, die Partiya Karkerên Kurdistan, Arbeiterpartei Kurdistans. Sie wird von der Europäischen Union und den USA als terroristische Vereinigung eingestuft. Und ihr wird je nach Lesart der politischen Ausrichtung auch nachgesagt, für einen eigenen Staat für das kurdische Volk zu kämpfen. Ein eigener Staat sei aber nicht gewollt. „Das stimmt so nicht mehr“, sagt Bülent und alle nicken. Vielmehr wollen sich die Kurden selbst verwalten, in einem demokratischen System mit Gleichberechtigung für alle. „Es ist eine stete Doppelmoral, die Kurden aushalten müssen“, unterstreicht Beate Ergün, die vor über 30 Jahren einen Kurden heiratete und das „Innenleben“ kurdischen Gesellschaftsdenkens bestens kennt und auch übersetzen kann.

Mit der Doppelmoral meint sie, dass sich Kurden eigentlich überall auf der Welt für Demokratie einsetzen, aber gleichzeitig von manchen Staaten und Institutionen wegen ihres Strebens nach Selbstverwaltung als Terroristen angesehen würden.

„Die PKK setzt sich seit 30, 40 Jahren für Menschenrechte ein“, erzählt Kenan Demir, was auch aktuell der Fall sei. So kämpfen Kurden aktiv gegen die Terrororganisation „Islamischer Staat“ (IS), was gleichzeitig aber für eine andere öffentliche Wahrnehmung der PKK gesorgt habe. „Kämpft die PKK gegen die IS, ist sie gut – sonst wird sie als Terrororganisation hingestellt“, sagt Demir. Dabei haben die hier versammelten Kurden keinen Zweifel daran, dass die türkische Politik mit dafür gesorgt habe, dass Kurden nicht die Anerkennung als Volk erfahren, die sie eigentlich verdient hätten. Zugleich habe sich die türkische Haltung auf die westliche Welt übertragen, was nach Ansicht der Kurden auch daran liegt, dass die Türkei Nato-Bündnispartner ist. Ohnehin sorgt die türkische Haltung für Sorgenfalten in den Gesichtern der hier lebenden Kurden.

Grenzen öffnen

„Es steht fest, dass die Türkei die IS unterstützt“, behauptet einer von ihnen. Manche meinen sogar, die IS sei von der Türkei beauftragt worden, um die Kurden zu bekämpfen. Als Beleg dafür führen sie an, dass die Türkei die Grenzen für die IS geöffnet habe, nicht aber für die Unterstützung von Kurden. „Dabei geht es uns um Demokratie“, betont Muzaffer Yüksel. Die demokratischen Defizite der Türkei spielten in der Öffentlichkeit hingegen keine Rolle. So stelle die Türkei immer noch das frühere Bestreben der PKK nach einem eigenen Staat in den Vordergrund.

„Das ist aber seit den 1990er-Jahren gar nicht mehr so“, befindet Bülent Iscan. Er sagt auch, die PKK sei durch die Ausgrenzung von türkischer Seite dazu gezwungen worden, sich in Waffen zu stellen. Dennoch ginge es ihr im Kern darum, sich demokratisch und friedlich selbst zu verwalten.

Anfeindung

Trotz dieses steten Spagats zwischen fehlender Anerkennung und als Anfeindung empfundenen Aktionen der türkischen Regierung, bleiben die Kurden in Deutschland vor diesem Hintergrund friedlich, wie die Kurden im Raum Aachen betonen. „Wir gehen auf die Straße, um etwas loszuwerden“, sagt Muzaffer Yüksel. Es geht auch darum, zu zeigen, dass das, wofür sie einstehen – die Demokratie – in der Öffentlichkeit nicht wahrgenommen wird.

Die Ereignisse in Syrien haben dabei auch die Gefühle der in unserer Region lebenden Kurden stark beeinflusst. „Zu Beginn der Auseinandersetzungen konnten wir gar nicht richtig schlafen“, erzählt Kenan Demir. Es ging an die Substanz, bestätigen alle, die hier sitzen und es sei nicht zu akzeptieren, wenn Kurden nicht als demokratisch denkende und lebende Menschen angenommen würden.

Friedensprozess

„Deutschland soll den Friedensprozess in Gang bringen“, wünscht sich Beate Ergün, „an diesem Friedensprozess halten auch die Kurden fest.“ Ein ganz wichtiger Schritt sei es daher, die PKK und das kurdische Volk anzuerkennen und den Stempel „Terror-Partei“ endlich abzulösen, sagt sie. Wenn das passiert, dann würde es auch so sein, dass die Kurden in Deutschland endlich anders wahrgenommen würden, auch, wenn sie nicht auf die Straße gehen und protestieren.

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