Würselen - Kulturforum: Besucher im Alten Rathaus sind begeistert

Kulturforum: Besucher im Alten Rathaus sind begeistert

Von: ehg
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Veranstaltung Kulturforum im Alten Rathaus: Die Lektoren: v.l. Christa Ross, Angela Ortmanns-Dohrmann, und Dietrich Hoppe. Günter Kölling (re.) moderierte das Programm. Foto: Wolfgang Sevenich

Würselen. In der Literatur nimmt das Thema „Reisen“ und „Unterwegs sein“ einen zentralen Platz ein. Dieser Tatsache trug das Kulturforum Würselen auf seinem Literaturabend 2017, auf hohem Niveau angesiedelt, Rechnung.

Die Lektoren Angela Ortmanns-Dohrmann, Christa Ross und Dietrich Hoppe lasen unter dem Motto „Nie wieder!“ – in Mimik und Gestik professionell – Geschichten von mehr oder minder bekannten Autoren aus aller Herren Länder, spannende, humorige und hanebüchene. Untermalt wurden die Texte durch Musik. „Macher“ Günter Kölling moderierte das Programm mit geschliffenen Worten sach- und fachgemäß. Den atmosphärischen Rahmen bot der in warme Farben illuminierte Saal im Alten Rathaus, der bis auf den letzten Platz gefüllt war.

Zunächst hatte Hans Albers mit seinem „La Paloma“ musikalisch den literarischen Boden bereitet . Dann wurden die Besucher durch den Vers „Reisen ist ein Vorgeschmack auf die Hölle!“ aus „Kosmopolit“ des in Dresden aufgewachsenen Durs Grünbein, der nach der Wende ausgedehnte Reisen durch die Welt unternahm und heute als freier Schriftsteller in Rom lebt, aus sämtlichen Träumen gerissen. Ihr Protest war groß. Kölling relativierte: „Es läuft in dem herrlich dramatischen Gedicht nur darauf hinaus, dass eine zeitweise gefühlte Entwurzelung beziehungsweise ein Stückchen Leben im Transit, nicht besonders angenehm ist und mit einem Gefühl von Leere einhergehen.“

Dass nur der Reisende ein erfülltes Leben erfährt, geht in Bruce Chatwins „Credo“ auf die Erfahrungen dieses schillernden Vogels zurück. Er starb mit 49 Jahren in Südfrankreich. Als Kontrast dazu hörten die Literaturfreunde eine Passage aus dem Monolog „Novecento“ von Alesandro Barrico. Er handelte von einem fiktiven und außerordentlich virtuosen Pianisten am Anfang des 20. Jahrhunderts.

„Novecento“ zählt zu den einflussreichsten und erfolgreichsten zeitgenössischen italienischen Theaterstücken. Der Erzähler ist der Trompeter der Schiffsband. Der Bogen war gespannt zu einer der größten Katastrophen der Seefahrt, dem Untergang der „Titanic“, wie sie Hans Magnus Enzensberger in seinen 33 Gesängen detailliert schildert. Stille Ergriffenheit machte sich breit. Man konnte eine Stecknadel fallen hören.

Es war für den Moderator verdammt schwierig, die Besucher von der sich rasch ausgebreiteten elegischen Stimmung zu befreien. Woody Allen, wie er leibt und lebt, meldete sich mit „Nachtbuch einer Nanny“ zu Wort, köstlich amüsant. Es durfte auch wieder gelacht werden. War doch das Kindermädchen bei einer Familie gelandet, die ihr Geld in schamloser Weise an der Wallstreet verdient.

Bekanntschaft machten die Besucher alsdann mit Johann Gottfried Seume, einem Spätaufklärer, Bauernsohn, Soldat, Dichter, Wanderer und Autor von Reiseberichten. Er war es, der im Dezember 1801 in Grimma bei Leipzig zu seiner legendären Wanderung nach Syrakus aufbrach. Im April 1802 hatte er sein Ziel erreicht, im August 1802 war er wieder zu Hause. In seine Fußstapfen lässt der Schriftsteller F. C. Delius in seinem Tatsachenbericht „Der Spaziergang von Rostock nach Syrakus“ den Kellner Paul Gompitz treten, der im Sommer 1981 eine Bildungs- und Pilgerreise startet, wobei er die höchste und ärgerlichste Grenze der Welt zweimal überwindet, immer etwas schlauer als die Staatssicherheit. Eine märchenhafte Geschichte, die nicht erfunden wurde!

In seinem Erfolgsroman „Die Entdeckung der Langsamkeit“ beschreibt Sten Nadolny den Werdegang eines Menschen, der ungemein langsamer ist als der Rest der Welt und trotz oder gerade wegen seiner Langsamkeit seinen Weg geht und ein berühmter Kapitän und Entdecker wird. Nadolny kaufte sich schließlich eine „Netzkarte“. Humorvoll und intelligent – so die Besucher – schildert er in seinem Roman seine Erlebnisse und Beobachtungen auf seinen diversen Bahnreisen.

Vorstellig wurde dann Johann Georg Forster. Er schrieb 1977 die für das allgemeine Publikum gedachte Reisebeschreibung „Reise um die Welt“, die die moderne deutsche Reiseliteratur begründete. Zum Vortrag gelangte „Ansichten vom Niederrhein“. Die Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull, wie sie Thomas Mann zu Papier brachte, wurden nicht minder zur Sprache gebracht. Auch in ihnen drehte sich alles ums Reisen.

Zum amüsanten guten Schluss noch „Sebastian 23 Prag“, ein wunderbarer Sketch, in dem der Slampoet und Comedian das massiv neonazistische Tun nicht auf Mallorca, sondern in der tschechischen Hauptstadt „aufspießt“. Mit Franz Schuberts „Gute Nacht“ in der Fassung des Quartetts „Passo Avanti“, das vor einigen Wochen mit grandiosem Erfolg gastierte, wurde ein gefälliger Schlusspunkt gesetzt. Mit donnernden Applaus honorierte das literarisch-interessierte Publikum die großartige Vorstellung der Lektoren und des Moderators.

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