Kleine Renten, wenig Kontakte: Über die Lage von Senioren

Von: Holger Bubel
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Fachgebietsleiter Soziales, Wolfgang Schleibach, ermuntert: Um ältere Menschen vor Isolation zu bewahren, reichen schon kleine Gesten und ein bisschen Aufmerksameit. „Wir wollen das bürgerschaftliche Engagement fördern.“ Foto: Holger Bubel

Alsdorf. Eine brandheiße Neuigkeit ist es nicht, dass die Menschen immer älter werden. Aber dass das für die Gesellschaft eine echte Herausforderung ist, wird nur allzu gerne verdrängt. Besonders, dass viele einzelne Senioren einen täglichen Existenzkampf führen. Nicht nur, um finanziell über die Runden zu kommen, auch Vereinsamung und das Gefühl isoliert zu sein, schränkt die Lebensfreude und -qualität ein.

Darüber, aber auch über mögliche Lösungen spricht Wolfgang Schleibach, Fachgebietsleiter Soziales in der Alsdorfer Verwaltung, im Wochen-Interview. Er bringt fast 40 Jahre Erfahrung aus dem Fachgebiet mit und ermuntert: „Kein Hilfebedürftiger muss Hemmungen haben, zu uns zu kommen.“

Bei den Alsdorfer Stadtteilgesprächen der Verwaltung mit den Bürgern im vergangenen Jahr wurden auch Probleme offenbar. Altersarmut beschäftigt zunehmend unsere Gesellschaft.

Schleibach: Ja, aber da sollten wir nicht nur über finanzielle, sondern auch über soziale Armut sprechen, von der so mancher Senior betroffen ist. Das Aufgabengebiet eines Sozialamtes hat sich in der Beziehung in den vergangenen Jahren wandeln müssen, auch wenn das bei vielen in der Wahrnehmung noch nicht angekommen ist. Wir legen noch mehr Wert auf das Wort „Sozial“ in unserem Aufgabenbereich.

Lassen Sie uns aber zunächst einmal die Begrifflichkeit klären: Ab wann ist man denn „arm“?

Schleibach: Das Kompendium „Der demografische Wandel in der Städteregion Aachen“ aus dem vergangenen Jahr sagt, dass die Armutsrisikogrenze für einen Ein-Personenhaushalt bei 833 bis 853 Euro liegt. Wer weniger Einkommen hat, gilt als „arm“. Von dieser Summe müssen alle laufenden Kosten getragen werden: Miete, Strom, Wasser, Kleidung, Lebensmittel etc.

Wie viele Menschen gibt es in Alsdorf aus dem Kreis der von Altersarmut Betroffenen?

Schleibach: Eins möchte ich aber vorweg klarstellen, damit das nicht missverstanden wird: Altersarmut ist kein Problem, das nur Alsdorf hat. Es ist ein gesellschaftliches – negatives – Phänomen. In Alsdorf sind laut Ermittlungen der Städteregion schätzungsweise 1080 Ältere von relativer Einkommensarmut betroffen, davon 680 Frauen und 400 Männer. Das sind knapp 14 Prozent der Alsdorfer Haushalte – damit liegen wir im NRW-Trend.

Keine schönen Zahlen. Können Sie da eine Entwicklung erkennen, oder war die Statistik immer schon so schlecht?

Schleibach: Dieser unschöne Trend macht sich in Zahlen gesprochen noch schlimmer aus. Der durchschnittliche jährliche Zuwachs an Hilfebedürftigen aus diesem Kreis liegt bei fünf Prozent. Von Anfang 2005 bis 2015 sind die Haushalte, die die Grundsicherungsleistungen nach dem SGB XII erhalten, in Alsdorf von 250 auf 550 gestiegen, also um rund 120 Prozent. In anderen Kommunen sieht das nicht viel anders aus. Und die Entwicklung zeigt mit Blick auf eine immer älter werdende Gesellschaft eine weiter steigende Tendenz. Die Auswirkungen des demografischen Wandels sind hier sichtbar.

Finanziell unterstützen Sie diese Menschen. Welche Personen können Hilfe erwarten? Wo liegt die Altersgrenze?

Schleibach: Das ist im Zwölften Buch Sozialgesetzbuch geregelt, im Paragraf 41. Personen, die vor dem 1. Januar 1947 geboren sind, erreichen die Altersgrenze mit der Vollendung des 65. Lebensjahres. Bei später Geborenen erfolgt eine individuelle Anhebung je nach Geburtsjahr. Aber auch „dauerhaft Erwerbsunfähige“ unter 65 Jahren können Leistungen beziehen.

Und dazu wird dann die Stadt in die finanzielle Verpflichtung genommen?

Schleibach: Nein, in diesem Fall einmal nicht. Das sind Leistungen, die der Bund zahlt.

Und womit können die Bedürftigen rechnen?

Schleibach: Der Regelsatz für Alleinstehende sieht derzeit 399 Euro vor. Bei zwei Erwachsenen sind es jeweils 360 Euro, der Regelsatz für Haushaltsangehörige liegt bei 320 Euro.

Wie kommt es eigentlich, dass die Zahl der Hilfebedürftigen so drastisch angestiegen ist?

Schleibach: Das hat vielschichtige Gründe. Bei einem zu geringen Einkommen im Erwerbsleben ist in Folge auch die Rente zu gering. Auch die Arbeitslosenquote von fast 15 Prozent bei den 55- bis 65-Jährigen spielt eine Rolle. Sehr oft sind auch Witwen auf Hilfe angewiesen, weil deren Rentenanspruch nach dem Tod des Mannes noch geringer ist. Und weil die Menschen immer älter werden und früher nicht privat vorgesorgt wurde – so etwas wie Riester-Rente gab es nicht –, sondern man auf die auskömmliche Rente vertraut hatte, kommen diese Personen finanziell jetzt nicht mehr klar. . .

. . . und müssen auf Erspartes zurückgreifen.

Schleibach: . . . wenn denn vorhanden. Doch spätestens wenn eine Pflegebedürftigkeit eintritt, ist das Ersparte schnell aufgezehrt. Übrigens ist unter den Hilfebedürftigen auch eine nicht zu unterschätzende Zahl an ehemals Selbstständigen. Die haben in diesen Fällen zu gering bis gar nicht vorgesorgt.

Wenn jemand „zum Sozialamt muss“, dann empfinden das viele Menschen als einen Makel.

Schleibach: Ja, die Hemmschwelle ist besonders bei älteren Menschen groß. Viele haben ihr Leben lang gearbeitet, aber es reicht im Alter einfach nicht aus. Aber genau dafür sind wir ja jetzt da. Und das tun wir auch gerne. Kein Hilfebedürftiger muss Hemmungen haben, zu uns zu kommen. Wie gesagt: Dafür sind wir da.

Sie sprachen eingangs auch von sozialer Armut, von Vereinsamung.

Schleibach: In finanzieller Hinsicht verstehen wir uns als Auftragserfüller. Aber wir hinterfragen auch, wo vielleicht sonst noch ein Bedarf ist. Wir stellen nämlich fest, dass sich viele Ältere nicht mehr von der Gesellschaft aufgefangen fühlen, einsam sind. Alle unsere Mitarbeiter – und da spreche ich sicherlich auch für unsere Kollegen aus den Nachbarkommunen – sind bemüht, individuelle Hilfen anzubieten, die die Lebensumstände verbessern helfen. Hintergrund dieser Überlegungen ist es, den Hilfeempfängern ein menschenwürdiges Leben auch weiterhin ermöglichen zu können.

Was können Sie dazu tun?

Schleibach: Die Frage muss lauten, was wir alle dafür tun können. Man sollte keine Bedenken haben, bei der älteren Nachbarin oder beim Nachbarn mal an der Tür zu klingeln und zu fragen, wie es so geht. Damit wäre schon viel erreicht.

Dann präziser formuliert: Was kann eine Kommune für Senioren tun?

Schleibach: Um Einsamkeit und Isolation vorzubeugen, müssen Angebote geschaffen werden. Zum Beispiel Senioren-Cafés, spezielle Frühstücksangebote, aber auch Tafeln oder kulturelle Veranstaltungen.

In Alsdorf gibt es das, was Sie da aufzählen.

Schleibach: Unser Generationenbüro koordiniert solche Angebote. Das macht sich bezahlt.

Was macht dieses Büro?

Schleibach: Man kann es als Vermittlerin bezeichnen. Das Generationenbüro mit Rita Gut an der Spitze vermittelt verschiedene Angebote, etwa Hilfsangebote über die Schülerjobbörse, sie vermittelt aber auch an Senioren- oder Invalidenvereine, die übrigens eine ganz wertvolle ehrenamtliche Arbeit leisten. Ein weiteres Angebot wird auch die Seniorenwerkstatt beinhalten. Diese startet im Frühjahr.

Sie arbeiten als Behörde aber auch eng mit ABBBA – Alsdorfer Bildungs-, Beratungs- und Betreuungsangebote – zusammen.

Schleibach: Wir haben beziehungsweise bauen unser Netzwerk für Ältere stetig aus. Auch ABBBA bietet viel für Senioren, etwa mit „Alt hilft Jung und Jung hilft Alt“ oder „Freiwillig in Alsdorf“, der Homepage der Caritas. Dort können sich potenzielle Ehrenamtler aussuchen, wo sie helfen und unterstützen wollen. Und das nicht nur im Seniorenbereich.

Ohne Ehrenamt geht es nicht?

Schleibach: Nein. Aber dazu braucht es keinen Titel. Nachbarschaftshilfe aktivieren und Bürger sensibilisieren haben wir uns auf die Fahne geschrieben. Sprich: allgemein das bürgerschaftliche Engagement zu fördern.

Aber nicht nur die Senioren brauchen Hilfe und Ansprache. Wohin kann man sich wenden, wenn man etwa Fragen zur Versorgung eines älteren Angehörigen hat? Gibt es da auch ein Angebot?

Schleibach: Zweimal im Monat, an jedem ersten und dritten Donnerstag, kommt von 14 bis 15 Uhr ein Sozialpädagoge der Städteregion ins Rathaus. Der berät dann – und das nicht nur in finanziellen Angelegenheiten. Den kann ich auch fragen, wenn die Oma einen Heimplatz braucht.

Zwei Stündchen im Monat ist nicht gerade viel.

Schleibach: Und genau deshalb gibt es den Pflegestützpunkt der Städteregion. Hilfe zur Pflege macht nämlich nicht die Stadt, sondern die Städteregion. Dort werden alle Fragen rund um Pflegebedürftigkeit beantwortet. Dort gibt es auch Pflege- oder Wohnberatung.

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