Jobcenter bremst den Umzugswagen aus

Von: Stefan Schaum
Letzte Aktualisierung:
10582795.jpg
Das Warten auf die Zustimmung des Jobcenters hat sich gelohnt: Walter und Ursula Etschenberg freuen sich darüber, dass sie einer jungen Mutter und ihrer kleinen Familie eine Wohnung vermieten können, die ihren Bedürfnissen entspricht. Foto: Stefan Schaum

Alsdorf. Immerhin: der Umzug ist geschafft. Am vergangenen Samstag ist in Alsdorf ein Transporter von der Annastraße an die Schaufenberger Straße gefahren. Er hat eine kleine und vom Schicksal gebeutelte Familie und ihr Mobiliar in eine für sie sehr viel besser passende Wohnung gebracht. Doch der Weg dahin war lang, selbst wenn zwischen den beiden Orten bloß ein paar Meter liegen.

Denn die Route führte zwingend über das Jobcenter, das sich zunächst zwei Mal quer stellte und dann gar nicht mehr meldete. Geklappt hat am Ende alles wohl nur deshalb, weil der Vermieter der neuen Wohnung Walter Etschenberg heißt. Er war 1986 Mitbegründer des Hilfswerks „Menschen helfen Menschen“ unserer Zeitung – und hat schon so manch leidvolle Erfahrung mit dem Jobcenter machen müssen, wie er sagt.

Der jüngste Fall begann vor gut vier Wochen. Da las eine 33-jährige Alsdorferin, die ihren Namen an dieser Stelle aus Furcht vor weiteren Reibereien mit dem Jobcenter nicht lesen möchte, in der Zeitung sein Inserat. Eine Wohnung in der ersten Etage auf dem Hof der Etschenbergs, 86 Quadratmeter groß, das klang passend.

Denn die bisherige passte schon lange nicht mehr: 74 Quadratmeter hat sie zwar, aber in der zweiten Etage, 35 Stufen hoch. Dort hinauf zu kommen, war kaum noch machbar für den Lebensgefährten der jungen Frau. Seit Jahren leidet er unter der Darmerkrankung Morbus Crohn, auch ein schweres Rückenleiden und eine Schmerzstörung im rechten Knie machen es ihm unmöglich, weiterhin im Gartenbau zu arbeiten.

Die Frau sagt: „Jede einzelne Treppenstufe ist mittlerweile für ihn eine Qual.“ Ein gemeinsames Kind hat das Paar, sieben Jahre alt ist die Tochter und stark sehbehindert.

Wer braucht die Wohnung?

Das Leben mit und von Hartz-IV begleitet die Familie seit langem. Zwar will die Mutter, die früher in einer Bäckerei hinter der Ladentheke stand, zurück in den Verkauf – „doch bislang hat das leider nicht funktioniert“. Aufgeben will sie nicht, kämpfen kann sie. Wie jetzt.

Als sie beim Vermieter Etschenberg anrief und sich vorstellte, war sie beileibe nicht die erste. Sage und schreibe 150 Interessenten standen am Ende auf seiner Liste. Etschenberg sagt: „Der Ansturm auf Mietwohnungen ist momentan einfach enorm, das ist schon Wahnsinn!“ Solch eine große Auswahl an Kandidaten dürfte manch anderem Vermieter durchaus gefallen.

Der sucht sich einen Mieter aus, der ihm am besten passt. Keine Tiere, keine Kinder? Aber gerne! Etschenberg jedoch hat diese Vielzahl vor eine ganz andere Frage gestellt: „Wer kann die Wohnung wohl am besten brauchen?“ Denn stets sozial eingestellt, will er auch als Vermieter seinen Teil dazu beitragen, „dass eine bedürftige Familie gut leben kann“. Als er bei der jungen Mutter nachhakte und die von ihrer Geschichte erzählte, war ihm gleich klar: diese drei sollen bei ihm einziehen!

Mit ihren Umzugsplänen wurde die Frau im Jobcenter vorstellig. Dort lehnte man prompt ab. Nicht etwa, weil die neuen Mietkosten zu hoch waren. Sondern die Nebenkosten. Und zwar um 14,60 Euro. Tipp des Beraters: „Sprechen Sie doch mal mit dem Vermieter, ob der das noch drücken kann.“ Das konnte er zwar. Aber er sagt dazu: „So ein Schwachsinn. Nebenkosten sind doch ohnehin flexibel. Wer kann schon sagen, wie kalt der nächste Winter sein wird?“

Jedenfalls ist die Frau dann mit neuen Nebenkosten zurück zum Jobcenter. Dort hieß es: wir prüfen und melden uns. Tags darauf eine telefonische Nachfrage. „Auf welcher Etage liegt die neue Wohnung noch mal?“ „Auf der ersten.“ „Gut, wir melden uns.“ Was folgte, war die erneute Ablehnung. Denn: Auch die neue Wohnung ist nur über Stufen erreichbar. Elf Stück sind es, also nur gut ein Drittel der bisherigen. Der Mann traut sich das zu. Aber das Jobcenter traut es ihm nicht zu. „Man hat mir gesagt, dass sich seine Krankheit doch weiter verschlimmern könne, und dass wir dann gleich wieder umziehen müssen“, sagt die Lebensgefährtin.

Man spürt, dass dieser Satz ihr ordentlich zugesetzt hat. Eine Ablehnung mit Blick auf Dinge, die noch gar nicht sind? Geht das an? „Nein“, sagt Etschenberg. Er hat der Frau geraten, Widerspruch einzulegen. Daraufhin hieß es, dass die Leiterin des Jobcenters in Alsdorf sich persönlich melden werde. Und als das auch nach Tagen nicht geschah, erfuhr die Frau auf Nachfrage, dass die Leiterin in Urlaub war. . .

Letztlich hat sie die erforderliche Bescheinigung zwar bekommen. Doch eines ist ihr klar: „Ein anderer Vermieter hätte wohl kaum so lange gewartet, bis ich das alles geregelt hatte. Der hätte einfach jemand anderen genommen.“ Ihr Verdacht: „Ich sollte mürbe gemacht werden, um in der alten Wohnung zu bleiben.“

Erhöhte Arbeitsbelastung

Horst Mendez, Sprecher des Jobcenters für die Städteregion Aachen, sagt auf Nachfrage unserer Zeitung, dass nicht von Mürbemachen die Rede sein könne – sondern dass bei einer Bewilligung um nackte Zahlen. „Es gibt klare Richtlinien, die wir beachten und an die wir uns halten müssen.“ Was den fehlenden Rückruf betreffe: Die erhöhte Arbeitsbelastung einzelner Kollegen während der Ferienzeit könne da eine Rolle gespielt haben. „Die Kollegen sind aber immer daran interessiert, die Arbeit zügig zu erledigen und den Menschen zu helfen.“

Walter Etschenberg sieht das anders. Häufig hat er im Rahmen seiner ehrenamtlichen Arbeit für das Hilfswerk auch Kontakt zum Jobcenter gehabt. Beziehungsweise: versucht, ihn zu bekommen. Oft hat er auf einem Band seine Nummer hinterlassen – und keinen Rückruf erhalten. „Erreicht man jemanden wird oft hoch und heilig versprochen, Dinge schnell zu prüfen.

Und dann werden die betreuten Personen am Ende von den Beratern doch bloß angefertigt.“ Das kenne er aus seiner beruflichen Erfahrung anders, sagt der ehemalige Verwaltungsleiter des Kreisgesundheitsamtes. „Es kann doch nicht Aufgabe des Jobcenters sein, dafür zu sorgen, dass Menschen resignieren.“

Leserkommentare

Leserkommentare (1)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert