Kirchenchor löst sich nach über 100 Jahren auf

Von: Stefan Schaum
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Baesweiler. Dass der Kirchenchor St. Willibrord Loverich-Floverich 1900 gegründet worden ist, ist nur mündlich überliefert. Urkunden gibt es aus dieser Zeit nicht mehr. Doch was jetzt leider sehr genau bekannt ist, ist sein Ende.

Am Samstag, 15. November, werden die verbliebenen Sängerinnen – zwölf Stück sind es nur noch – zum letzten Mal gemeinsam ihre Stimme erheben. Und dann ist nach 114 Jahren Schluss.

„Das ist so traurig, richtig heftig“, sagt Maria Hilgers. Seit 58 Jahren hat sie in diesem Chor gesungen, hat Höhen und Tiefen erlebt. Seit einigen Jahren vor allem Tiefen, denn die Zahl der Mitglieder ging nur noch bergab. Im Jahr 2000 hatten sie das 100-Jährige gefeiert. Ein richtiges Spektakel war das seinerzeit in der Lovericher Mehrzweckhalle. Aber damals waren sie ja auch noch um die 40 Sänger. Da waren noch einige Herren dabei. Ein Jahr später stieß Elfriede Schmitz zum Chor – und sollte das letzte neue Mitglied sein, das er begrüßen konnte. Der Vorsitzende Adam Spiertz starb im vergangenen Jahr, mittlerweile ist Karin Plum als Kassiererin das letzte verbliebene Vorstandsmitglied. „Alleine können wir es doch auch nicht mehr machen“, sagt sie.

Große Gemeinschaft

Ganz alleine waren sie zum Glück nicht. Sänger aus den Kirchenchören St. Martinus in Oidtweiler und St. Pankratius Beggendorf, die wie der Loverich-Flovericher Chor von Helmut Esser geleitet werden, lieferten gern ergänzende Stimmen, als es in Loverich nur noch die Lagen Alt und Sopran gab. „Das war immer eine große Gemeinschaft“, sagt Karin Plum. „Wenn Helmut Esser fragte: ‚Wer fährt zur Unterstützung nach Loverich?‘, dann haben sich gleich einige gemeldet.“ Aber wenn es vor Ort kein richtiges Fundament mehr gibt, dann helfen auch die Gastsänger irgendwann nicht mehr weiter. Leni Juchems ist aktuell die älteste aktive Sängerin – mit 82 Jahren. Elfriede Schmitz ist mit ihren 56 Jahren die jüngste. Im Schnitt sind sie Ende 60.

Noch vor zehn, zwanzig Jahren hatte der Chor locker mehr als 20 Auftritte pro Jahr. Da habe man Fronleichnam ja noch an jedem Kreuz gesungen. „Damals waren wir auch bei Hochzeiten gefragt“, erinnert sich Maria Hilgers. „Aber mal ehrlich, wer will da heute noch einen Kirchenchor haben? Die nehmen doch jetzt viel lieber eine Gospel-Gruppe.“ Gut möglich, dass deshalb der Nachwuchs ausblieb, sagt sie. Der Geschmack habe sich halt geändert. Dass durch die Fusion der Gemeinden die Zahl der Gottesdienste deutlich reduziert worden ist, habe letztlich ebenfalls dazu beigetragen, die Funktion des Chores in Frage zu stellen. Hilgers: „Es gab ja kaum noch Möglichkeiten, um überhaupt aufzutreten.“ Also ein Schicksal, das auch anderen Chören droht? Das wissen die Lovericher Sängerinnen nicht. Die übrigen Chöre in der Stadt haben noch genug Mitglieder, sagen sie. Wie lange? Fragende Blicke.

Was sie vor allem vermissen werden, sind die Proben. Da gab freitags es richtig viel Spaß. „Wir waren immer ein fröhlicher Haufen“, sagt Karin Plum. Sie alle bedauern es sehr, nicht weitermachen zu können. Denn sie wissen: Mit dem Chor stirbt nicht zuletzt auch ein Stück Dorfleben.

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