Jugendamt muss öfter in Alsdorf eingreifen

Von: ak
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Besuchen die Familien schon wenige Wochen nach der Geburt eines Kindes: Julia Bartkowski (r.) und Melanie Palm haben das Baby-Begrüßungspaket im Gepäck. Foto: Anja Klingbeil

Alsdorf. Die Strukturen, auf die die Jugendhelfer treffen, sind nicht einfach. „Multi-Problem-Familien”, so der Fachjargon, sind oft geprägt von Drogen- und Alkoholsucht, Überschuldung, Gewalt. „Die geschilderten Fälle sind Ausprägung und Brisanz nicht die Regel, aber für uns sind es eben auch keine Ausnahmefälle”, sagt Melanie Palm.

Für die Helfer wird das stete Abwägen zwischen Stabilisierung der Familie und der Frage, wann das nicht mehr möglich ist und das Kind zum eigenen Schutz in eine Pflegefamilie oder ins Heim muss, oft zur Gratwanderung.

Zunehmend werden die Jugendhelfer mit Gewalt in Familien konfrontiert. Das ist nicht nur in Alsdorf so. „Wir sind keine Insel im Kreisgebiet. Alle anderen Kommunen haben auch mit steigenden Zahlen zu kämpfen”, betont Jugendamtsleiter Herbert Heinrichs. Allein die Falldichte ist in Alsdorf so hoch, dass sich gar die Gemeindeprüfungsanstalt des Landes NRW (GPA) nach eingehender Untersuchung stark machen will, damit die Stadt im Nothaushalt mehr Geld für den Bereich Jugend festschreiben darf.

Es ist ein landesweiter Trend, der auch in Alsdorf zu Buche schlägt: Waren es 2007 „nur” 370 kostenwirksame Hilfefälle, wurden bis Ende 2008 bereits 470 pädagogisch betreut. Aktuell sind 45 Kinder und Jugendliche in Heimen untergebracht. 4000 bis 6500 Euro kostet das pro Monat pro Kind.

Die Unterbringung in einer Pflegefamilie ist mit 800 bis 1000 Euro im Monat kostengünstiger. Doch die 45 Pflegefamilien in Alsdorf sind ausgelastet. Zieht eine Familie aus einer anderen Stadt nach Alsdorf, ist das hiesige Jugendamt zuständig, auch für die Kosten eines Kindes, das bereits in einem Heim untergebracht ist.

Der niedrige Mietspiegel sei ein Grund, warum Problem-Familien, darunter viele Hartz-IV-Empfänger, gerne in die Stadt ziehen, sagt Heinrichs. „Die Zahl der privaten Insolvenzen nimmt zu, auch das schafft Probleme in Familien.”

Auf jeden Jugendhelfer kommen im Schnitt 80 Fälle. Drei bis fünf Hinweise pro Tag gehen beim Jugendamt ein. „Die Menschen sind sensibler geworden durch die Schreckensmeldungen von toten Kindern. Viele rufen an, weil sie ein ungutes Gefühl haben. Auch Lehrer, Erzieher und Ärzte sind aufmerksam”, erklärt Heinrichs. Jedem Hinweis wird nachgegangen. Bei Notfällen ist das Jugendamt rund um die Uhr im Einsatz.

„Dann klingelt auch mitten in der Nacht das Telefon”, erzählt Melanie Palm. Wie gehen die Mitarbeiter mit dem um, was sie erleben? „Das fällt natürlich nicht in hohle Bäume”, gibt Julia Bartkowski zu. „Aber wir haben in der Regel ein gesundes Distanzverhältnis zu den Familien”, fügt Melanie Palm hinzu. Sechs bis sieben Mal im Jahr werden mit einer Supervisorin bestimmte Fälle und Vorgänge besprochen.

Die Mitarbeiter tauschen sich zudem aus. „Wir haben ein gut funktionierendes Team, das ist das A und O. Man kann nicht alles mit sich alleine ausmachen”, sagt Julia Bartkowski. Vor allem sind es die Erfolgserlebnisse, die Aufschwung geben. „Wir können in vielen Fällen sehr gut mit den Familien arbeiten”, freut sich Melanie Palm. Das gut funktionierende Netzwerk mit freien Trägern der Jugendhilfe tut sein Übriges. Zudem habe es sich herumgesprochen, dass das Jugendamt nicht die Behörde sei, vor der man Angst haben müsse, weil sie einem das Kind wegnehme. „Im Gegenteil: Viele nutzen unsere offene Sprechstunde, um Hilfe zu erbitten.”
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