IT-Experte: „Bargeld ist geprägte Freiheit“

Von: Pia Sonntag
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Nicht nur eine Frage der Perspektive: Ob an der Kasse bar oder mit Karte gezahlt wird, ist für die einen Einstellungssache, für andere ein Sicherheitsfaktor. Foto: Colourbox

Nordkreis. Für viele Deutsche ist es nach wie vor unvorstellbar, kleine Beträge mit Karte zu bezahlen – in Schweden etwas ist das mittlerweile vollkommen normal: Immer mehr schwedische Banken haben den Bargelddienst in den Filialen eingestellt. Auch in den Niederlanden wurde bereits vor Jahren mit der Kampagne „klein bedrag, pinnen mag“ (kleiner Betrag, Kartenzahlung erlaubt) für bargeldloses Einkaufen im Supermarkt geworben.

Das deutsche Bundesfinanzministerium teilte jüngst mit, es könne sich bei Bargeldzahlungen eine Obergrenze von 5000 Euro vorstellen, um Geldwäsche und Terror zu bekämpfen. Bis zu einer generellen Abschaffung des Bargeldes wäre es dann kein großer Schritt mehr.

Bei einer Umfrage unserer Zeitung unter Kunden am Annapark haben sich die meisten indes gegen die Abschaffung des Bargeldes aussprechen (siehe oben).

Bei Vertretern aus dem Handel hingegen fielen die Meinungen geteilt aus. Der Leiter der Takko-Filiale in Alsdorf, Markus Bauer aus Herzogenrath, findet es „nicht schlimm“, würden die Kunden nur noch mit EC- oder Kreditkarte zahlen.

„Die Kasse würde am Ende immer stimmen. Außerdem fallen wir dann nicht mehr auf Betrüger rein, die mit Falschgeld bezahlen“, meint er. Eine Mitarbeiterin sei bereits Opfer von Geldtrickbetrügern geworden. Deswegen würde er dem Bargeld nicht hinterhertrauern.

Der Pressesprecher der Aachener Polizei, Paul Kemen, glaubt allerdings nicht, dass dies für die Aufklärung von Kriminalfällen hilfreich sein könnte: „Trickdiebe finden andere Wege, um zu betrügen. Natürlich würde mit der Abschaffung des Bargeldes in Deutschland das oberste Beuteziel, nämlich Bargeld zu ergattern, wegfallen.

Trickbetrüger, Diebe und andere unliebsame Zeitgenossen müssten sich umorientieren. Aber die Erfahrung zeigt, dass dies recht schnell geht. Die Konzentration wird dann auf der Computerkriminalität liegen.“

Auch der Konrad Hirnsberg, Apotheker in Alsdorf, stünde einem Wegfall des Bargelds skeptisch gegenüber. „Pro Tag gibt es ungefähr 20 Kartenzahlungen und im Vergleich 180 Barzahlungen. Daran erkennt man, dass die Kunden zur Bargeldzahlung tendieren“, erklärt der Apotheker. Vor allem kleinere Beträge würden die Kunden bar bezahlen.

Bargeld genieße gerade in Deutschland nach wie vor einen hohen Stellenwert in der Bevölkerung, sagt auch Maximilian Leithold von der Aachener Bank. Dies zeige sich auch daran, dass 2015 noch über 50 Prozent aller Transaktionen mit Bargeld abgewickelt wurden. „Aus Bankensicht befinden wir uns hier in einem Spannungsfeld.

Unsere Kunden erwarten eine umfassende und kostenlose Bargeldver- und -entsorgung rund um die Uhr. Zur gleichen Zeit aber beschäftigen uns steigende Kosten im Rahmen der Bargeldlogistik“, sagt der Pressesprecher der Aachener Bank. Technik und Infrastruktur seien mit hohem Aufwand verbunden. Daher würde eine Bargeldabschaffung für Banken für große Kostenvorteile sorgen.

Auch Jens Ferner, Fachanwalt für IT-Recht aus Alsdorf, sieht eine Abschaffung des Bargeldes kritisch. „Es geht weniger um den Datenschutz allgemein, als vielmehr um grundrechtliche Fragen und nicht zuletzt die Frage der Würde eines jeden Einzelnen.“ Das Bundesverfassungsgericht habe das Grundrecht auf informationelle Selbstbestimmung geschaffen, damit jeder von uns theoretisch bestimmen kann, inwieweit er Teil der Öffentlichkeit ist und wo er die Grenze seiner eigenen Privatheit zieht.

Vom russischen Dichter Fjodor Dostojewski stamme das Zitat: „Geld ist geprägte Freiheit.“ Heute, so Ferner, müsse man ergänzen: „Bargeld ist geprägte Freiheit.“ Denn ein vollständiger Wegfall des Bargelds oder eine Einschränkung durch Obergrenzen würden dazu führen, dass Zahlungsverkehr nachvollziehbar wird.

„Schon heute werden Kartenzahlungen durch Zahlungsanbieter ebenso analysiert wie große Geschäfte und Online-Shops das Verhalten ihrer Kunden analysieren. Ein vollständig Personen zuzuordnender Zahlungsverkehr bedeutet, dass jedes Geschäft einer Person und einem Verhaltensmuster zuzuordnen sind“, sagt der IT-Experte.

Eine Einschränkung des Bargeldverkehrs gefährde in erheblichem Maße die Selbstbestimmung der Menschen, es würde jeden für Staat und Wirtschaft analysierbar und im negativsten Wortsinn „gläsern“ machen, sagt Ferner.

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