Würselen - Kinkartz-Werk: Das Herz der Printenproduktion steht still

Kinkartz-Werk: Das Herz der Printenproduktion steht still

Von: Verena Müller
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Abbau des Kühlkanals: Auf acht Standorte werden Teile der Broichweidener Produktion verteilt. Foto: Verena Müller
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Arbeitet seit 39 Jahren im Werk: Franz-Josef Horsch. Foto: Verena Müller

Würselen. Franz-Josef Horsch fährt sich mit der Zunge über die Lippen, presst sie kurz zusammen. Seine Hände ballen sich zu Fäusten, als er beobachtet, wie die Guillotine auf die Laderampe geschoben wird. Gut gegangen. Nirgends angeeckt. Horsch kratzt sich am Kopf, dann dreht er sich ruckartig weg. Für einen Moment packt ihn Wehmut.

„Komisches Gefühl“, sagt er. In dem Moment, in dem der Teigzerteiler, den er über Jahrzehnte im Kinkartz-Werk in Broichweiden gewartet hat, die Halle verlässt, scheint sich auch Horsch innerlich von seinem alten Arbeitsplatz verabschiedet zu haben. Nach 39 Jahren.

Horsch ist 59, Techniker und einer der letzten Kinkartz-Mitarbeiter, die derzeit noch am alten Standort eingesetzt sind. Die Bänder stehen seit Dezember still, die Angestellten arbeiten inzwischen elf Kilometer entfernt, bei Lambertz in Aachen. Nun werden die Maschinen in transportierbare Einzelteile zerlegt und auf die acht Lambertz-Werke verteilt. Was keine Verwendung findet, holt am Ende der Schrotthändler ab.

In den verwinkelten Werkshallen in Broichweiden, in denen hauseigene Techniker, die einer Fremdfirma und Mitarbeiter eines Schwertransportunternehmens tonnenschweres Metall bewegen, riecht es immer noch nach feuchtem Teig.

Mehlstaub bedeckt die große Waage, hinter der einmal ein Kneter stand. Der ist bereits verladen. Geblieben ist eine viereckige Fläche, an der der Bodenbelag fehlt und rote Fliesen zum Vorschein kommen. Auf diesen Metern hat Horsch die Kugellager des Tischs geölt, auf den die Teigblöcke geschoben wurden, hier hat er die Hydraulik-Zylinder überprüft. „Eine gute, alte Maschine“ sei die Guillotine gewesen, sagt er.

Er erinnert sich an Zeiten vor ihrer Anschaffung, also vor rund 35 Jahren: Nachdem der Vorteig für die Printen – im Wesentlichen Mehl und Sirup – als massiver Klumpen sechs Wochen lang in einer Edelstahlwanne gelagert hatte, wurde er von Hand mit einem umfunktionierten Spaten zerteilt. „Das war Knochenarbeit. Der Holzstiel des Spatens brach immer, deshalb haben wir einen stahlverstärkten genommen“, erzählt Horsch.

Dann kam die Guillotine, das Herzstück der Printenproduktion, die langsam und mit großer Kraft aus dem 400-Kilo-Block 25 Kilogramm schwere Stücke machte, denen anschließend im Kneter weitere Zutaten wie Kandis zugefügt wurden. Der fertige Teig kam in den Former, die Printen schließlich auf das Endlos-Backblech.

Mit gemischten Gefühlen verfolgt auch Bernd Ortmanns den Abtransport des Kneters und des zwei Tonnen schweren Zerteilers. Schon seine Mutter hat bei Kinkartz gearbeitet. Er weiß noch aus seiner Kindheit, wie der Bruch von Hand in Papiertüten verpackt wurde.

Später war er selbst eine Zeit lang Angestellter der Großbäckerei, bis er – nach verschiedenen Stationen in aller Herren Länder – zu einem technischen Industrieservice wechselte. Heute schließt sich für ihn also der Kreis. „Vor zwanzig Jahren haben wir das alles aufgebaut, die Bänder und so, und jetzt bauen wir alles wieder ab, wa Jupp?“, sagt der 52-Jährige zu Horsch. „So isses“, antwortet der.

Die Guillotine wird erst von ihrem Sockel gelöst und mittels Gabelstapler auf Blöcke gestellt, bevor sie vorsichtig in die Horizontale gebracht wird. Gar nicht so einfach. „Schmal, hoch und kopflastig“, erklärt Thorsten Kochs, einer der Männer des Schwertransportunternehmens. Auf Rollen gleitet die Guillotine anschließend am Endlos-Backblech vorbei auf die Rampe. Von dort hebt sie ein Gabelstapler runter und bringt sie zum Lkw, auf dem schon der Kneter schon abfahrbereit vertäut ist.

Ohne einen Kratzer, der nicht schon vorher im weißen Lack gewesen wäre, wird der Teigzerteiler behutsam auf Holzböcke auf die Ladefläche gehievt. Franz-Josef Horsch schaut sich den letzten Teil des Verladens nicht an. Auf dem Weg zurück durch die Hallen kommt er an einem Zettel vorbei, den Kollegen mit grünem Klebeband an einen Stromkasten gehängt haben. „Dat wohr et dann“, steht darauf.

Horsch wird Wochen, vielleicht Monate später nach Aachen nachkommen, wenn „seine“ Guillotine schon längst wieder in Betrieb ist. „Ein Neuanfang“, sagt er, sei das für ihn.

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