Jodtabletten ab September: Vorversorgung soll Ernstfall entschärfen

Von: Kristina Toussaint
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Für der Fall, dass radioaktive Strahlung aus dem belgischen Atomkraftwerk Tihange austritt, müssen die Kommunen der Region das genaue Vorgehen noch abstimmen. Foto: Harald Kroemer
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Start im September: die Erstverteilung der Jodtabletten in der Städteregion. Foto: Oliver Berg

Nordkreis. Ab September beginnt die vorsorgliche Verteilung von Jodtabletten an die Bevölkerung. Die einheitliche Vorbereitung der Kommunen der Städteregion auf einen Ereignisfall verschiebt sich derweil in den Herbst. Nach der Beantragung eines Berechtigungsscheines können ab dem kommenden Monat alle Bürger bis 45 Jahre sowie Schwangere und Stillende unabhängig vom Alter eine Katastrophenration erhalten.

Nach der Beantragung eines Berechtigungsscheines können ab dem kommenden Monat alle Bürger bis 45 Jahre sowie Schwangere und Stillende unabhängig vom Alter eine Katastrophenration erhalten. innerhalb von drei Monaten sollen die Kaliumiodtabletten in allen Haushalten bereit liegen, so die Planung der Kommunen.

Für den Ereignisfall will die Städteregion ein einheitliches Verteilungskonzept für die Kommunen etablieren. Im Arbeitskreis Kritis hat das Fachamt der Städteregion bereits im März gemeinsam mit den Ordnungsämtern der regionsangehörigen Kommunen abgestimmt, wie die Verteilung im Falle eines Größten Anzunehmenden Unfalls (Gau) ablaufen soll.

Ein möglichst einheitliches System war hierfür im Vorfeld gewünscht worden. Das bezog sich insbesondere auf die räumliche Festlegung: Werden die Tabletten in einem Ort in den Wahllokalen verteilt, im nächsten aber in den Schulen, könnte das Verwirrung in den benachbarten Kommunen stiften.

„Auf Basis der geltenden Rahmenbedingungen im Katastrophenschutz „ ist im März ein Konzept entworfen und in den Kommunen vorgestellt worden, sagt Detlef Funken von der Städteregion. Die weitere Beschäftigung mit dem Thema werde dann erst im Herbst stattfinden. parallel zur Vorverteilung.

In einem Nuklearfall ist es von größter Bedeutung, die Jotabletten möglichst schnell einzunehmen: radioaktives Jod, das im Katastrophenfall freigesetzt würde, wird im menschlichen Körper von der Schilddrüse aufgenommen und mit einer Halbwertszeit von 120 Tagen eingespeichert.

Mithilfe des nicht radioaktiven Jods in den hoch dosierten Kaliumtabletten ist es dem Körper möglich, eine „Jodblockade“ zu errichten – ist die Schilddrüse mit Jod gesättigt, kann kein radioaktives Jod mehr aufgenommen werden. Im Falle eines Reaktorunfalls in Belgien wär es also notwendig, unverzögerten Zugriff auf die Tabletten zu haben – wirksam ist der Aufbau einer Jodblockade nur binnen weniger Stunden.

In einer solchen Situation zwischen 27 000 und 40 000 Bürger innerhalb von Stunden mit Jodtabletten zu versorgen, klingt utopisch. „Wenn in einer Katastrophensituatiom 40 000 Menschen beginnen zu flüchten, wäre die flächendeckende Verteilung kaum noch regelbar“, sagt auch Jürgen Kochs, Leiter des Alsdorfer Ordnungsamts.

Nicht genau berechenbar

In einem Nuklearfall gebe es zudem viele Faktoren, die im Vorfeld nicht genau berechenbar seien. Je nach Windrichtung ändert sich nicht nur die Bewegung einer möglichen nuklearen Wolke, sondern dementsprechend auch die Richtung, in die sich die Menschen begeben würden. Die günstigsten Punkte für eine Tablettenverteilung seien somit im Vorfeld nicht zuverlässig planbar.

Die Entscheidung über die Verteilungsstellen hängt zudem auch mit der Frage zusammen, wer verteilen soll. Die Überlegung, Gerätehäuser der Feuerwehr zu benutzen, wirft die Frage auf, ob die Feuerwehren im Ernstfall nicht genug andere Aufgaben zu bewältigen haben.

Eine Verteilung in den Schulen würde eine Ausnahme von einem NRW-Erlass bedürfen, laut dem Lehrer nicht verpflichtet werden können, Medikamente an Schüler zu verteilen. Neben der Tablettenverteilung gilt es, für den Katastrophenfall viele andere Aspekte zu regeln: So sollen beispielsweise Sirenen an verschiedenen Standorten reaktiviert werden.

Viele Fragezeichen also, die die Kommunen darin bestätigen, sich zunächst mit Hochdruck auf eine möglichst flächendeckende Vorverteilung zu konzentrieren. „Nur mit einer umfassenden Vorverteilung können wir sicherstellen, dass im Katastrophenfall alle Bürger, die Tabletten nehmen wollen, welche bekommen“, so Funken.

„Auch wenn wir im Moment nicht vom Katastrophenfall ausgehen, wäre es jederzeit möglich, die Kommunen zur sofortigen Tablettenausgabe anzuweisen.“ Die Jodpräparate sind nämlich bereits den Kommunen zugeteilt und dezentral eingelagert worden. Parallel zur Vorverteilung werde sich die Politik im Herbst dann näher mit dem Katastrophenfall beschäftigen.

Ein Onlineportal zur Beantragung von Berechtigungsscheinen soll bis Anfang September freigeschaltet werden. In der 100 Kilometer umfasenden „Außenzone“ um den Reaktor in Tihange, in der sich die Städteregion befindet, geht es im Falle eines Gaus um die Vermeidung von Spätschäden, also vermehrte Krebserkrankungen und Missbildung bei Neugeborenen. Auf Grundlage von Erkenntnissen aus dem Reaktorunfall in Fukushima geht die Deutsche Strahlenschutzkommission davon aus, dass akute Schäden hier nicht zu erwarten sind.

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