Kita-Streik: Nicht immer Notfallpläne

Von: Stefan Schaum und Karl Stüber
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Informationsbedarf: Am Mittwoch kamen auf dem Baesweiler Kirchplatz streikende Erzieherinnen auch mit Eltern in Kontakt, deren Verständnis langsam nachlässt. Foto: Stefan Schaum

Baesweiler/Würselen. Erstmals sind am Mittwochnachmittag auch in Baesweiler streikende Erzieherinnen der Gewerkschaft Ver.di auf die Straße gegangen. Genauer: auf dem Kirchvorplatz haben sie sich postiert, um dort mit Flyern und Plakaten um für ihre Anliegen – und vor allem auch um Verständnis – zu werben.

Dabei sind sie auf zahlreiche Eltern getroffen. Für die Mitarbeiterinnen der Kita „Kiliba“ war es das erste Wiedersehen nach gut vier Wochen. Bald einen Monat lang ist das Haus an der Grabenstraße jetzt schon geschlossen. Derzeit ist es die einzige Kita in der Stadt, die komplett dicht ist, andere haben wieder geöffnet oder bieten zumindest eigene Notgruppen an.

Leiterin Petra Flegel-Winkel spricht am Mittwoch davon, dass alles einfach unheimlich schnell ging. Noch kurz vorm Streik sei sie das einzige Ver.di-Mitglied im Haus gewesen. Als es dann ernst wurde, traten elf Kolleginnen bei, sechs gingen zur Komba. Nur drei blieben „gewerkschaftsfrei“ – und bieten derzeit für „Kiliba“-Kinder eine Notgruppe an. Allerdings in einer anderen Einrichtung.

Eltern ohne Infos

Die Tür von „Kiliba“ bleibt dicht, die Eltern blieben ohne Brief. Flegel-Winkel: „Da war keine Zeit mehr, sie rechtzeitig zu informieren.“ Sie bedauert das sehr. Und sie kann nachvollziehen, „dass viele von denen mittlerweile richtig sauer sind. Es ist schade, wie das alles laufen musste.“ Tja: Streik ist Streik, kann man da sagen. Doch die Leiterin denkt bereits mit Bangen an den Tag, an dem sie die Tür wieder aufschließt. Ein paar deutliche Worte werde sie sich mindestens anhören müssen, sagt sie. Auch am Mittwoch spürt man: Solidarisch sind viele Eltern nicht mehr.

„Wir würden uns wünschen, dass zumindest in unserer Kita selbst eine Notgruppe eingerichtet wird“, sagt eine Mutter, ihren 14 Monate alten Sohn auf dem Arm. Der Kleine hatte seine dreiwöchige Eingewöhnungszeit gerade hinter sich, als der Streik begann. Somit ist er schon länger wieder raus aus der Kita als er jemals drin war. „Wir müssen diese Zeit wohl wiederholen und wissen schon jetzt nicht mehr, wie wir es zeitlich hinbekommen“, sagt die Frau.

Sie ist Lehrerin, der Mann selbstständig. Er wird sich dann wohl um die neuerliche Eingewöhnungszeit kümmern müssen – und auf Einnahmen verzichten. Beim Geld hört der Spaß auf – so langsam gilt der alte Spruch wohl für beide Seiten, für Erzieherinnen und Eltern. „Es ist einfach traurig, dass sich das alles so lange hinziehen muss“, sagt Beate Scheen, Leiterin der Settericher Kita „Löwenburg“. Nein, als der Streik begann, habe sie nicht damit gerechnet, dass er so lange dauern wird.

Aufgeben könne man jetzt freilich nicht. Durchstehen, schweren Herzens, das müsse jetzt sein. Das signalisieren am Mittwoch auch viele Kollegen aus Alsdorf, die mit Streikführer Günter Thimm, Mitarbeiter des Jugendamts in Alsdorf, nach Baesweiler gekommen sind.

Bereits Tags zuvor stehen vor dem Würselener Rathaus Kita-Erzieherinnen und Mitarbeiter der Sozialen Dienste der Stadt. Die Demonstrierenden, die gerade von einer großen Protestveranstaltung in Düsseldorf zurückgekehrt sind, sind mit Westen und Feuerwehrhelmen ausgestattet, denn sie sehen sich als Retter, die zu wenig Anerkennung „verdienen“, und zwar in barer Münze.

Dipl.-Sozialpädagogin Angela Egin (Jugendamt) fordert eine Bezahlung wie Ingenieure. Und Gabi Eschweiler ärgert, dass die kommunalen Arbeitgeber die einzelnen Berufsgruppen spalten und gegeneinander in den Verhandlungen ausspielen wollen. „Die Jugendämter der Städteregion Aachen – die Retter in der Not!“ prangt auf einem Schild.

Solidaritätsadressen

Drinnen versammeln sich die Mitglieder des städtischen Jugendhilfeausschusses. Solidaritätsadressen seitens der Mandatsträgern sind zu hören. Aber auch die Belange der Erziehungsberechtigten dürften nicht vernachlässigt werden.

Aber dann wird es kritisch: Ist das eigene Jugendamt überhaupt noch handlungsfähig? Kann in Not geratenen Heranwachsenden überhaupt noch angemessen und schnell geholfen werden? Es sind nicht nur Kollegen des Jugendamtes in Solidarität mit den Erzieherinnen im Streik, es fehlen ohnehin einige Mitarbeiter – in Folge von Mutterschutz und Erziehungs(aus)zeit.

Herbert Zierden, Fachbereichsleiter für Schule, Sport, Jugend und Kultur, gibt Entwarnung. Trotz Streiks haben sich die in Frage kommenden Kollegen auf einen Notfallplan geeinigt. Kindern in akuter Not kann so geholfen werden. Das Kindeswohl sei nicht in Gefahr.

Gute Nachrichten hat Beigeordneter Werner Birmanns in Sachen Heidegarten. Diese Kita ist seit drei Wochen infolge des Streiks geschlossen. Zu der Notgruppe, die ohnehin von Eltern mit Billigung der Stadt in eigener Regie betrieben wird, kommt nun eine weitere Gruppe ab Montag hinzu, so dass dann insgesamt wieder rund 40 Kinder in der Kita Heidegarten betreut werden können.

Auf Nachfrage unserer Zeitung ergänzte Birmanns, dass eine Erzieherin einer anderen städtischen Einrichtung hierfür gewonnen werden konnte, die von weiteren Hilfskräften bei der Betreuung des Kinder unterstützt wird.

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