Baesweiler - Jüngste Stadt im Nordkreis wird schon 40

Jüngste Stadt im Nordkreis wird schon 40

Von: Stefan Schaum
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Blick auf die Geschichte: Die Stadtrechte waren seinerzeit ein Sonderthema. Foto: Schaum
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Stadtrecht in Schriftform: Bürgermeister Dr. Willi Linkens zeigt die Urkunde, die im Rathaus hängt. Foto: Schaum

Baesweiler. Eine „konsequente Aufwärtsentwicklung“ hatte das Land NRW vor 40 Jahren in der Gemeinde Baesweiler festgestellt. So steht es in der Urkunde zur Verleihung der Stadtrechte, datiert vom 14. Januar 1975. Seitdem hat sich viel getan, vor allem der Strukturwandel war ein großes Thema. Darüber spricht Bürgermeister Dr. Willi Linkens im Interview.

 

Nur drei Jahre nach der kommunalen Neugliederung wurde Baesweiler zur Stadt. War damals schon zusammengewachsen, was sich gemeinsam feiern durfte?

Linkens: Die großen Stadtteile traten zu Beginn der gemeinsamen Zeit sehr selbstbewusst auf. Auch die kleineren Dörfer waren stolz auf ihre eigenen Wurzeln. Was das Wir-Gefühl betrifft, war man 1975 ganz sicher nicht so weit wie heute. Da musste man sich erst zusammenraufen. Aber die Verleihung der Stadtrechte wurde ordentlich gefeiert.

Und im gleichen Jahr kam das Aus für die Kohle. Wie hart traf das Ende der Zeche Carl-Alexander die junge Stadt?

Linkens: Das war eine Katastrophe. Auf einen Schlag fielen 2000 Arbeitsplätze weg. Darunter litten auch die Händler sehr, die damals schwarze Flaggen an den Geschäften hissten. Niemand wusste so richtig, wie es weitergehen kann, die Stadt hatte die höchste Berufsauspendlerquote in der Region. Es sah so aus, als ob Baesweiler nur noch eine Wohn- und Schlafstadt sein kann.

Strukturwandel war also zunächst kein Thema?

Linkens: Der war lange Zeit kein Thema. Erst Mitte der 1980er Jahre gab es Versuche, Unternehmen für eine Ansiedlung zu gewinnen. Das war schwierig, denn der für das Gewerbe vorgesehene Standort bei Beggendorf lag verkehrstechnisch nicht gerade günstig. Überhaupt wurde die Stadt aus Aachener Sicht damals kaum richtig wahrgenommen.

Wir lagen irgendwo draußen im Feld. Ich selbst habe einmal einen Aachener sagen hören: ‚Ihr seid doch die letzte Haltestelle der Buslinie 51.‘ Das hat uns natürlich motiviert. Und als die ersten Ansiedlungen gelangen, sprach Baesweiler sich rum, und es kamen weitere Firmen. Bald liegen wir im Gewerbegebiet bei 4000 Arbeitsplätzen – doppelt so viele wie in Zechenzeiten.

Und kann noch mehr kommen?

Linkens: Das hoffen wir, es laufen noch einige konkrete Gespräche mit Interessenten – und Platz dafür ist auch noch da.

Als der damalige Innenminister Willi Weyer die Urkunde der Stadtrechte überreichte, sprach er davon, dass das Wohnen auf dem Land keine konstruktive Lösung mehr sein könne. Der Trend zur Verstädterung müsse anhalten. Doch Sie betonen immer wieder den Wert der dörflichen Strukturen, den Erhalt der kleinen Schulen vor Ort. Einerseits Stadt sein, andererseits das Dorfleben pflegen – lässt sich das vereinen?

Linkens: Davon bin ich überzeugt. Man muss sicher die große Einheit sehen, aber auch die dörflichen Strukturen erhalten. Ein Kindergarten, eine Grundschule, eine Feuerwehr mit eigener Ausstattung – das sind ganz wichtige Dinge für das Leben im Ort. Wenn sie einen Verein wie die Feuerwehr nicht mehr vor Ort haben, dann schicken sie auch ihr Kind nicht zur Jugendfeuerwehr. Wir wollen die Dörfer weiterhin stärken und attraktiv halten – deshalb fordern wir auch, dass der neue Landesentwicklungsplan den Kommunen mehr Gestaltungsspielraum lässt, was Neubauflächen betrifft.

Wollen die Menschen denn überhaupt noch aufs Dorf ziehen? Eine Infrastruktur ist in den kleineren Dörfern doch so gut wie gar nicht mehr vorhanden.

Linkens: In unseren Dörfern ist sehr wohl eine hohe Lebensqualität vorhanden, eine intakte Nachbarschaft und viele andere Dinge gehören dazu. Aber die kleineren Geschäfte haben leider kaum Chancen. Als das letzte Geschäft in Loverich schloss, stand eine ältere Dame vor meiner Tür und meinte: ‚Da müssen Sie was gegen tun!‘ Ich habe sie dann gefragt: ‚Wann waren Sie denn zuletzt in dem Geschäft?‘

Ihre Antwort war: ‚Ach, schon Monate nicht mehr. . .‘ Läden bekommen wir wohl nicht mehr in die Dörfer. Aber man sieht, dass die Versorgung dennoch funktioniert. Von Puffendorf ist man etwa schnell in Setterich – die räumliche Nähe in der Stadt ist ein großer Vorteil.

Im Jahr der Stadtwerdung wurde auch das Hallenbad an der Parkstraße eröffnet. Zwischenzeitlich wurde viel Geld reingesteckt, das heute immer knapper wird. Lässt sich das Bad noch lange halten?

Linkens: Dazu sind wir fest entschlossen. Gerade der Sportpark soll ein wichtiger Teil im Integrierten Handlungskonzept für die Innenstadt sein, das derzeit entwickelt wird. Da muss manches attraktiviert und saniert werden. Wir hoffen, dass es mit einem guten Konzept und entsprechender finanzieller Förderung durch Bund und Land auch gelingen wird.

Und das Haus Setterich? 2016 läuft die Förderung der hauptamtlichen Stellen aus. Steht das schicke neue Gebäude gleich wieder leer, wenn sie nicht verlängert wird?

Linkens: Zunächst mal hoffen wir, dass sie verlängert wird. Ich gehe auch davon aus. Andernfalls werden wir versuchen, die Arbeit im Haus Setterich mit aktualisierten Konzepten und der Hilfe von Ehrenamtlern zu halten.

Baesweiler hat als letzte Kommune im Nordkreis die Stadtrechte erhalten, die kleinste ist sie nach wie vor. Der Innenminister hat seinerzeit gesagt: ‚Die Stadt Baesweiler braucht sich vor ihren Nachbarn nicht zu verstecken‘. Würden Sie das heute auch so unterschreiben?

Linkens: Absolut. Was die Entwicklung betrifft, scheuen wir den Vergleich mit anderen Städten sicher nicht. Auch die Bürgernähe und das Wir-Gefühl sind bei uns vorzeigbar. Als Stadt von überschaubarer Größe profitieren wir sehr von der Nähe zueinander. Das spürt man.

Auch in Zeiten finanzieller Engpässe? Sie vertrauen sehr darauf, dass 2018 eine Umverteilung von Steuereinnahmen durch den Bund Geld in die Kasse spült.

Linkens: Dazu gibt es ja konkrete Zusicherungen. Kommt das Paket wie von der Koalition beschlossen, werden rund vier Millionen nach Baesweiler fließen. Vorausgesetzt, dass von der Summe unterwegs auf anderen Ebenen nichts hängenbleibt, haben wir wieder finanziellen Handlungsspielraum.

Höhere Umlagen an die Städteregion, fehlende finanzielle Unterstützung in der Sorge für die Flüchtlinge, geringere Schlüsselzuweisungen seitens des Landes – das haben wir nicht in der Hand. Das ärgert mich schon sehr, wie sehr unsere Entwicklung derzeit von außen beeinflusst wird. Andererseits sind wir eine der wenigen Gemeinden, die über ihren Haushalt selbstständig entscheiden können.

Wollen Sie dabei künftig noch mitmischen? Zu einer erneuten Kandidatur in diesem Jahr haben Sie sich bislang nicht geäußert.

Linkens: Aber das werde ich bald tun.

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