Alsdorf/Eschweiler - Interview mit Vorsitzendem der Spruchkammer des Fußballkreises

Interview mit Vorsitzendem der Spruchkammer des Fußballkreises

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Heinrich Josef Loritz: Seit Mai vergangenen Jahres urteilt er über Recht und Unrecht auf den Fußballplätzen in der Region. Foto: Verena Müller
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Rote Karte: Wenn die Streitigkeiten auf oder neben dem Spielfeld eskalieren, muss die Spruchkammer des Fußballkreises Aachen in Sachen Sportrecht ran. Foto: Imago/Blickwinkel

Alsdorf/Eschweiler. Die Zahl der Verhandlungen vor der Spruchkammer des Fußballkreises Aachen hat in jüngster Vergangenheit eine traurige Blüte erreicht und fällt zeitlich zusammen mit dem Antritt von Heinrich Josef Loritz als Vorsitzender der Kreisspruchkammer (KSK).

Einen kausalen Zusammenhang gebe es aus seiner Sicht aber nicht, sagt Loritz im Interview mit unserer Redakteurin Verena Müller mit einem Augenzwinkern. Sie sprach mit ihm über die Hintergründe der Entwicklung und die Erfahrungen, die Loritz im ersten Dreivierteljahr gemacht hat.

Herr Loritz, welche Fälle landen vor der Spruchkammer?

Heinrich Josef Loritz: Überwiegend geht es um verbale und körperliche Auseinandersetzungen zwischen Spielern oder zwischen einem Spieler und dem Schiedsrichter. Oft sind Zuschauer und Spieler involviert, wie es jetzt kürzlich bei der Hallenstadtmeisterschaft in Alsdorf geschehen ist. Verfahrensfehler, etwa, dass ein Verein es versäumt hat, die Spielerpässe vorzulegen, sind eher das geringste Übel.

Wie viele Fälle hatten Sie bereits, seit Amtsantritt?

Loritz: Gerade sind drei neue Fälle dazugekommen, damit sind es dann 80 Vorgänge, wovon 60 im mündlichen und 20 im schriftlichen Verfahren abgehandelt wurden.

Das kommt mir recht viel vor, für nicht mal ein Jahr.

Loritz: Das ist es auch.

Wie erklären Sie sich das? Sind die Vereine verantwortlich zu machen, weil sie ja letztlich über die Mannschaftsaufstellung entscheiden?

Loritz: Das ist schwierig zu beantworten. Die Vereinsverantwortlichen können ja nicht in die Köpfe der Menschen hineinschauen. Sie wissen nicht, wie sich ein Spieler verhält, wenn sie ihn für den Verein gewinnen. Außerdem muss man bedenken, dass ein breites Spektrum an Nationalitäten und sozialer Herkunft im Fußball repräsentiert ist. Aber ich will es mal so sagen: Wer extrem auffällig geworden ist, sich mehrmals verfehlt hat und sogar schon mal gesperrt war, den möchten wir eigentlich nicht mehr auf dem Platz sehen. Hier müssten uns die Vereine erheblich mehr unterstützen.

Sie haben vergleichsweise spät die Fußballschuhe geschnürt. Mit 18. Warum nicht schon viel früher?

Loritz: Das hatte mit meiner Kindheit und gesundheitlichen Gründen zu tun. Als ich dann selbst entscheiden konnte, bin ich sofort Mitglied in meinem damaligen Heimatverein SV 1919 Rödingen-Höllen (heute Fußballkreis Düren) geworden, habe gespielt, früh als Schiedsrichter auf dem Platz gestanden und später die verschiedensten Ämter im Verein bekleidet.

Das erklärt natürlich die besonders intensive Bindung zum Fußballsport, aber noch nicht, warum Sie sich zum Vorsitzenden der Spruchkammer haben wählen lassen. Woher der ausgeprägte Gerechtigkeitssinn?

Loritz: Der entwickelt sich von selbst, wenn man so viele Jahre als Schiedsrichter im Einsatz war und positive wie negative Erfahrungen gesammelt hat. Dass ich das Amt übernommen habe, rührt in erster Linie von meinem Alter und dem ein oder anderen Wehwehchen. So bleibe ich dem Sport verbunden. Ich muss allerdings an der Stelle erwähnen, dass ich nach einer kurzen Pause zur Einarbeitung in die Kreisspruchkammer wieder als Schiedsrichter im Einsatz bin. Das hat mir dann doch sehr gefehlt.

Wie ist das eigentlich: Hat der Schiedsrichter auch vor der Spruchkammer grundsätzlich recht?

Loritz: Nein. Natürlich schützen wir die Schiedsrichter besonders. Aber es kann durchaus vorkommen, dass sich die Sachlage am Ende anders darstellt als im Spielbericht und/oder Zusatzbericht festgehalten wurde. Viele Konflikte haben ja eine Vorgeschichte.

Das heißt, manches hat seine Ursache vielleicht vor dem Spiel, wovon der Schiedsrichter keine Kenntnis haben kann.

Loritz: Zum Beispiel.

Welche Strafen verhängen Sie?

Loritz: Ganz unterschiedlich. Mal ist ein Verweis oder Ordnungsgeld angemessen, mal eine mehrwöchige Sperre. Bei schwerwiegenden Vergehen ist durchaus auch eine mehrjährige Sperre oder ein Ausschluss möglich.

Die Kosten tragen die Spieler selbst?

Loritz: Das ist nicht wie im Zivilrecht. Im Sportrecht kann man keinen Spieler direkt belasten. Der Spieler trägt zwar in der Praxis persönlich die Kosten, der Verein ist aber immer in der Mithaftung.

Wie haben Sie sich mit dem Sportrecht vertraut gemacht; sind Sie speziell geschult worden?

Loritz: Nein, man liest sich einfach in die Rechts- und Verfahrensordnung ein, der Rest ist learning by doing. Manchmal helfen auch der gesunde Menschenverstand und die Regelkenntnis.

Werden häufig Einsprüche gegen Urteile der KSK eingelegt?

Loritz: Nicht sehr oft. Gerade liefen drei Einsprüche, wovon einer vom Verein zurückgenommen wurde.

Wie viele Instanzen gibt es nach der Kreisspruchkammer?

Loritz: Die Bezirksspruchkammer, Verbandsspruchkammer der Landesverbände, die Verbandsspruchkammer des WDFV und das Verbandsgericht. Eine Weitergabe an die übergeordneten Rechtsorgane kommt eher selten vor.

Kennen Sie immer die Vorgeschichten der Spieler?

Loritz: Dank DFB-Net ja. Dort kann ich bei jedem einzelnen Spieler nachschauen, ob er beispielsweise schon eine Vorsperre in der Saison oder früher gehabt hat.

Wie ist das übliche Prozedere, wenn die Spruchkammer gerufen wird?

Loritz: Grundsätzlich erhalten wir den Spielbericht und gegebenenfalls den Zusatzbericht des Schiedsrichters über die spielleitende Stelle, mit dem Auftrag tätig zu werden. Wir, die Spruchkammer, reagieren nicht auf Zuruf oder auf Anrufe einzelner Vereinsmitglieder. Selbstverständlich kann auch ein Verein sich offiziell über das elektronische Postfach an die Kreisspruchkammer wenden. Nach dem Auftrag durch die spielleitende Stelle entscheide ich als Vorsitzender, ob es hier zu einem mündlichen oder schriftlichen Verfahren kommt. Zum mündlichen Verfahren erstelle ich dann die Klageschrift mit der Einladung zur Verhandlung an die Betroffenen.

Wer erscheint alles zum Termin?

Loritz: Wenn es beispielsweise um eine Auseinandersetzung zwischen Spielern geht: die involvierten Spieler selbst, dazu grundsätzlich ein Vorstandsvertreter des jeweiligen Vereins und der Schiedsrichter. Zusätzlich sind die Vereine aufgefordert, Zeugen zu benennen, die sachdienliche Hinweise geben können.

Wie geht es in der Regel zu? Sachlich? Erhitzt?

Loritz: Ich bleibe grundsätzlich immer sachlich. Ich musste erst dreimal etwas deutlicher werden.

Hat man Sie schon mal beleidigt?

Loritz: Das würde ich mir nicht bieten lassen. Ich würde denjenigen des Saales verweisen. Erst einmal wurde ein Ordnungsgeld wegen Missachtung der Kammer verhängt.

Was war vorgefallen?

Loritz: Ein Beklagter wollte sich einfach nicht beruhigen und redete einfach auf seinen Gegenüber weiter ein. Selbst nach meiner Aufforderung wollte er nicht aufhören. Jeder hat die Chance, seine Sichtweise sachlich vorzubringen. Bei der Erstbefragung der Beklagten frage ich dann oft: „So, nun mal raus mit der Wahrheit. Was ist denn nun wirklich vorgefallen, trifft alles zu wie es angeklagt wurde?“

Sind die Betroffenen einsichtig und reumütig? Oder wird häufig gelogen?

Loritz: Ach wissen Sie, manchmal denke ich, wenn der Raum Balken hätte...

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