Würselen - Kita in Eigenregie: Wie man ein Nest für kleine Piraten baut

Kita in Eigenregie: Wie man ein Nest für kleine Piraten baut

Von: Verena Müller
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Stefanie Mirgartz mit Vorschulkindern im „Piratennest“: Die Elterninitiative feiert am Wochenende die offizielle Eröffnung. Foto: vm

Würselen. Im Büro türmen sich Kisten und Verpackungen, ein Kabel hängt quer über der Tür und auch im hinteren Teil des Außengeländes sieht es noch nach Baustelle aus. Aber Gruppen-, Schlaf-, Wasch-, Bewegungsraum und Küche sind bis auf ein bisschen Beispachteln an den Fenstern fertig. Der Kita-Betrieb des Piratennests e.V. an der Ankerstraße in Würselen hat schon Mitte August begonnen.

20 Kinder finden hier Platz, wo sich vorher eine Mischung aus Gewerbe und Wohnhaus befand. An diesem Wochenende wird die Eröffnung gefeiert.

Am wenigsten haben damit vermutlich die Initiatoren selbst gerechnet.

Zwei von den insgesamt zehn sitzen in besagtem Büro: Stephan Renkens und Yvonne Cretu. Während sie von der Entstehung erzählen, spielt draußen die erste Gruppe der jungen Elterninitiative. „Joshua, komm‘ mal her, Du hast noch keine Schuhe an“, hört man eine der vier Erzieherinnen gerade rufen. Stephan Renkens nimmt es am Rande zur Kenntnis und schmunzelt kurz. Er macht einen zufriedenen Eindruck.

Dass Gründer einer Elterninitiative mit dem bestehenden Kita-Angebot nicht zufrieden sind, kann man sich denken. Stephan Renkens und Yvonne Cretu wollen keinen Unfrieden stiften oder nachkarten, deshalb sprechen sie auf die Frage nach der Motivation lieber vom Wunsch einiger Eltern, sich mehr einzubringen. „Bei einer fünfgruppigen Einrichtung ist das nicht möglich“, findet Renkens mit Blick auf die Kita, die seine Kinder vorher besucht haben.

Im Januar dieses Jahres entstand deshalb die Idee, „etwas eigenes zu machen“. Eine Gründung innerhalb eines guten halben Jahres, das kann man schon recht schnell nennen. „Wir hatten eher mit einem oder anderthalb Jahren bis zur Eröffnung gerechnet“, so Renkens. Dabei ist keines der Gründungsmitglieder vom Fach und im Umkreis sind Elterninitiativen, bei denen man sich etwas hätte abgucken können, rar.

Wo fängt man da an? „Mit dem Gang zum Jugendamt und zum Landesjugendamt“, berichtet Renkens. Erst einmal sei der Bedarf an Plätzen zu klären gewesen. Der bestand in Würselen, und so machten sich die Gründer recht schnell an die Details. „Vier Wochen haben wir alleine damit zugebracht, eine Satzung für den Verein zu schreiben. Heute würden wir das wahrscheinlich in zwei Stunden schaffen“, erzählt Renkens.

Aber gerade in der Anfangsphase habe man sich eben orientieren und vor allem: untereinander besser kennenlernen müssen. „Morgens um sechs wurde meist schon in unserer Gruppe die erste Nachricht geschrieben, die letzte nicht selten um zwei, halb drei in der Nacht“, sagt Renkens. Er hat mal gezählt. 166.000 Wörter seien in der Gruppe ausgetauscht worden. Doppelt so viel wie der erste Harry-Potter-Band. Aber anders sei es eben nicht zu machen gewesen, bei lauter Berufstätigen.

3200 Arbeitsstunden seien bis zur Eröffnung angefallen. Yvonne Cretu: „Es war ein permanentes Auf und Ab zwischen Euphorie und Erschöpfung.“

Nachdem alle Details zu Zuständigkeiten und rechtlichen Fragen geklärt waren, wurde der Verein am 13. März gegründet, dann konnten die Anträge für die Investivmaßnahmen gestellt werden. 250.000 Euro trugen zum größten Teil Stadt und Land. Die fehlenden zehn Prozent konnten über Spenden und unentgeltliche Arbeit aufgebracht werden.

Während der Wartezeit auf die Förderbescheide wurden Erzieher gesucht. Die Überraschung: Der Markt war nicht so leer gefegt wie befürchtet. „Uns kam es darauf an, Erzieher zu finden, die Lust haben, unsere Kita mit aufzubauen“, sagt Cretu. Sowohl in materieller als auch in pädagogischer Hinsicht.

Und der Vorstand – neben den genannten Nicole Etzold, Kristina Janßen und Daniela Renkens – wurde fündig. Die Plätze waren ebenfalls schnell belegt. „Bei der Altersstruktur mussten wir darauf achten, dass jedes Jahr für fünf Vorschulkinder fünf neue Kinder kommen, sonst würden uns die Mittel gestrichen“, sagt Renkens.

Eine Köchin wurde eingestellt und eine Putzkraft. Wie bei den meisten Elterninitiativen müssen sich die Eltern trotzdem mit ihrer Arbeitskraft einbringen. Zwei Pflichtstunden im Monat für überwiegend Hausmeistertätigkeiten sind derzeit angedacht.

Im Juni lag endlich der Förderbescheid im Briefkasten, der Umbau begann und die Ausstattung wurde zusammengestellt, vom Schrank bis zur Bastelschere. Dann der Schock: Im Boden des Außengeländeteils, der mehr oder weniger als Nutzgarten angelegt war, wurden geringfügige Mengen Altlasten gefunden. Also musste er ausgetauscht werden. Rund 16.000 Euro hätte das normalerweise gekostet, aber auch hier gelang es dem Verein, ein Teil in Eigenregie mit professioneller Hilfe selbst zu erledigen, der neue Mutterboden wird gerade vom Umweltamt geprüft und dann als Spende eines Bauunternehmens verfüllt.

Dann, so hoffen Renkens und Cretu, müssten die letzten Hürden genommen sein. Der Garten soll neu angelegt werden, 700 Quadratmeter misst der Außenbereich am Ende. „Das war mit ein Entscheidungsgrund für dieses Objekt. Und wir hätten jetzt auch nicht mehr zurück gekonnt“, sagt Cretu.

Sie und Renkens glauben, den richtigen Schritt getan zu haben: „Selbst die Zweijährigen waren schnell eingewöhnt und haben gleich hier geschlafen“, sagt Renkens. Den Erzieherinnen sei es gelungen, eine herzliche Atmosphäre zu schaffen, sagt Cretu. „Familienerweiternd“ so sehen die beiden „ihre“ Kita.

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