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Kommentiert: Wenig Beklemmung

Ein Kommentar von Holger Bubel

Darf man kritisch mit dem Kritischen umgehen? Darf man gut gemeinte Absicht in Frage stellen? Wie viel „Goldwaage“ braucht Empfindlichkeit?

Die unfassbaren Verbrechen gegen die Menschlichkeit, die die Nazis vor und während des Zweiten Weltkrieges an Juden, Homosexuellen, Sinti und Roma, aber auch an Kriegsgefangenen oder einfach nur Andersdenkenden systematisch, akribisch geplant und ausgeführt haben, muss im Gedächtnis bleiben, an die Generationen weitergegeben werden – damit so etwas nie, nie wieder passiert.

Daran darf kein Zweifel bestehen. Gedenkstätten, Orte dieses unvorstellbaren Geschehens, leisten dabei eine unverzichtbare Arbeit. Zig Millionen Besucher haben sich auch ein Bild von Auschwitz gemacht, vom Stammlager und Vernichtungslager Birkenau – bei kostenlosem Eintritt. „Als gäbe es was umsonst“, so war auch der erste und nicht letzte Eindruck, den man vor und im Lager hatte.

Schulklassen, die Schüler kaum älter als zwölf Jahre, taperten hinter ihren Guides her. Junge Männer ließen sich in strammer Haltung unter dem eiserner Schriftzug „Arbeit macht frei“ fotografieren. Festgelegte, mit Seilen abgesperrte Parcours sorgten für Staus und Wartezeiten. Nur über Kopfhörer konnten sich mancherorts die Guides bei ihren Gruppen Gehör verschaffen...

Nur selten gelang es wirklich, diesen Ort auf sich wirken zu lassen. Erst als kurz vor Toresschluss die Besuchermassen das Lager verlassen hatten, stellte sich das eigentlich erwartete Gefühl ein: Beklemmung. Erst in diesen wenigen Minuten gelang es, das mit dem Ort der schrecklichen Taten in Verbindung zu bringen, was man wusste, gelesen, gelernt hatte, packte einen das Grauen.

Lohnt sich also überhaupt ein Besuch dieser Gedenkstätten um das Unfassbare für sich persönlich zu erfahren und aufzuarbeiten? Ja, aber die Erwartungen an Auschwitz sollten nicht allzu hoch gesteckt sein. Und emotionales Wissen, das sollte vorher erworben sein.

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