AZ App

Integration: Durch das Nadelöhr Sprache müssen alle

Von: Verena Müller
Letzte Aktualisierung:
11940848.jpg
Spracherwerb ist das A und O: In der Grundschule St. Barbara sind zwei Deutsch-Intensivkurse eingerichtet worden, in denen Maike Kempen Schüler wie Elena (11) unterrichtet. Foto: Müller,Hansmann
11940855.jpg
Am Berufskolleg Alsdorf besuchen jugendliche Flüchtlinge Internationale Förderklassen, in denen sie auch Praktika absolvieren wie rechts im Bild Jourdain Tchotou. Foto: Müller,Hansmann

Nordkreis. Neugierig umringen die Kinder Mandy Meisel, als diese den Unterrichtsraum für den Deutsch-Intensivkurs betritt. Große, freundliche Augenpaare ruhen auf ihr, warten gespannt, was sie sagen wird. „Die Zeitung ist zu Besuch“, erklärt die Schulleiterin, die Integration von Flüchtlingskindern sei das Thema, fügt sie, an Kursleiterin Maike Kempen gerichtet, an.

Ein paar Bilder werden gemacht, die Kinder wollen die Ergebnisse auf dem Display der Kamera sehen. „Nur eines?“, fragt ein Junge gespannt. Nein, mehrere, aber dasselbe Motiv, lautet die Antwort. Ruhig, höflich, zugewandt sind die Kinder. Davon kann manche Grundschullehrerin im Regelunterricht nur träumen.

Hilfestellungen im Alltag

250 Kinder und Jugendliche aus Flüchtlingsfamilien zwischen sechs und 17 Jahren sind derzeit im Nordkreis schulpflichtig (Stand: 10. März 2016). Nicht nur ihre Herkunft, auch ihr Bildungsstand und die besonderen Bedürfnisse, die sie mitbringen, sind von Fall zu Fall verschieden.

Da geht es nicht nur um intensiven Deutschunterricht oder um das Schließen von Bildungslücken, sondern auch um Hilfestellungen im Alltag und – vor allem mit Blick auf Jugendliche, die die Flucht ohne ihre Familie bewältigt haben – nicht selten darum, ein offenes Ohr zu haben und ein hohes Maß an Empathie mitzubringen. Für beide Seiten ist die Belastung hoch.

Auf freiwilliger Basis

„Das ist kein Unterricht wie jeder andere“, fasst Thomas Becker, Leiter des Berufskollegs der Städteregion, die Lage zusammen. Die 50 Jugendlichen, die an seiner Schule derzeit in Internationalen Förderklassen unterrichtet werden, haben nicht ausschließlich Fluchthintergrund, aber überwiegend. „Viele sind traumatisiert und haben viele Fragen“, so Becker. Viele seien am Anfang stabil, erlebten dann aber nach ein paar Wochen einen Tiefpunkt. „Ein großer Teil ist in psychologischer Behandlung“, weiß Becker.

Zwölf bis 14 Lehrer arbeiten derzeit am Berufskolleg mit dieser Schülergruppe, alle haben sich freiwillig gemeldet. Eine Stelle war zusätzlich geschaffen worden. Mehr Personal ist laut Becker nicht erforderlich, da die Schule im Stellenplan einen leichten Überhang hatte.

„Die Kollegen haben sich sehr engagiert auf die Arbeit eingelassen, das muss ich an dieser Stelle ausdrücklich betonen“, sagt der Schulleiter. Und wenn die Kollegen selbst an die Grenze der Belastbarkeit geraten, wenn das, was die Jugendlichen ihnen erzählen – für sie kaum zu verarbeiten ist ... was dann? Becker sagt, dass diese Situation noch nicht eingetreten sei. Eine Supervision sei nicht vorgesehen, er setze derzeit auf den Austausch mit den Kollegen, auf Teambesprechungen.

Derjenige, der die Eingliederung der Flüchtlinge in den Schulalltag betreut, ist Detlef Hansmann, Abteilungsleiter für Internationalisierung und Integration. Seit zwei Jahren ist er in Alsdorf, nachdem der Berufsschullehrer für Maschinen- und Fertigungstechnik mehrere Jahre im Ausland gearbeitet hat. Zuletzt für die Deutsche Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) in der Berufsbildung im Nahen Osten und in Afrika.

Im April/Mai des vergangenen Jahres war die erste Internationale Förderklasse unter seiner Regie am Berufskolleg eingerichtet worden, vor wenigen Wochen wurde die dritte aufgemacht.

Maximal 18 Schüler sind pro Klasse vorgesehen. Zwölf Stunden die Woche Deutsch, Religion/Praktische Philosophie, Sport/Gesundheitsförderung, Politik/Gesellschaftslehre und daneben Berufsorientierung, Mathe und Englisch sowie der Differenzierungsbereich stehen auf dem Stundenplan.

Nach einem Jahr sollen die Schüler im Idealfall fit für den Regelunterricht sein. Soweit die Theorie. „Die Mehrzahl wird das Jahr wiederholen“, sagt Hansmann. Was nicht schlimm sei, eine einmalige Wiederholung sehe das Programm sowieso vor.

Die Fortschritte im Deutschunterricht seien bei den meisten seiner Schüler einfach noch nicht ausreichend, führt Hansmann weiter aus. Wobei man sagen muss, dass nicht nur Alltagsdeutsch vermittelt wird, sondern auch eine Vielzahl von Fachbegriffen – wie sie eben in den begleitenden Praktika und später in der Ausbildung in Betrieben vom Pflegeheim bis hin zur Autowerkstatt benötigt werden.

„Auch die Erfahrung, acht Stunden am Tag zu arbeiten und gefordert zu sein, ist für manche eine Herausforderung“, sagt Hansmann. In dem Punkt unterschieden sich die Jugendlichen aber nicht von anderen Berufsschülern.

Viel größere Sorge bereite ihm der Umstand, dass die unbegleiteten Flüchtlinge nach einer Übergangsfrist mit 18 Jahren aus der sozialpädagogischen Betreuung herausfallen. Wenn keine ehrenamtlichen Paten einspringen, sind über 18-Jährige unter Umständen auf sich gestellt, so sie nicht in einer Wohngruppe untergebracht sind.

Mit diesen Sorgen sind Lehrer an Grundschulen nicht belastet. Die Situation ist in vielerlei Hinsicht eine ganz andere. Hier gibt es keine separaten Klassen, die Kinder werden vielmehr sofort in den Regelunterricht integriert. „Sprachbad“ nennt man das.

So schnell wie möglich fit

Neu hinzugekommen sind in der Städteregion an zwei Standorten – in Baesweiler und Eschweiler – sogenannte Deutsch-Intensivkurse. An zwei oder drei Tagen die Woche sind die Kinder dafür vom Regelunterricht befreit.

Das Ziel ist aber an Grund- und weiterführenden Schulen das gleiche: Schüler so schnell wie möglich fit für eine normale Schullaufbahn zu machen.

Mandy Meisel, Leiterin der Gemeinschaftsgrundschule St. Barbara Setterich, sagt, dass Traumatisierung bei ihren Grundschulkindern im Schulalltag keine offensichtliche Rolle spiele.

Knapp 170 Schüler in sieben Klassen zählt sie an ihrer Schule insgesamt, davon sind 30 an zwei bis drei Tagen die Woche in zwei Gruppen in Deutsch-Intensivkursen. Eine Lehrerin, Maike Kempen, ist ausschließlich dafür eingestellt worden, seit Januar sind die beiden Gruppen eingerichtet. „Alle, die kein Deutsch können, besuchen die Intensivkurse“, sagt Mandy Meisel.

Ähnlich wie in den Internationalen Förderklassen sind hier Flüchtlinge in der Überzahl. „Nach einem halben Kalenderjahr sprechen die Kinder normalerweise so gut Deutsch, dass sie die Kurse nicht mehr besuchen müssen“, berichtet die Schulleiterin. „Die Kinder lernen total gerne. Und wir merken, dass sie sich sprachlich schnell zurechtfinden.“

Nur die Hälfte (also 15) der Kinder besucht den Regelunterricht an ihrer Grundschule, die anderen sind anderen Primarschulen in Baesweiler zugeteilt und erscheinen nur tageweise für den Intensivkurs in der Barbaraschule.

Aufgenommen werden die Kinder als Quereinsteiger, also nicht zwingend zum neuen Halb- oder Schuljahr. Vor einem halben Jahr kamen die ersten. Versuche, die Kinder ohne Intensivkurse einzubinden, haben laut Meisel weniger schnell zu Erfolgen geführt als mit Intensivkurs. „Deshalb bin ich froh, dass so schnell Intensivkurse eingerichtet wurden“, sagt Meisel.

Maximal fünf Jahre können die Kinder – wie alle anderen Schüler auch – an der Grundschule bleiben. Die ersten beiden Klassen sind in maximal drei Jahren zu absolvieren. „Dass ein Kind von neun Jahren die erste Klasse besucht, ist ausgeschlossen“, erläutert Mandy Meisel.

Man würde das Kind normal, also gemäß Stichtag, einstufen. „Von den Flüchtlingskindern ist eine Viertklässlerin zwar schon sehr fit, sie beherrscht aber das Einmaleins nicht “, nennt Meisel ein Beispiel. Das sei Stoff der zweiten Klasse. Diese Lücken würden aber in der Regel schnell durch Fördermaßnahmen und zusätzliche Unterstützung geschlossen.

Kapazitäten vielfach erschöpft

Vielerorts in der Städteregion sind die Kapazitätsgrenzen für die Aufnahme von neuen Schülern bereits erschöpft, die Barbaraschule hat aber noch Luft. Laut Schulamt sind weitere Kurse an anderen Grundschulen und in anderen Kommunen des Nordkreises geplant, „können aber erst installiert werden, wenn entsprechend qualifizierte Lehrpersonen zur Verfügung stehen“, so die Direktorin Renate Katz.

„Für uns sind die Flüchtlingskinder wirklich eine Bereicherung“, sagt Mandy Meisel. „Das sind so tolle Kinder. Und auch tolle Familien.“ Und in das eh schon „bunte Bild“ von Setterich passten die Kinder sehr gut hinein.

Leserkommentare

Leserkommentare (0)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.