Interview: Schüler-Erfolge liegen ihm besonders am Herzen

Von: Beatrix Oprée
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Hat in Herzogenrath Zeichen gesetzt: Daniel Bick, langjähriger Leiter der Europaschule. Foto: Beatrix Oprée

Herzogenrath. Er ist der dienstälteste Schuldirektor im Nordkreis: 1991 wurde Daniel Bick Leiter der neuen Gesamtschule in Merkstein. Vorher hatte er bereits die Heinrich-Heine-Gesamtschule in Aachen mit gegründet und als Organisationsleiter betreut. Viel Erfahrung brachte er also mit, als er seinerzeit seinen neuen Posten in der Immobilie der auslaufenden Realschule am Langenpfahl antrat. Nach 24 Jahren geht er nun, nahezu 65-jährig in den Ruhestand.

Länger zu bleiben wäre keine Option gewesen?

Bick: Die Regellaufzeit ist beendet. Früher zu gehen, war nie ein Thema, länger zu bleiben auch nicht. Als Schulleiter leitet man eine Behörde. Der Vertrag für den Auftrag, den mir die Stadt und das Land dankenswerter Weise übertragen haben, endet nun. So ist das halt.

Was hatte Sie, gebürtig in Herne in Westfalen, der in Neuss und Bonn studiert hat, damals nach Aachen gezogen?

Bick: Ins Rheinland war ich als Student meinen Freundinnen gefolgt ... Nach dem Studium war ich dann acht Jahre Lehrer in Köln-Zollstock und dort an der Gründung einer zwölfzügigen Schule beteiligt. Dann will man beruflich weiter kommen. So habe ich mich in Aachen beworben, wo außerhalb Kölns linksrheinisch die erste Gesamtschule gegründet wurde.

Die in dieser Frage zerstrittene Aachener Politik hatte besonderes Interesse an einer pragmatischen Lösung - so wurde die damals für Gesamtschulen übliche Doppelspitze mit Bewerbern aus Köln besetzt - und zwar paritätisch aus CDU und SPD. Ich bin seit 1969 SPD-Mitglied. Wer fremd irgendwo hinkommt, ist durch die örtlichen Gegebenheiten nicht belastet. Das war damals ein kluger Schachzug der Aachener Politik.

Und dann Herzogenrath. Wie war denn das damals, als die Rodastadt Ihnen den Auftrag übertragen hat?

Bick: Der damalige Stadtdirektor Helmut Lesmeister hatte bei mir anfragen lassen, über die SPD. Folkert Schulz war das seinerzeit. Innerparteilich hatte es eigentlich noch einen anderen Kandidaten gegeben... Letztlich war die Wahl aber auf mich gefallen.

Der innerparteiliche Machtkampf war aber nicht die einzige Unwägbarkeit gewesen...

Bick: Es war die richtige Entscheidung der Stadt, die Gesamtschule schnell zu gründen. Die SPD hatte es aber versäumt, die Opposition mit ins Boot zu holen. So war das anfangs durchaus eine schwierige Lage, weil keine gemeinsame Basis geschaffen worden war. Aber als Schulleiter muss man mit allen Fraktionen und der Verwaltung zusammenarbeiten, und den größtmöglichen Konsens finden.

Irgendwann ist das Konzept Gesamtschule aber auch bei der damaligen Opposition angekommen ...

Bick: Bei der Schulgründung gab es viel Skepsis, schließlich hat es sich aber erwiesen, dass ein zukunftsweisender Weg beschritten wurde. Mit einem Jahr Versatz wurden dann ja auch in CDU-Gemeinden Gesamtschulen gegründet.

In Herzogenrath hatte es aber auch eine ungewöhnliche Elternaktion gegeben ...

Bick: Ja, 1995, beim Wechsel von der SPD auf die erste schwarz-grüne Kooperation. In Grundschulen wurde damals Stimmung gegen die Gesamtschule gemacht – zur Anmeldezeit. Mit Eltern haben wir in einer Krisensitzung daraufhin eine Gegenkampagne initiiert. Die Eltern schalteten Kleinanzeigen in der Tagespresse mit werbenden Sätzen für die Gesamtschule, ihren Namen und Kontakttelefonnummern für weitere Infos über ihre guten Erfahrungen mit unserer Schule. Die Resonanz war beeindruckend.

Die eigentliche Schulgründung ist seinerzeit aber glatt verlaufen?

Bick: Ja, vor allem, weil die Integration der auslaufenden Schulen, der Real- und der Hauptschule in Merkstein, damals gut gelungen ist. Die Realschule hatte seinerzeit zu wenig Anmeldungen und hätte keine Zweizügigkeit mehr erreichen können. Die Hauptschule war hingegen voll. Es war damals hart für die Stadt, diese zu schließen.

Die Eltern aber forderten eine Gesamtschule. Im Gebäude der Realschule haben wir dann angefangen, ich erinnere mich noch genau an unser Provisorium aus Campingmöbeln, weil das Mobiliar noch nicht geliefert war. Real- und Hauptschule konnten bis zum letzten Tag an Ort und Stelle bleiben, zum Schluss war die Realschule nur noch mit wenigen Schülern im Hauptschulgebäude vertreten. Es hat sie nur 21 Jahre gegeben. Die Kooperation der damaligen Schulleiter ist sehr gut gewesen.

Und parallel hat sich die Gesamtschule entwickelt ...

Bick: Man baut eine Schule über zehn Jahre auf. Sie muss erst funktionieren, und dabei entwickeln sich verschiedene Profile. Seit 1992 schon gab es bei uns Schüleraustausche mit den Niederlanden. Zunächst mit dem College Rolduc, später mit Schulen in Utrecht und Landgraaf. Heute haben wir 16 Schulkooperationen in ganz Europa. 2002/3 kam der Kulturbereich dazu, seit 2004 besteht die Kooperation mit dem Theater Aachen. Entsprechend verändert sich das Personal, Lehrer gehen weg, andere fühlen sich angesprochen und bewerben sich ganz bewusst.

Zurzeit bieten wir viele Schülerbetriebspraktika im Ausland an, unter anderem in den Niederlanden und Belgien, so etwa im Airport-Competence-Center in Maastricht, aber auch bei einer Firma in Istanbul, die Klimaanlagen herstellt. Eine Schule lebt davon, dass man weiß, wohin sie sich in den kommenden fünf bis zehn Jahren entwickeln soll. Darauf muss man hinarbeiten – und nicht jedes Jahr etwas Neues erfinden oder dem Zeitgeist hinterherlaufen. Eine Schule zu leiten, ist wie laufen – man muss immer so schnell sein, dass einen die anderen nicht einholen, und so langsam, dass man nicht stürzt.

Sprachen spielen eine große Rolle an der heutigen Europaschule – wann hat die Merksteiner Gesamtschule diesen Titel bekommen?

Bick: Die Einführung der Europaschulen im Jahr 2007 war für uns eine Steilvorlage. Schon 2008 waren wir bei den ersten dabei, im Sommer 2014 wurden wir re-zertifiziert. Drei Gesamtschulen sind übrigens jetzt zum Bundeskongress der Europaschulen in Berlin eingeladen, wir sind dabei. In allen vier Sprachen - Englisch, Französisch, Spanisch und Niederländisch - unterrichten bei uns auch Muttersprachler. Zudem gibt es eine kleine Gruppe Lateinschüler - in der Oberstufe für Schüler, die mindestens schon zwei Sprachen haben. Und wir haben darüber hinaus Lehrer aus Portugal, Polen und dem Iran.

Worauf sind Sie besonders stolz?

Bick: Seit 25 Jahren in Folge hatten wir immer mehr Anmeldungen als Plätze an der Schule. In Kohlscheid, dem zweiten Gesamtschul-Standort, setzt sich das nun fort. 25 Jahre am Stück immer die Klassen voll zu haben, das ist schon was. Wobei ich das Gymnasium nie als Konkurrenz gesehen habe.

Und wenn Sie die zweieinhalb Jahrzehnte als Schulleiter reflektieren, was wärmt das Herz des Scheidenden an meisten?

Bick: Der lockere Umgang mit den Schülern. Und dass viele immer gerne zurückkommen. Natürlich auch die Erfolge der Schüler. Im jetzigen Abi-Jahrgang etwa sind zwei Schüler, die eigentlich auf die Förderschule sollten, wäre es nach den Empfehlungen der Grundschulen gegangen. Jetzt haben die beiden Abitur gemacht. Im 5. Schuljahr schon klar zu machen, wohin es gehen soll – solchen Determinismus lehne ich ab.

Auf Grundschulempfehlungen geben Sie also nicht viel?

Bick: Seit 1991 haben wir für alle Schüler verfolgt, mit welchen Empfehlungen sie zu uns gekommen sind und was sie letztlich erreicht haben. Die Trefferquote bei den Empfehlungen beträgt keine 50 Prozent.

Sehen Sie die Gesamtschule also als Gebot mit Blick auf die Schülerentwicklung?

Bick: Der Schulkonsens hat zur Entspannung der Schullandschaft beigetragen. Integrative Schulen wurden über politische Grenzen hinweg möglich. Eine Abschulung sollte aber vermieden werden: Eine Schule hat ein Problem mit einem Schüler und eine andere soll es lösen – da kann ich nur gegen sein.

Bekanntlich haben Sie einen guten Draht ins Ministerium ...

Bick: Das ist mein Beruf. Man muss ständig Mehrheiten finden, Geld besorgen und schauen, dass einen die Leute, mit denen man zu tun hat, als verlässlichen Partner sehen. Im Laufe der Zeit wachsen natürlich auch Verbindungen.

So kann man davon ausgehen, dass auch das Kulturagenten-Programm fortgesetzt wird an Ihrer Schule?

Bick: Dieses Förderprogramm des Landes wird im Sommer für einen Teil der Schulen fortgesetzt. Wir sind dabei. In der Summe ist das schon schwierig, was den Support angeht. Die Stadt trägt zwar das Projekt moralisch mit, wir aber tragen die über die Förderung hinaus gehenden tatsächlichen Kosten –über eingeworbene Eigenmittel. Wer Kultur haben will, muss sie auch selbst zahlen. Das ist generell die Schwierigkeit: in der Langstrecke durchzuhalten und das, was man den Eltern versprochen hat, umzusetzen.

Was werden Sie im Ruhestand am meisten vermissen?

Bick: Das weiß ich heute noch nicht ... Mit Sicherheit die beiden schulischen Schwerpunkte: den europäischen Rahmen und die kulturelle Arbeit. Ich sehe mich aber noch nicht als raus oder gar frei … Ich habe hier einen wirklich luxuriösen Arbeitsplatz – ich bin zwar jeden Tag gefordert, mein Job ist aber auch ungemein vielfältig. Oder sagen wir so: Man ärgert sich über bestimmte Dinge, geht aber auch jeden Tag wieder mit Freude zur Arbeit. Lehrer sind da schon wesentlich stärker in einen formalen Rahmen eingebunden.

Und die Aufgaben werden nicht leichter. Thema Inklusion: Wie stehen Sie zu dieser Herausforderung?

Bick: Inklusion ist zwingend erforderlich im Rahmen der gesellschaftlichen Entwicklung. Sie ist eine gesellschaftliche Aufgabe. Die Schwierigkeit für die Schulen ist aber, dass die Inklusion sehr plötzlich auferlegt wurde. Es gab wenig Zeit für vorbereitende Arbeit. Ein großes Manko ist, dass die Lehrer nicht ausgebildet waren. Klar, in anderen Berufen ändern sich die Anforderungen auch ständig... Wir haben in jedem Jahrgang Inklusionskinder, im Durchschnitt zwei pro Klasse.

Das ist eine große Herausforderung. Dazu ist eine Reihe von Fortbildungen nötig. Zur Zeit arbeiten bei uns vier Förderschullehrer. Sie beraten die anderen Lehrer, sind völlig autark - und unbezahlbar mit ihren Erfahrungen. Zudem pflegen wir gute Beziehungen zur Käthe-Kollwitz-Schule. Wir sind in Sachen Inklusion gut aufgestellt und auch eine eigene Koordinatorenstelle, getragen aus dem Schuletat.

Manche Kinder können sicher an der Förderschule besser gefördert werden, deshalb müssen Wechsel möglich sein. Der Vorteil der Inklusion ist aber, dass das Elternrecht gestärkt worden ist. Was ich jedoch etwas kritisch sehe, ist, dass das Gymnasium mit 0,1 Prozent faktisch nicht beteiligt ist. Nach den Beratungsgesprächen haben Eltern offenbar oft Bedenken. Es sollten sich aber alle Schulen adäquat beteiligen.

Welches Fazit ziehen sie nach fast 25 Jahren?

Bick: Bei allem Ringen und Streiten ist in der Summe sehr viel Positives für die Schule herausgekommen. Ich kann sagen: Die Freude an der Arbeit hat eindeutig überwogen. Schulleiter an Schulen, die gut funktionieren, die bleiben auch.

Und was wir der frisch pensionierte Daniel Bick als erstes anpacken?

Bick: Ich bin nicht derjenige, der Pläne für die Zukunft nach dem Job gemacht hat. Sicher ist bald mehr Zeit für Hobbys. Aber sicher werden sich auch neue Projekte ergeben. Nur noch Freizeit zu haben, wäre mir zu langweilig – und würde auch nicht zu mir passen.

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