Alsdorf - Keine Plüschtiere im Sarg: Neues Gesetz sorgt für Ärger

Keine Plüschtiere im Sarg: Neues Gesetz sorgt für Ärger

Von: Karl Stüber
Letzte Aktualisierung:
9388933.jpg
Vorbereitung für die letzte Ruhestätte – aber nur Vergängliches darf noch beigesetzt werden: Die Bestatter Willibert Dohmen und Frank Lauterbach erleben, dass diese Gesetzesänderung bei manchen Hinterbliebenen nicht gut ankommen. Foto: Karl Stüber

Alsdorf. Der Tod eines Angehörigen verursacht nicht nur Trauer, sondern oft auch nachvollziehbares Unverständnis über das Geschehene bei Angehörigen, Freunden und Bekannten. Und als wäre das Unfassbare, der Verlust eines lieben Menschen, nicht schon genug, sorgt der Gesetzgeber seit ein paar Monaten mit dem geänderten Landesbestattungsgesetz für zusätzliches Unverständnis.

Besonders das Gebot, dass nur noch Vergängliches mit ins Grab darf, verursacht Ärger.

Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser? So deutlich wollten sich die von unserer Zeitung angefragten Verwaltungen der Städte Baesweiler, Herzogenrath und Würselen nicht äußern und festlegen. Sie sehen vor allem den jeweiligen Bestatter in der Pflicht, auf die gesetzlichen Vorgaben zu achten.

Dagegen hatte der Erste Beigeordnete der Stadt Alsdorf, Ralf Kahlen, bereits auf Nachfrage unserer Zeitung Tacheles geredet und angekündigt, stichprobenartig Überprüfungen vorzunehmen, ob denn alles seine Richtigkeit im Sarg hat. Das Gesetz lasse da leider keinen Spielraum. Indes seien die entsprechenden Unternehmen erfahrungsgemäß „sehr seriös“.

Talar, der sich in der Erde zersetzt

Ein Vertreter besagter Zunft im „strengen“ Alsdorf, die nun mit Überprüfungen durch die Stadtverwaltung zu rechnen haben, ist zum Beispiel Willibert Dohmen, der seit 19 Jahren als Bestatter arbeitet. Seine „rechte Hand“ Frank Lauterbach berichtet, dass die Gesetzesänderung zu Reaktionen führt: „Wir müssen das den Leuten beibringen.“ Der beste Anzug der Verstorbenen auch zur Beisetzung ist da nicht mehr so einfach angesagt. „Da wird dem Toten ein Talar angezogen“.

Dabei handelt es sich um ein schlichtes, langes Totenhemd, das sich später in der Erde zersetzt. Hier endet auch der ansonsten zu achtende letzte Wille des Verstorbenen, wie Lauterbach bedauert. Der Handwerker kann eben nicht mehr mit einem Hammer im Sarg beigesetzt werden. Auch das Lieblingsplüschtier des Enkelkindes für den verstorbenen Opa muss draußen bleiben. „Das glauben die Angehörigen erst mal nicht“, sagt Lauterbach.

Dass Muslime nur selten hierzulande bestattet werden, wie seitens der vier Nordkreisstätte bestätigt wird, hat seinen handfesten Grund. Am Beispiel der türkisch-stämmigen Bevölkerung verweist Lauterbach darauf, dass erfahrungsgemäß die Familienmitglieder „praktisch schon von Kindesbeinen“ inklusive der Kosten und Rückführung in die Heimat alles grundsätzlich regeln. Dies werde von einem aus Landsleuten bestehenden Kreis von Bestattern organisiert. Ähnlich also der zu beobachtenden Praxis, dass türkischstämmige Bürger bevorzugt bei türkisch geführten Reisebüros und -veranstaltern buchen.

Kommunen als Preistreiber

Der Gesetzgeber mag zwar jetzt auch (reine) muslimische Friedhöfe zulassen. Ob die zweite oder dritte Generation der Muslime dies hier annehmen wird, bleibt abzuwarten.

Immer wieder sind Dohmen und Lauterbach tief erschüttert über die Betroffenheit, mit der Angehörige auf die Höhe der Bestattungskosten reagieren, wie sie erzählen. „Mit gerade mal 800 oder 900 Euro Rente im Monat lässt sich das Geld für eine Bestattung von einer Witwe oder einem Witwer allein kaum aufbringen“, sagt Lauterbach.

Ein paar tausend Euro kommen selbst bei einer einfachen Beisetzung zusammen – bei einer Urnenvariante rund 1000 Euro weniger. Deshalb der dringende Rat der beiden Fachleute angesichts der Erfahrung: Zu Lebzeiten und das beizeiten eine entsprechende Versicherung bzw. Finanzierung abschließen. „Es geht uns nicht darum, dass wir selber die Versicherungen verkaufen. Das wird von Banken und Versicherungsträgern angeboten“, sagt Lauterbach.

Kritisch gehen die Bestatter mit den Trägern der Friedhöfe um – den Kommunen. Alle zwei bis drei Jahre würden hier die Bestattungskosten angehoben, und dann in großen Sprüngen. Dohmens klarer Rat lautet: Friedhöfe müssen nicht große und aufwendig zu pflegende Parkanlagen sein. Flächenreduzierung auf das Wesentliche könnte Pflegeaufwand und Kosten sparen helfen.

Dem vom Land NRW propagierten Modellvorhaben, die Leichenschau neu aufzustellen, können die beiden Bestatter nichts abgewinnen. Zwei voneinander unabhängige Ärzte sollen nach Vorstellungen des Gesetzgebers den Tod feststellen und die Leichenschau vornehmen. Da reicht die Analyse des Hausarztes nicht mehr, der in der Regel bislang den Totenschein ausstellte und die Krankengeschichte des Verstorbenen kannte.

Wenn nun ein zweiter Arzt standardmäßig eingeschaltet werden soll, treibe das für die Hinterbliebenen die Kosten in die Höhe. Schon jetzt sei es mitunter ein Problem, wenn Notärzte den Tod feststellen, aber sich nicht bei der Todesursache festlegen können – oder mit Blick auf die rechtlichen Konsequenzen nachvollziehbarer Weise nicht wollen.

Die Folge: Im Zweifelfall werden eben natürlichen Todes bzw. an Krankheiten Gestorbene zu sogenannten „Kripo-Leichen“ und lösen entsprechenden Untersuchungen aus.

Bei der Vorgabe, dass Grabsteine ab 1. Mai 2015 ein Zertifikat benötigen, dass sie nicht aus Ländern mit Kinderarbeit stammen, sehen die Bestatter die Steinmetze in der Pflicht.

Leserkommentare

Leserkommentare (3)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert