Jazzpianistin Marialy Pacheco: „Klavierspiel ist für mich wie Liebe“

Von: Stefan Schaum
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Virtuos und improvisationsfreudig: Musikerin Marialy Pacheco sieht im Jazz eine Welt ohne Grenzen und voll purer Poesie. Foto: Sabine Kühne

Alsdorf. Ihr Klavierspiel begeistert nicht nur die Jazzfans. Marialy Pacheco gilt als Ausnahmetalent in der Szene und hat als Musikerin bereits etliche Preise abgeräumt. Nun ist sie erstmals live in der Region zu hören. Vor ihrem Auftritt im Alsdorfer Energeticon spricht sie über die musikalischen Wurzeln und die Entwicklung in ihrer kubanischen Heimat.

Sie haben in Havanna eine klassische Klavierausbildung genossen. Wann haben Sie entschieden, stattdessen lieber Jazz zu machen?

Pacheco: Das war keine Entscheidung von heute auf morgen, es war eher ein Prozess, eine Notwendigkeit. Eine Möglichkeit, meinen eigenen Weg zu finden – einen Weg, durch den ich meine Musik ohne Grenzen ausdrücken konnte. Dieser Prozess hat angefangen, als ich 18 Jahre alt war. Meine Tante hat mir das „Köln Konzert“ von Keith Jarrett als Geschenk gegeben und das war der Anfang meiner endlosen Liebe für den Jazz.

Worauf legen Sie beim Komponieren Wert, welche Elemente betonen Sie gern in Ihrer Musik?

Pacheco: Komponieren ist für mich, wie eine Geschichte zu erzählen. Es geht um Erfahrung, um Sachen in meinem Leben. Dinge, die mich tief berühren, Momente, Orte. Ich habe Komposition studiert an der Havanna Musik Universität und dort habe ich auch die notwendigen Kompositionstechniken gelernt, die man braucht, um gut komponieren zu können.

Das finde ich auch sehr wichtig, denn die Intuition hat ihre Grenzen. Ich komme aus Kuba – und die Farbe und musikalische Tradition meiner Heimat ist immer zu hören wenn ich komponiere. Außerdem gibt es viele Elemente und Einflüsse in meiner Musik aus Europa, Amerika, Brasilien, Australien. Aber im Grunde genommen denke nicht so viel darüber nach. Ich lasse es so passieren, es ist viel ehrlicher, wie ich finde.

Sie haben sich für Deutschland als Heimat entschieden – ein guter Ort für den Jazz?

Pacheco: Es ist insgesamt ein guter Ort für Musik und für Kunst. Deutschland ist das Land von Brahms, Beethoven, Bach. Ein Land mit einer reichen, musikalischen Tradition – eigentlich wie Kuba, nur halt hauptsächlich in der Klassik. Ich bin mit 22 Jahren erstmals nach Deutschland gekommen und hier geblieben. Meine Beziehung zu Deutschland war, vor allem am Anfang, nicht immer so einfach.

Ich hatte einen regelrechten Kulturschock. Es ist ja eine total andere Welt, wenn ich es mit Kuba vergleiche. Aber ich bin sehr froh hier zu sein und Deutschland, wenn man das so sagen kann, sehr dankbar. Hier habe ich so viel gemacht, so viele Konzerte gegeben, so viele CDs aufgenommen, so viele besondere Menschen kennengelernt. Hier habe ich jetzt mein Leben und heute ist Deutschland meine zweite Heimat.

Ihr Heimatland öffnet sich derzeit für Investoren, es gibt eine neue Reisefreiheit. Wie erleben Sie den frischen Wind auf Kuba aus der Ferne? Spielen auch solche Dinge eine Rolle in Ihren Werken?

Pacheco: Das mit Kuba wird ein langer Prozess werden. Ich bin erst seit zehn Tagen wieder zurück aus Kuba – davor war ich zehn Jahre, eben aufgrund der strengen Reisebedingungen, nicht mehr dort. Natürlich gibt es ein paar Veränderungen in der Politik, aber das Leben ist genauso hart wie es immer war – so zumindest mein Eindruck auf der Straße.

Für die Leute in Kuba wird es vor allem ein schwerer Lernprozess sein, mit den „neuen“ Umständen zu leben, oder die überhaupt zu verstehen. Das wird wohl das Schwierigste. Wir hatten so viele Jahre das gleiche System und die Leute können und kennen nichts anderes. Es wird sehr spannend, aber auch sehr anstrengend und ernüchternd für einige werden. Und nein, solche Dinge spielen keine Rolle in meinen Werken oder Kompositionen – vielleicht aber unbewusst.

Als erste Frau haben Sie die „Solo Piano Competition“ beim Jazz-Festival in Montreux gewonnen. Wie beurteilen Sie den Sieg: Ist das auch ein Wegweiser für andere Pianistinnen?

Pacheco: In Montreux zu gewinnen, war für mich ohne Zweifel einer der wichtigsten Momente in meinem Leben. Für mich war der Sieg viel mehr als nur einfach zu gewinnen, sondern auch eine Bestätigung dafür, dass ich offenbar gut genug war, die Jury und auch das Publikum zu überzeugen und es richtig ist, wie ich es und was ich mache.

Ich muss mich nicht verstecken, ich habe die Möglichkeit mit meiner Musik etwas zu sagen und die Leute hören zu. Als Frau ist auch so ein Sieg sehr wichtig, besonders für andere junge Jazzpianistinnen, und ich hoffe sehr, dass in der Zukunft noch mehr Frauen reinen Instrumental-Jazz spielen. Am Ende zählt die Qualität.

Die Jury hat vor allem Ihre Spielfreude gelobt. Beschreiben Sie doch einmal Ihre Verbindung zu dem Instrument?

Pacheco: Liebe! Das Instrument ist wie ein Spiegel, der meine Reflexion in Musik umwandelt.

Was bedeutet Jazz für Sie? Ist er vor allem ein Ausdruck von Lebensgefühl?

Pacheco: Freiheit, Ehrlichkeit, eine Welt ohne Grenzen, wo alles möglich ist, pure Fantasie.

Mancher findet den Jazz zu verkopft, zu schwer zu verstehen. Zu Recht?

Pacheco: Schwer zu verstehen? Was bedeutet das? Vielleicht ist genau das das Problem. Wir sollten aufhören, immer alles verstehen zu wollen, dadurch verliert alles im Leben an Magie – noch extremer wird es mit Musik. Im Jazz geht es um Kreativität, um Individualismus.

Es ist abstrakt, es gibt keine Worte. Die Musik spricht für sich, da gibt es nichts zu verstehen. Entweder sie bewegt uns oder bewegt uns nicht. Leider sind unsere Ohren heutzutage konstant schlechter, inhaltloser Musik ausgeliefert, die wir noch dazu wie Verrückte konsumieren.

Dadurch sind wir leider offenbar nicht mehr in der Lage, auf die Tiefe von Musik einzugehen, oder uns darauf einzulassen. Es ist traurig.

Welche Rolle spielt die Bühne für Sie? In Alsdorf werden Sie in einem ehemaligen Zechengebäude auftreten – beeinflusst der Ort die Musik?

Pacheco: Die Bühne ist für mich sehr wichtig und das Publikum auch. Ich werde fast depressiv, wenn ich leere Stühle sehe (lacht). Ich denke aber, der Ort beeinflusst nicht meine Musik.

Sicherlich ist nicht jede Art Musik für jeden Ort geeignet, aber als Künstler sollte man offen und in der Lage sein, sich entsprechend einzustellen – und manchmal funktioniert es gerade da, wo man es selber nicht erwartet hat.

Der Trompeter Joo Kraus wird beim Auftritt Ihr Begleiter sein. Er hat ebenfalls auf Kuba musikalisch gearbeitet. Wird die Musik auch eine Hommage an dieses Land sein?

Pacheco: Mit Joo Kraus zu spielen ist für mich eine große Ehre. Vom ersten Moment an, wo ich ihn gehört habe, war ich in seine Art zu spielen verliebt. Dazu kommt, dass Joo viel mit dem kubanischen Pianisten Omar Sosa gespielt hat – einer unserer Stars – und für ihn sind afrokubanischer Jazz und kubanische Musik keine fremden Welten.

Unser Konzert wird aber keine Hommage an Kuba. Wir werden viel mehr machen, als nur kubanische Musik zu spielen. Was genau, wissen wir auch noch nicht – lassen wir uns alle überraschen.

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